Der Antisemitismusvorwurf als Adelstitel

Vom schwierigen Verhältnis der US-Linken zum Antisemitismus

»After the holocaust, the worst thing that has happened to Jewish people is the state of Israel« steht auf dem sieben Meter langen Transparent, das Mitglieder der Revolutionary Communist Party 2009 vor dem Museum of Jewish Heritage in New York entrollen. Das Zitat geht zurück auf Bob Avakin, den Vorsitzenden der maoistischen Splitterpartei, und wurde seitdem auf Postern und Aufklebern vervielfältigt. Anlass der Aktion war die israelische Militäroperation im Gazastreifen, ihr Ziel war ein Museum, welches sich mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Judentums beschäftigt.

»If you have not been called anti-Semitic you are not working hard enough for justice in Palestine« – diese Aufschrift findet sich auf einem T-Shirt, welches Greta Berlin, die Mitbegründerin des Free Gaza Movement, vermarktet, bekannt gewordenen für die Gaza Freedom Flotilla. Die 73-Jährige US-Amerikanerin ist seit den sechziger Jahren Aktivistin in pro-palästinensischen und linken Bewegungen.

»Google: Jewish Billionaires«, »Google: Zionists control Wall St.«: Immer wieder findet sich ein Demonstrant mit diesen Schildern im Herbst 2011 auf dem New Yorker Camp von Occupy Wall Street (OWS) ein. Einige Tage wird er toleriert. Nach und nach versammeln sich einzelne Gegendemonstrant_innen und halten Schilder mit Aufschriften wie »This guy doesn‘t speak for me or Occupy Wall Street«, »I love Jews« oder »Asshole« in die Höhe.

Drei Beispiele für das Verhältnis der außerparlamentarischen US-Linken zum historischen und gegenwärtigen Antisemitismus, die Fragen aufwerfen: Warum greifen Aktivist_innen eine jüdische Organisation an, um gegen Israel zu protestieren? Wie lässt sich erklären, dass eine selbst ernannte Antirassistin stolz darauf ist, als antisemitisch bezeichnet zu werden? Wie verbreitet sind offene antisemitische Stereotype, und wer protestiert dagegen? Und was bedeutet die amerikanische Situation für Auseinandersetz-ungen um linken Antisemitismus in Deutschland?

Die mit diesen Fragen zusammenhängenden Antisemitismusdiskurse finden vor dem Hintergrund einer Krise statt, in der sich die amerikanische Linke spätestens seit dem Niedergang der New Left befindet, die als das letzte relevante Aufscheinen einer progressiv gesellschaftsverändernden Kraft bezeichnet werden kann. Nach den Neuen Sozialen Bewegungen in den achtziger Jahren fragmentierte sich die Linke zusehends. Mit der globalisierungskritischen Bewegung der neunziger Jahre wurde sie zwar noch einmal punktuell mobilisierungsfähig, brachte jedoch keine nachhaltigen Organisationsformen mehr hervor. Auch das kurze Aufleben der Occupy-Bewegung 2011 konnte an dieser Entwicklung nichts ändern. Die außerparlamentarische Linke setzt sich heute zusammen aus reformorientierten Liberalen, die am Rand der Democratic Party und in den Gewerkschaften zu Hause sind, einer sozialistischen Linken, die sich in marxistisch-leninistischen, trotzkistischen oder maoistischen Kleinstparteien oder Splittergrüppchen organisiert, und einer netzwerkartigen »neo-anarchistischen« Linken, die auf Themen wie Queerfeminismus, Radikalökologie, Tierrechte, Antirassismus und Gentrifizierungskritik setzt. Die gegenwärtige Bezugnahme auf Antisemitismus und Antizionismus, so wird im Folgenden gezeigt, stellt einen Ausdruck dieser Krise dar.

Artikulation, Akzeptanz, Abwehr, Ausschlüsse

In der Gegenwart artikulieren amerikanische Linke gelegentlich diffamierende antisemitische Stereotype, doch das ist nicht die Norm. Auffällig ist allerdings, dass diese – etwa auf Demonstrationen – bereitwilliger akzeptiert werden als beispielsweise sexistische, rassistische oder homophobe Bilder oder Äußerungen. Antisemitismus, das ist ein blinder Fleck der Bewegung. Man setzt sich mit dem Thema nicht auseinander, es wird offen abgewehrt, marginalisiert, belächelt. Während es bei Occupy rege Diskussionen um Sexismus und »weiße Privilegien« auf Camps, in Zeitschriften und Internetforen gab, wurde eine Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus in den eigenen Reihen trotz entsprechender Vorwürfe von außen als überflüssig erachtet. Antisemitismus, das ist kein linkes Thema. Mehr noch: Wer sich mit Antisemitismus beschäftigt – sei es in historischer, sei es in aktueller Perspektive, und ganz unabhängig von etwaigen Positionierungen zu Israel – setzt sich dem Verdacht aus, ein rechtskonservativer »Zionist« zu sein. Antizionismus aber ist unbedingter Teil linker Identität in den USA. Der Versuch, diesen linken Konsens zu brechen, wird mit Kritik und Ausschluss geahndet. Nicht selten werden Jüdinnen und Juden qua Identität zu ihren Positionen zu Israel befragt und müssen somit für die Linke einen »Zulassungstest« bestehen. Aber auch nicht-jüdische Aktivist_innen setzen sich der Gefahr des Ausschlusses aus dem linken »Wir« aus, sobald sie die gängige Dämonisierung Israels hinterfragen.

Diese Situation lässt sich bei näherer Betrachtung nicht mit einem tiefsitzenden linken Antisemitismus oder – im Falle der zahlreichen jüdischen Aktivist_innen – mit »jüdischem Selbsthass« erklären. Der Schlüssel liegt vielmehr in linker Theorie und Geschichte, aber auch in den spezifischen historisch-politischen Bedingungen der Vereinigten Staaten.

Anders als in Deutschland war Antisemitismus in den USA zwar phasenweise virulent, aber nie Staatsprogramm. Seit den fünfziger Jahren haben antisemitische Einstellungen stark abgenommen, einen von Schuldabwehr geprägten Sekundärantisemitismus gibt es nicht in vergleichbarer Form. Jüdinnen und Juden sind seit dem Zweiten Weltkrieg eine etablierte gesellschaftliche Minderheit und auch in der Linken sichtbar vertreten. Und schließlich sind die USA nicht nur Israels engster Alliierter, pro-israelische Einstellungen sind auch in der Bevölkerung weit verbreitet. All diese Faktoren müssen notwendigerweise Auswirkungen auf linke Positionen zum Antisemitismus haben und sollen im Folgenden beleuchtet werden.

»Two-Four-Six-Eight, We Demand a Jewish State«

Nicht immer wurde Antisemitismus trivialisiert und der jüdische Staat dämonisiert. So beteiligte sich die Communist Party of the United States of America (CPUSA), die größte linksradikale Organisation in der Geschichte des Landes, in den frühen dreißiger Jahren an gewalttätigen Protesten bei öffentlichen Reden von deutschen Nationalsozialisten und an Blockaden deutscher Schiffe in US-Häfen und war in Anti-Nazi-Bündnissen aktiv. Im März 1948 gingen rund 10.000 Mitglieder kommunistischer Gewerkschaften in New York auf die Straße und forderten die USA auf, sich in den Vereinten Nationen für die Teilung Palästinas einzusetzen. Ihr Slogan: »Two-Four-Six-Eight, We Demand a Jewish State«. Die Politik der parteikommunistischen Old Left der dreißiger und vierziger Jahre war allerdings stets von den Direktiven Moskaus abhängig. Und entsprechend fanden sich auch hier bereits – je nach Konjunktur der KPdSU – Einstellungen, die negative Auswirkungen auf Jüdinnen und Juden hatten: Die Verurteilung ethnischer Loyalitäten und religiöser Partikularidentitäten setzte die größtenteils aus Osteuropa eingewanderten jüdischen Sozialist_innen und Kommunist_innen unter Assimilationsdruck, die 1919 gegründete CPUSA sollte »amerikanisiert« werden und im Einklang mit Lenin standen Klasseninteressen über nationalen Interessen. Zwischen den späten zwanziger Jahren und dem Ende der vierziger Jahre war Antizionismus in der Partei Konsens und sollte es auch wenig später wieder werden. Der spätstalinistische Antizionismus Moskaus inklusive seiner antisemitischen Exzesse, die ihren Höhepunkt in den Schauprozessen gegen jüdische Parteimitglieder fanden, wurde von der CPUSA nie kritisiert.

Dieser Antizionismus sollte sich in der New Left der sechziger und siebziger Jahre zuspitzen. »Zionismus« wurde in der New Left zunehmend zur Chiffre für alles Böse: für Nationalismus, Imperialismus, Monopolkapitalismus, Rassismus. Auch der dualistische Antiimperialismus der Old Left lebte fort und wurde ergänzt durch Antirassismus – einer weiteren theoretischen Traditionslinie, die für heutige Debatten wichtig ist. Antirassismus war spätestens mit der Bürgerrechtsbewegung zum zentralen Paradigma der amerikanischen Linken geworden und wurde von der New Left zementiert, nicht zuletzt durch die Black-Power-Bewegung. Diese Entwicklung fiel mit dem ökonomischen Aufstieg großer Teile des amerikanischen Judentums zusammen. Einige schwarze Nationalist_innen sahen in Jüdinnen und Juden die Personifikation des Kapitalismus. Außerdem wurden Jüdinnen und Juden zunehmend als »weiß« betrachtet und spielten daher im antirassistischen Analyseraster keine Rolle. Schwarze waren hingegen in den Augen der New Left das neue revolutionäre Subjekt. Über Anti-semitismus zu sprechen, das fiel in der Linken immer schwerer.

Interventionsversuche: Jüdischer Feminismus und Jewish New Left

Die Abwehr der Auseinandersetzung mit Antisemitismus in den eigenen Reihen findet auch in dieser Zeit historische Vorläufer. Denn nach dem Sechs-Tage-Krieg, der in der US-Linken eine antizionistische Wende nach sich zog, wurde erstmals Unwohlsein an Positionen artikuliert, die mit ihrer Dämonisierung, ihrer Delegitimierung und ihren Doppelstandards gegenüber dem jüdischen Staat Schnittstellen zu genuinem Antisemitismus aufwiesen. Die lesbische Aktivistin Irena Klepfisz sprach in diesem Zusammenhang von einem »Antisemitismus der Auslassung« und die Feministin Letty Pogrebin nannte Antisemitismus »die verborgene Krankheit der Bewegung«. In einem vielbeachteten Artikel im Ms. Magazine kritisierte sie 1982, dass soziale Bewegungen Judenfeindschaft nicht ernst nehmen würden – und beeinflusste damit eine der wenigen selbstkritischen Debatten der Linken. Jüdische Feministinnen versuchten zu dieser Zeit, den durchaus existenten Antisemitismus in der Zweiten Frauenbewegung mit den bewegungsimmanenten theoretischen Werkzeugen zu kritisieren: Für den Feminismus der siebziger Jahre war klar, dass Betroffene zu definieren hatten, was als Diskriminierung gilt – Frauen wüssten, was Sexismus ist, und nur People of Color hätten das Recht zu sagen, ob eine Situation rassistisch ist oder nicht. Darüber hinaus war in Zeiten zunehmender gesellschaftlicher Liberalisierung post-68 deutlich geworden, dass Diskriminierung sich subtiler zeigt als in offenem Hass. Vor dem Hintergrund dieser Erkenntnisse, so argumentierten Klepfisz, Pogrebin und andere, sei es doch nur folgerichtig, dass jüdische Frauen definieren, was für sie als antisemitisch gilt, und dass außerdem der Antisemitismus subtilere Ausdrucksformen findet als offenen Judenhass. Kurz, es gälte, antizionistische Diskurse auf ihren potentiellen antisemitischen Gehalt hin zu analysieren.

In ähnlicher Weise hatte ein Jahrzehnt zuvor, in den siebziger Jahren der New Left, für kurze Zeit die Jewish New Left gewagt, in die Bewegung zu intervenieren. Hierbei handelte es sich um einen losen Zusammenhang jüdischer Linksradikaler, die weder den aufflammenden Antizionismus der Linken noch die konservativen Reaktionen des amerikanisch-jüdischen Mainstreams guthießen. In der Sprache des damals aufkommenden schwarzen Nationalismus begannen sie, den Blick auf Israel und den Zionismus strategisch umzudeuten: Wenn die Linke so selbstverständlich den nationalen Befreiungsbewegungen die Daumen drückte, sei es dann nicht nur konsequent, den Staat der Holocaustüberlebenden zu unterstützen? Diese Interventionsversuche führten allerdings nur sehr punktuell zu Bewusstseinsänderungen.

Nationaler Kontext ...

In diesen historischen Erfahrungen zeigt sich nicht nur Kontinuität zur heutigen Situation, es deuten sich auch Erklärungen für gegenwärtige Antisemitismusdiskurse an – für das vereinzelte Auftreten von Stereotypen, für die Abwehr der Auseinandersetzung. Sie liegen begründet in einem Zusammenspiel von historischen Faktoren und ideologischen Reaktionen der Linken, die wiederum theoretisch fundiert sind.

Ein offensichtlicher Einflussfaktor ist die weitgehende Abwesenheit von offenem Antisemitismus in der amerikanischen Gesellschaft. Zwar befanden laut Studien der Anti-Defamation League im Jahr 2011 weiterhin 19 Prozent der Bevölkerung die Aussage »Juden haben zu viel Kontrolle/Einfluss an der Wall Street« als »wahrscheinlich wahr«, und 14 Prozent stimmten dem Satz »Juden haben heutzutage zu viel Macht in den USA« zu. Aber im Vergleich zum institutionellen, medialen und individuellen Rassismus gegenüber Schwarzen oder Muslim_innen sind diese Zustimmungswerte gering, finden seltener Ausdruck in Handlungen, und sind Ergebnis einer Erfolgsgeschichte: Wie keine andere Minderheit durchliefen Juden und Jüdinnen nach dem Zweiten Weltkrieg einen Prozess des whitening, der mit dem Aufstieg in die Mittelklasse einherging. Dieser ökonomische und soziale Erfolg aber bewog die Linke, die Spezifik des Antisemitismus außer Acht zu lassen. Die critical race theory trug das Ihre dazu bei: Im Paradigma der Critical Whiteness Studies können Jüdinnen und Juden nunmehr nur noch als »weiß« und somit »privilegiert« gedacht werden. Race wird aber besonders nach 9/11 noch auf einer anderen Achse relevant: Nachdem der Rassismus gegenüber als muslimisch oder arabisch identifizierten US-Bürger_innen zugenommen hatte, rückte für die Linke dieser Kampf in den Vordergrund.

Er war häufig von einer Opferkonkurrenz begleitet, die von der Linken auch auf die Vergangenheit und auf den Umgang mit dem Holocaust projiziert wird: Tatsächlich hat die Vernichtung der euroäischen Jüdinnen und Juden, nach Jahrzehnten des Schweigens, seit den achtziger Jahren langsam einen festen Platz in der amerikanischen Erinnerungskultur erhalten. Sie fand Eingang in die Rahmenlehrpläne der meisten Bundesstaaten, ihrer wird in öffentlichen Zeremonien gedacht und das 1993 erbaute United States Holocaust Memorial Museum (USHMM) widmet sich ihrer Erforschung und Vermittlung. Im Vergleich zur Sklaverei und zur Vernichtungspolitik gegenüber den Native Americans erhält der Holocaust deutlich mehr Aufmerksamkeit, was nicht nur die entsprechenden Opfergruppen, sondern auch amerikanische Linke seit Jahrzehnten veranlasst, ein intensiveres Gedenken an die Opfer US-amerikanischer Politik und Kriege einzufordern. Diese Forderungen gehen oft zu Lasten der Holocaust-erinnerung, die ja überdies noch – siehe Eingangsbeispiel – als ein ideologisches Instrument amerikanischer und israelischer Politik betrachtet wird.

Ähnliches gilt für den Kampf gegen Antisemitismus. In den USA wird dieser vor allem von jüdischen Organisationen geführt, die seit den siebziger Jahren fast alle dem konservativen politischen Spektrum zuzuordnen sind. Viele von ihnen vertreten auch eine pro-israelische Politik. Vonseiten der Linken ist hier oftmals ein politischer Fehlschluss zu beobachten: »Antisemitismus« verkommt zur Chiffre, die Thematisierung von Antisemitismus wird mit einer rechten, »zionistischen« Position assoziiert. Sie sei, so die dominante linke Sichtweise, rein strategisch motiviert, um von israelischen Menschenrechtsverletzungen abzulenken. In der Verlängerung wird jedes Sprechen über Antisemitismus als rassistisch wahrgenommen, diene es doch in einer anti-palästinensischen, anti-muslimischen Politik. Auch die Kritik am linken Antisemitismus wird meist von rechts artikuliert – und in der Konsequenz nicht ernst genommen sondern lediglich als Versuch gedeutet, eine ganze Bewegung zu diskreditieren. Umgekehrt wird dann der Antisemitismusvorwurf zum Adelstitel: In einer linken Logik zeigt er an, dass man auf der »richtigen Seite« steht, und – so das T-Shirt von Greta Berlin – sich genug angestrengt hat im Kampf für die Palästinenser_innen.

Diese innenpolitische Gemengelage mit ihren Auswirkungen auf linke Antisemitismusdiskurse wird endgültig kompliziert, wenn die Spezifik innerjüdischer Debatten mit einbezogen wird. Die amerikanisch-jüdische Community befindet sich in einer Krise: Die beiden identitären Säulen »Holocaust« und »Israel« rufen gerade in der jüngeren Generation wenig Resonanz hervor. Linke Jüdinnen und Juden, in der US-Bewegung sichtbar und aktiv, wenden sich in ihren Aktivitäten auch gegen die Repräsentationspolitiken ihrer selbsternannten Vertreter_innen. In ihrem Versuch der alternativen Definition jüdischer Identität beziehen sie sich auf eine über hundert Jahre währende Tradition jüdischen Engagements in der amerikanischen Gewerkschafts- und Bürgerrechtsbewegung, in anarchistischen Organisationen und kommunistischen und sozialistischen Parteien. So bildete sich im Rahmen von Occupy Wall Street etwa eine Bewegung namens Occupy Judaism. Sie verband jüdische Traditionen und soziale Kämpfe, betete für die Abschaffung des Kapitalismus und veranstaltete freitägliche Sabbat-Dinner in manchen Camps. Der Antizionismus und das Hinterfragen der eigenen »Opfergeschichte« sind für viele Jüdinnen und Juden Konsequenzen aus diesen Auseinandersetzungen innerhalb der amerikanisch-jüdischen Community.

Und schließlich spielt eine weitere nationale Besonderheit in linke Positionsbildungen mit hinein: Die USA sind ein enger Verbündeter Israels und unterstützen das Land finanziell und militärisch. Nach einer Bevölkerungsumfrage aus dem Jahr 2011 war beinahe die Hälfte der Befragten auf der israelischen Seite, lediglich 18 Prozent sympathisierten mit den Palästinenser_innen. Auch das mediale Bild von Israel ist positiver als beispielsweise in Deutschland. Bei Linken führt dies dazu, dass sich Sorge um die Unsichtbarkeit der palästinensischen Seite im Konflikt mit Kritik an den USA verzahnt. In der Folge wird Antisemitismus als ein beeinflussender Faktor im Nahostkonflikt allzu oft verdeckt.

... und linke Theorie

Doch der nationale Kontext und seine historischen und aktuellen Gelegenheitsstrukturen müssen auf eine bestimmte Weise interpretiert werden – linke Theorie bietet Erklärungen an. Die skizzierten historischen Ideologiefragmente enthalten dabei Anschlussstellen für die gelegentliche Artikulation antisemitischer Stereotype wie für ihre Akzeptanz. Dazu gehören spezifische Antisemitismusverständnisse, einseitige Erklärungen von Kapitalismus, Imperialismus und Rassismus wie auch die Fokussierung auf US-Politik.

Wenn Antisemitismus in marxistisch-leninistischer Manier nur als Instrument der herrschenden Klasse zur Spaltung der Arbeiter_innenschaft gesehen wird, oder als verständliches Resultat der Handlungen Israels, dann ist die beste Strategie gegen seine Bekämpfung notwendigerweise die Kritik an Israel, und dann kann er in der Linken auch gar nicht vorkommen. Ein falscher Antikapitalismus wie der von OWS propagierte, der sich der Gegenüberstellung von »Wall Street« und »Main Street« bedient, wird die Schuldigen für die Verwerfungen des Kapitalismus immer bei Gruppen suchen, die historisch mit dieser gesellschaftlichen Sphäre assoziiert wurden. Er ebnet überdies Verschwörungstheorien den Weg.

Der »manichäische Antiimperialismus« wird den Schuldigen im Nahostkonflikt immer schon ausgemacht haben: Israel kann hier einzig als Aggressor, Palästinenser_innen alleinig als Opfer gedacht werden. Und eine bestimmte Ausprägung des Antirassismus wird diesen nur entlang der Achse black/white denken, Juden als »weiße« und daher mit Privilegien ausgestattete »Gewinner« betrachten, und unfähig sein, eine Erklärung für die weltweite Fortexistenz von Antisemitismus zu entwickeln. Mehr noch: Hier finden sich auch Anknüpfungspunkte für klassische Stereotype jüdischer Macht.

Schließlich resultiert das Beherzigen von Karl Liebknechts Diktum »Der Hauptfeind steht im eigenen Land« nicht selten in der Ignoranz gegenüber historischem und gegenwärtigem Antisemitismus: Wenn der Blick weg vom Holocaust hin zum amerikanischen Imperialismus und seinen tödlichen Auswirkungen gelenkt wird, dann droht die Spezifik der Judenvernichtung verloren zu gehen. Wenn der Schwerpunkt der Kritik auf den Auswirkungen von amerikanischen Waffenlieferungen und der Unterstützung Israels liegt, rückt die regressive Ideologie der Feinde Israels in den Hintergrund.

From Ferguson to Palestine

Diese Positionen bieten nicht nur punktelle Anschlussstellen für Antisemitismus, sie sind auch Ausdruck der eingangs erwähnten Krise der amerikanischen Linken. Insbesondere in sozialistischen und neoanarchistischen Strömungen lebt ein Antiimperialismus fort, der sich seit dem Niedergang des Realsozialismus auf ein pures »Dagegen« beschränkt: Während die New Left noch den Gegnern der USA – den nationalen Befreiungsbewegungen im Vietnam, Nicaragua und anderswo – ob ihrer realen oder vermeintlichen progressiven Ziele die Daumen drückte, dominierte nach den Kriegen im Irak und Afghanistan nach 9/11 eine Logik, der gemäß die Feinde der USA um jeden Preis zu unterstützen seien. Moishe Postone spricht in diesem Zusammenhang von einem »wiedererwachten Manichäismus«. Der Antiimperialismus als sein Kernelement aber richtet sich nicht nur gegen die USA, sondern verstärkt auch gegen Israel. So konnte der Antizionismus eine klaffende ideologische Lücke und Sehnsucht füllen: Der Zionismus wurde Symbol für Imperialismus, Kolonialismus und »alles Böse« – umgekehrt bedeutete seine Ablehnung, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Nur so lässt sich erklären, warum das Haupttransparent auf einer Demonstration gegen die Entscheidung der Grand Jury im Fall Ferguson im November 2014 in Seattle verlauten ließ »Occupation is a crime / From Ferguson to Palestine / Resist U.S. Racism / Boycott Israel«: Der Nahostkonflikt wird in den unwahrscheinlichsten Situationen in den politischen Diskurs eingebracht. Die Ablehnung Israels ist der einzige gemeinsame Nenner einer zersplitterten radikalen Linken.

(Keine) Wege aus der Ohnmacht

Der Blick auf die USA verweist gerade vor dem Hintergrund deutscher Auseinandersetzungen auf das Allgemeine und das Partikulare im Verhältnis der Linken zum Antisemitismus: Es gibt linke Theorietraditionen und irrige Analysen – von Kapitalismus, Imperialismus, Herrschaft, Rassismus – die Anschlussstellen für antisemitische Stereotype bilden. Ob diese Anschlussstellen allerdings wirksam werden und wie sie sich artikulieren, hängt von historischen Umständen und gesellschaftlichen Bedingungen ab.

Es täte der deutschen Linken gut, stärkere Sensibilität für die Kontextabhängigkeit von Positionierungen zu zeigen. Der unbedingte Antizionismus der US-Linken kann antisemitische Effekte haben, wie zum Beispiel beim Boykott israelischer universitärer Einrichtungen deutlich wird, die de facto jüdische Israelis vom intellektuellen Austausch ausschließen. Aber während seine Ursachen in einzelnen Fällen auch in antisemitischen Ressentiments zu finden sind, liegen sie doch häufiger in verkürzten Analysen, in versäumten Debatten, in Reaktionen auf die Außenpolitik der USA oder im Einfluss innerjüdischer Debatten. Gleichzeitig könnten die schwierigen Debatten, die die deutsche Linke seit zwei Jahrzehnten führt, ein Ausgangspunkt für transatlantische Auseinandersetzungen sein, haben sie doch – bei allen Brüchen und Rückschlägen – zu einer Sensibilität für Antisemitismus, auch in der Linken und auch in Nahostdiskursen, geführt. In den USA gibt es derzeit keine Grundlage für Diskussionen, die die eingefahrenen Bilder vom Nahostkonflikt oder die vereinfachten Analysen von Kapitalismus und Imperialismus hinterfragen könnten. Lediglich vereinzelte Stimmen rufen zu einer kritischen Reflexion linker Positionen auf. Die zersplitterten Reste des linkszionistischen liberalen amerikanischen Judentums, etwa um die Zeitschrift Dissent, gehören ebenso dazu wie die marxistische Studierendengruppe The Platypus Affiliated Society. Letztere hat in den letzten Jahren wiederholt Texte aus (anti-)deutschen Diskussionen abgedruckt und diskutiert – und sich die Vorwürfe des Bellizismus, Zionismus und Verrätertums eingehandelt.

Das sind nicht nur schlechte Zeichen für eine ernst gemeinte linke Sensibilisierung gegenüber Antisemitismus. Es sind auch schlechte Zeichen für die Überwindung der »Ohnmacht« und »Hilflosigkeit«, die Postone für die amerikanische Linke konstatiert hat.

Sina Arnold

Die Autorin lebt in Berlin. Sie forscht unter anderem zu Antisemitismus und streitet mit ihren amerikanischen Freund_innen über situierten Universalismus.

Fußnoten

  1. Stephen Norwood, Antisemitism and the American Far Left, New York, 2013.
  2. Letty Cottin Pogrebin, Anti-Semitism In the Women’s Movement. In: Ms. Magazine, Juni 1982, 45-71.
  3. Jack Nusan Porter, Peter Dreier (Hrsg.), Jewish Radicalism. A Selected Anthology, New York 1973.
  4. Moishe Postone, Geschichte und Ohnmacht. Massenmobilisierung und aktuelle Formen des Antikapitalismus. In: Ders., Deutschland, die Linke und der Holocaust. Politische Interventionen, Freiburg 2005, 198.