Das geschlechtliche Leben

Sex in Tiqqun

»Par Mesure d`Hygiene Ne Pas Toucher A La Merchandise« (Aus hygienischen Gründen wird gebeten, die Warenauslagen nicht zu berühren). Dieses Schild in einem Ladenfenster ziert die erste Seite des Journals Tiqqun in einer Ausgabe von 2001. Es legt den An-griffspunkt des Kollektivs fest, das zum Gegenschlag gegen die Gesellschaft des Kapitals ausholt. Dessen Gegenwart rekonstruieren Tiqqun durch Wiederholungen einzelner Motive, die zur Charakterisierung zeitgenössischer Subjektivität eingesetzt werden: James Joyces Mr. Bloom wird im ersten Band als Prototyp des Menschen im Status seiner Verdinglichung dargestellt, das Junge-Mädchen ist sein Anpassungs-Ich, Prototyp eines affirmativen Lebens. Es geht um den »Krieg gegen die Gesellschaft, der nicht erklärt, sondern offenbart wird.« Er soll aus den Bildern und Texten der Gegenwart aufsteigen. Schon Tiqquns Memento, »niemals mit der Kultur paktieren«, verdrängt den Ausgangspunkt der Kritik in ihr Jenseits. Aus dem Kollektiv spricht eine ontologische Stimme mit der Festigkeit absoluter Kenntnis, die einen Aufstand durch die Affekte der Sprache beschwört: Das unsichtbare Komitee ist ein auffällig sichtbarer, nämlich allwissender Erzähler, der nicht nur die Bruchstücke der Kultur »egalisiert und die Hierarchie aufhebt«, sondern die Gewissheit des Zusammenbruchs prophezeit, ohne sie politisch auszuweisen und ohne sich für sie zu verantworten. Der universale Angriff auf die Kultur des Kapitals wird zur Maxime jeder (literarischen) Handlung erklärt und fordert in seiner Absolutheit die Wahl einer Existenzweise. Der anarchistische Antietatismus identifiziert die Glorifizierung der Revolte selbst bereits als Destruktion der etablierten Rollenklischees und Praxen, ohne dass Geschlechter und Klassen darin dekonstruiert würden. Das Manifest predigte weniger die Befreiung – eine Revolution gibt es nicht –, sondern die Revolte als selbstbehauptende Lebenspraxis, die ohne Inhalt ist, eine Entleerung par excellence; leere, schlicht unendliche Freiheit. Wir blicken auf Tiqquns subjekt- und sujetlose Angriffe und schreiben in diesem Text über ein besonderes Objekt ihres Angriffs: das Junge-Mädchen. Wir werden der Frage nachgehen, wer oder was dieses Junge-Mädchen ist, was in ihm zerstört werden soll und ob sich in diesem Angriff ein Geschlecht verbirgt. 
Die Rezeption des Pamphlets Grundbausteine einer Theorie des Jungen-Mädchen folgt in Deutschland auf den Kommenden Aufstand, welcher ursprünglich gut ein Jahrzehnt später erschienen war. Bei den derzeitigen Neuauflagen handelt es sich zum großen Teil (Bloom, Grundbausteine, Einführung in den Bürgerkrieg, Kybernetik und Revolte) um Texte, die bereits 1999 in Tiqqun abgedruckt wurden. Die Grundbausteine sind erstmals 1999 in der Ausgabe I der Zeitschrift erschienen. 2009 übersetzte es der philologische Arm der Gruppe für den Merve Verlag ins Deutsche. Es handelte sich bei dem Buch um eine Materialschlacht, eine »fraktalisierte Front«, aus zehn Unterkapiteln, mit nur teilweise kommentierten Zitaten. Umstellt wird ein Sozialtypus, das »schrecklichste aller Dispositive zur Unterdrückung« (92), der identisch sei mit den Formen der kapitalistischen Vergesellschaftung, die den Text lose ordnen: Das Junge-Mädchen ist »Ware«, »Kriegsmaschine«, »Geld« usf. In den Aphorismen des Autorenkollektivs spricht die Stimme Martin Heideggers im Chor mit der Guy Debords. Sie reihen sich wie Bausteine unter die Zitate aus Literatur, Werbung, Feuilleton, auf Bilder und Aussprüche, die in unterschiedlicher Größe und Typografie versammelt sind. Autoren wie der notorische Frauenhasser und Antisemit Otto Weininger liegen ebenso im Set wie Sören Kierkegaard, Siegfried Kracauer, Georg Simmel und Witold Gombrowizc. Im Unterschied zu ihren Zitaten bleiben das aufgeschnappte Gerede und die Bruchstücke aus den Massenmedien, Zitate im wörtlichen Sinne, autorlos. Die eingeübte Hierarchie zwischen Hochkultur und Massenkultur wird nicht aufgehoben und egalisiert, sondern reproduziert. Die großen Autoren nutzt das Kollektiv als komplizenhafte Verstärker: Sie alle werden hier entkontextualisiert, um sie in ihrer vermeintlich gemeinsamen Verachtung und Negativität der affirmativen Massenkultur und ihrem Typus, dem Jungen-Mädchen, entgegen zu stellen. 
Wir konzentrieren uns auf einige zentrale Themen der Grundbausteine, um dessen mögliche Zwecke für eine feministische, queere und nicht zuletzt marxistische Denkpraxis nachzuvollziehen. Wir stellen dem Motiv des Jungen-Mädchen die Motive der Verdinglichung und des Warencharakters gegenüber und voran. Schließlich suchen wir nach dem impliziten Gendering des Subjektivitätsmodells, danach, wo Sex in ihm steckt. 
Weil du nichts bist, bin ich alles – Der Trick der Verdinglichung

Das Junge-Mädchen ist der Typus eines »verdinglichten«, »entfremdeten« Selbstverhältnisses, ein »MAN«, dass mit Haut und Haar und Hirn vom Spektakel konstruiert sei, in ihm aufgehe und schlussendlich zerstört werden könne und müsse. Jede Natur, jede Ge-schlechtlichkeit ist aus ihm getilgt. Es ist ganz und gar Erfundenes, eine fiktive Größe. Es »spricht nicht, im Gegenteil es wird vom Spektakel gesprochen« (45). In seinem Phänotyp verkörpere sich ein »Begehren des Begehrens« (12), ein Begehren ohne spezifischen Inhalt. Es ist das perpertuum mobile des kapitalistischen Konsums, den Guy Debord als permanente Ankurbelung des Begehrens und dessen Enttäuschung beschrieben hatte, was wiederum ein neues Begehren produziere und in einen unendlichen und unbefriedigenden Zirkel verfalle. Debords Begriff des Spektakels wird an keiner Stelle näher ausgeführt oder historisch situiert. Aber überall dort, wo LeserInnen eine empirische Darstellung der gegenwärtigen Zeiten suchen, trifft sie das Zauberwort. Durch welche Apparate und Produktionsverhältnisse dieses Spektakel konstituiert und reproduziert wird, bleibt unerhellt. Als Nachfolger der Begriffe Massenkultur und Kulturindustrie sowie analog zu Jean Baudrillards Theorie des Simulakrums – der Kopie ohne Original –, ist es die massenhaft durchgesetzte, alles mit gleichem Antlitz schlagende Gewalt der konsumheischenden Repräsentation der reinen Waren, die, so Tiqqun, ohne »Substanz« sei, ein Zustand der vollkommen »Entleerung«. Ununterscheidbar von der bloßen Simulation hat dieses Spektakel zwar einen materiellen Träger, es ist jedoch – wie alles andere – zunächst einmal Ware. In ihm hätten alle Subjekte und ihre Körper den Charakter des Kapitals angenommen. 
Der von Marx analysierte Doppelcharakter von Gebrauchswert und Tauschwert geht bereits im Debordschen Begriff des Spektakels verloren. Die Ware ist allein Manifestation des Tauschwerts, ihre Subjekte existieren lediglich als ihre inszenierten Verlängerungen, »verdinglicht« und »entfremdet«. Diese Theorie der Verdinglichung geht, wie bereits bei Georg Lukács, allein von der Analyse der Warenstruktur aus; sie schlage sich im Bewusstsein der Subjekte nieder und werde verinnerlicht (78). Die Bedingungen dieser Verin-nerlichung, ihre Prozesse bleiben bei Tiqqun ungeklärt. Die Verdinglichung, also das Sein des Menschen als Mittel zum Zweck, in dem er sich zum Gegenstand der Verwertung macht, wird an keiner Stelle in Beziehung gesetzt zu den Arbeitsbedingungen und materiellen Reproduktionsverhältnissen im Kapitalverhältnis. Das Junge-Mädchen ist die immer schon vollendete Agentin der Warenstruktur, es ist die Ware als Subjekt, die modernste Figur »der Hure« und deswegen ganz und gar verfehlte und unauthentische Subjektivität, ganz und gar und unterschiedslos Kapital, Tauschwert, Geld, Ware, Konsum. Die anklagende Metapher der Prostitution greift moralisch die Kommodifizierung eines vorher vermeintlich nichtkommodifizierten Lebens auf (der Sex, die Gefühle, die Freundschaft), und damit sowohl den außerhalb der Lohnarbeit liegenden Bereich der Reproduktion, in den traditionell die Frau verwiesen war, als auch den des Geistes, den traditionell der Mann besetzt hielt. Aus dieser Perspektive der Kommodifizierung des »Menschlichen« wird die Kritik der Verdinglichung umgekehrt: es lässt sich nichts Menschliches ›hinter‹ einem Verhältnis finden, das als eines von Sachen erscheint, sondern das Menschliche selbst ist umgekehrt Ausdruck und Mittel der Verdinglichung: »Das Junge-Mädchen ist genau in dem Maße eine Sache, indem es sich für ein menschliches Wesen hält, es ist genau in dem Sinn ein menschliches Wesen, in dem es sich für eine Sache hält.« Seine Genesis behaupten Tiqqun als Lösung der Krise des Werts. Diese bestehe darin, dass das Geld die Dinge aufgrund des hohen Niveaus der Individualisierung der Menschen und ihrer Produktionen weder messen noch vergüten könne: »Als die Übersetzung des ausdifferenzierten Lebens in Geld unmöglich geworden war, hat MAN das Junge-Mädchen erfunden, welche das abgewertete Geld durch seinen Wert ersetzte.«  In Tiqquns Augen kehrt im Junge-Mädchen das allgemeine Tauschmittel als universell anwendbare Differenz zurück: es ist selbst eine »Belebung« des Werts und eine »Tötung« des Lebens. Im Unterschied zum Postoperaismus wird dieser Krise kein stiller Kommunismus, lebendige immaterielle Arbeit gegenübergestellt, sondern das Junge-Mädchen sei lebendiges Geld, ganz und gar affirmativ. Der Begriff des »lebendigen Geldes« geht zurück auf den französischen Künstler, Schriftsteller und Übersetzer Pierre Klossowski, der eine waghalsige Synthese aus Freud, Marx und Nietzsche versuchte. Im Zentrum seines Essays Die Lebendige Münze (1970) steht die »Orgie des Geldes«, die in das Dreieck von Begehren, Simulakrum und Wert gespannt ist; ein Prozess, dessen Hauptagent, das Geld, selbst ein reines Phantasma sei. Doch eine Auseinandersetzung mit dieser Vorstellung findet sich bei Tiqqun nicht, lediglich ein Autorität heischendes Zitat. Diese kryptische Krisentheorie, die den Fetisch nachbetet statt ihn zu kritisieren, löst das Geld, die Ware und das Kapital sämtlich in den Typus des Jungen-Mädchens auf. Daraus erhebt sich die Forderung eines Krieges gegen seine »Lebensform«; der vermeintliche Kampf gegen die Ware wird zum Kampf gegen das Junge-Mädchen. Um ein Subjekt handelt es sich strenggenommen nicht, denn als »unauthentische Lebensform« ist es zugleich vollständig entsubjektiviert. Gegen die allumfassende Nichtigkeit des Spektakels, seiner »Lüge« und gegen das Junge-Mädchen, das diese Lüge lebt, proklamiert das Kollektiv eine nietzscheanische Philosophie des Abgrunds, ein last-man-standing. Im Akt der Zerstörung soll ein neues Subjekt entstehen, das die Verdinglichung durchschlägt.

A French-Man in New York oder das Spektakel als Frau 

Gender und Sex scheinen unwiderruflich getrennt und der absoluten Flexibilisierung zur Kaufkraftsteigerung und zum Konsumanreiz dienstbar gemacht. Die Sexualisierung der Ware, auch der Subjekte als Ware, lässt das Geschlecht jedoch wiederkehren: als Fetisch. »Die substanzlosen Identitäten Männlichkeit und Weiblichkeit sind nur bequeme Werkzeuge zur spektakulären Verwaltung von Beziehungen. Sie sind Fetische, die für die Zirkulation und den Konsum anderer Fetische notwendig sind.« (32) Das bedauernde »nur« wirft die Frage auf, was Männlichkeit und Weiblichkeit als Substanz an und für sich sind. Und offen bleibt, warum diese Werkzeuge funktionieren, warum sie trotz der zunehmenden Gleichheit von Männern und Frauen, etwa auf dem Arbeitsmarkt, attraktiv bleiben. Schon die Debordsche Kritik des Spektakels drohte sich immer wieder in seinen Wiederholungsbildern zu verfangen. Der gesamte Bereich der Arbeit, auch die traditionell von Frauen übernommenen Reproduktionsarbeit, kam im Situationismus trotz der Emphase des »Alltagslebens« kaum vor. Weiblichkeit gerinnt so zur kulturalisierten Schablone, statt dass sie dekonstruiert, also auf ihre materiellen Verhältnisse und auf die dabei annehmenden Formen befragt würde. 
Das Junge-Mädchen und die Hommes-machines sind die zwei gegenderten Lebensformen des verdinglichten Bloom. Das Jun-ge-Mädchen ist ein Puzzle kulturgeschichtlicher Zuschreibungen des Weiblichen, das nicht vom Sex abhängig sein soll: »Der Frauen-aufreißer in der Disko ist damit ebenso gemeint wie die als Pornostar Geschminkte arabischer Herkunft. Der ältliche Playboy, der sich von der Gesellschaft zurückgezogen hat [...], gehört ebenso dazu wie die großstädtische Single-Frau, die zu sehr an ihrer Consulting-Karriere hängt, [...]. Und wie sollte man der verborgenen Übereinstimmung gerecht werden, die einen aufgeblasenen, modebewussten, schwulverheiratenen Homo aus dem Marais mit einer amerikanisierten Kleinbürgerin, die mit ihrer Plastikfamilie in der Vorstadt wohnt, verbindet, wenn es sich um einen geschlechtlich differenzierten Begriff handeln würde?« (14) Hier werden all jene Objekt des Spottes, auf die einige linke Gruppen ihre politischen Hoffnungen eines Umsturzes gesetzt hatten – Homosexuelle, Migranten, Frauen. Sie werden als neue TrägerInnen der kapitalistischen Gesellschaft gesehen, obwohl sie alle auch weiterhin, jenseits ihrer Teilintegration als geliebte Differenz, durchgängige Angriffsflächen herrschaftlicher Aggression und Erniedrigung bieten. Doch für Tiqqun ist die »nachträgliche« Integration ein Schandmal. »Aus der formalen Herrschaft des Kapitals wird nach und nach eine reale. Ihre besten Unterstützer sucht die Warengesellschaft von nun an unter den marginalisierten Elementen der traditionellen Gesellschaft – zunächst unter den Frauen und Jugendlichen, dann unter den Homosexuellen und Einwanderern.« (15) Als Verachtete liebte man sie mehr. Werden die Marginalisierten Subjekte, schimpft man sie Verräter. Der gesellschaftliche Ausschluss der Marginalisierten wird nicht als systematischer gedacht, die Solidarität mit ihnen, oder vielmehr der Affekt für sie, gilt einzig ihrer Verachtung. Unbenommen ist allerdings, dass der, der über sie spricht, immer schon Subjekt dieser Gesellschaft war und diese Subjektivität nicht in Zweifel zieht. Aber wo die Marginalisierten nicht mehr durchgängig Ausgestoßene sind, werden die Verächtlichen zu Verachteten. In der Projektion Tiqquns sind die Deklassierten ein einheitliches »Subjekt« des Widerstands, eine Peripherie, aus der die Avantgarde des Aufstands gegen das totale Spektakel aufsteigen soll, und nie eigenmächtig handelnde Subjekte. Dass sie und ihre monologische Identitätspolitik sich nicht erfüllte, weil auch die Verächtlichen das eigene Leben gegenüber dem Paternalismus der wohlmeinenden Integrierten vorzogen, wird kompensiert mit einer Schmäh gegen kulturelle »Inauthentizität«. Und noch der strukturelle Zwang, der etwa die Single-Frau mit Consulting-Karriere in die Doppelbelastung der Hausarbeit treibt, geht unter in dieser zur moralischen Empörung aufgerüsteten Figur. 
Ähnlich wie hier die Metafigur des Spektakels war schon die der Massenkultur mit der Frau assoziiert. Die Hochkultur sah sich stets von der Massenkultur bedroht, ihr Kampf verwandelte sich in einen geschlechtlich codierten, durch den Zugriff, die die Geschlechter auf sie hatten, auf Bildung wie auf Unterhaltung. Nicht selten wurde die moderne Frau als Verlust, als Opfer an die Rationalisierung der Lebenswelt, als Entzauberung der Welt interpretiert. Siegfried Kracauer hingegen hatte – obgleich auch er in den Grundbausteinen zitiert wird – in den Blick genommen, wie die Filmindustrie zur Reklame und zur Einübung für ein Modell der Mädchenhaftigkeit wird, dass die Emanzipation verhindert; er hatte diese minutiösen, im Unterschied zu Tiqqun überhaupt darstellenden Bilder, schroff auf ihre Bedingungen in der Welt außerhalb der Leinwand verwiesen. Ähnlich wie Tiqquns Aphorismen zum Spektakel, kaprizieren sich die Identifikationen des Weiblichen mit der Massenkultur auf die bloße Repräsentation und Konstruktion von Weiblichkeit, während Frauen als historische und reale Subjekte ausgeschlossen bleiben, sowohl vom Feld der Kunst als auch aus dem der Politik. Bereits im deutschen Titel verstört, dass nicht etwa vom Mädchen-Jungen die Rede ist, was stärker an die zwanziger Jahre erinnert hätte, der Zeit Georg Simmels und Kracauers, die in ihren Arbeiten unter anderem die neue Figur der modernen Frau, die sich etwa in Hosenanzügen präsentierte, zur Allegorie der Neuen Sachlichkeit nahmen. Das Junge-Mädchen ist im Französischen rein feminin (la jeune-fille) und sieht dem deutschen jungen Mädchen ähnlich. Das Subjekt, an das der Vorwurf der Inauthentizität ergeht, bleibt weiblich. Diese Struktur ist prominent. Wie Andreas Huyssen nachvollzieht, stützt sich die moderne Institutionalisierung der Hochkultur und ihre Krise durch die Massenkultur immer wieder auf die Abspaltung einer als männlich verstandenen Hochkultur. Im Unterschied zur authentischen, produktiven und autonomen wahren Kunst sei die Massenkultur Hort falscher Gefühle und Banalität der reinen Gebrauchskultur. Die Konkurrenz zwischen beiden wurde geschlechtlich codiert und damit die Bedrohung der Souveränität in eine Geste der triumphierenden, selbstvergewissernden Macht umgedreht. Frauen erscheinen in dieser Spaltung weder als Produzentinnen von Kunst, noch als Rezipientinnen. Auch für Tiqqun ist das Junge-Mädchen, egal welchen Sexes, eine vergiftete Kulturpotenz. Die Biographien von Frauen, damit auch ihre Subjektivität, hingegen verschwinden im Typus, die Frauen in den Texten Tiqquns glänzen durch Abwesenheit. Subjekte sind so wenig, wie Dinge die Adressaten dieser Politik.

Dingficker oder Boys! Don‘t cry!

Tiqqun spalten die Figur des Jungen-Mädchens noch einmal geschlechtlich auf: Das weibliche Junge-Mädchen trifft ein härteres Urteil als das männliche: »Das männliche Junge-Mädchen weist das Paradox auf, dass es das Produkt der Entfremdung durch Ansteckung ist. Während das weibliche Junge-Mädchen als Inkarnation einer bestimmten männlichen Imagination erscheint, hat die Entfremdung dieser Inkarnation nichts Imaginiertes an sich.« Das Junge-Mädchen ist die real gewordene subjektlose Phantasie einer männlichen Imagination, während das männliche Junge-Mädchen Subjekt bleibt und bloß durch äußerliche Ansteckung, durch Krankheit beeinträchtigt ist. Das weibliche Junge-Mädchen ist die Gewalt des Mannes, die nun aber nicht mehr seiner alleinigen Verfügbarkeit untersteht – und genau dies wird als Verlust betrauert: »In dem Maße, in dem sich das Junge-Mädchen emanzipiert, sich entfaltet und um sich greift, verwandelt sich ein Traum in einen alles überwuchernden Alptraum. Und dann tyrannisiert sein früherer Knecht, der als solcher zurückkehrt, den Herren von gestern. Man wird schließlich zum Zeugen des ironischen Epilogs, bei dem das männliche Geschlecht Opfer und Gegenstand seines eigenen entfremdeten Begehrens wird.« (23) Subjekt dieser Sätze ist durchgängig der Mann, dessen Begehren am Jungen-Mädchen abprallt. Die Frau wird beweint, weil sie zur Ware wurde, zur Aneinanderreihung steriler Archetypen männlicher Projektionen von Schönheit und Selbstgenügsamkeit, von Unschuld und Echtheit, von richtigen Mädchen eben. Sie seien nun eingeschlossen in »autoreferentielle Systeme, die paradoxerweise für den männlichen Eingriff undurchdringlich sind.« Nun könnten all diese Reflexionen zur Forderung nach der Dekonstruktion der Projektion führen, doch an ihr wird festgehalten. Das Junge-Mädchen wird als mangelhafter Sex diffamiert und als Enteignung der männlichen Fantasie. Gegen den Sieg der »modernen« kommodifizierten Frau wird eine authentische männliche Subjektivität in Stellung gebracht, eine Potenz in Gefahr: »In der heutigen Zeit, in der man eine Erektion kaufen kann, in der sie sich programmieren lässt, und in der das historische Emblem der männlichen Vorherrschaft zu etwas in Vitro Reprozierbarem wird, abgetrennt von Stachel und Sinn, ist der Weg zur universellen Prostitution geebnet.« Technik gilt wie Kultur als Verfall »echter Potenz«. Was Tiqqun affirmieren, ist selbst Teil der Kultur und Herrschaft. Die männliche Potenz zu einem »an sich zu machen« und damit die gesellschaftliche Herrschaft ihrer vermeintlichen Träger zu naturalisieren – gegen den gesellschaftlichen Eingriff –, macht die Frau zur persona non grata, zur Platzhalterin eben jener Reproduktion, die bei Tiqqun materiell nie thematisiert wird. Man glaubt an die eigene Lüge der Potenz und sucht sie als grenzenlose, metaphysische, die ständig in Furcht vor der Kulturalisierung als Feminisierung lebt. Während der Feminismus die Geschichte des Postfeminismus nicht nur als Verlust, sondern als Geschichte einer mangelhaften und widersprüchlichen Integration liest, plärren Tiqqun: »Das Junge-Mädchen lässt sich niemals besitzen, sowie Ware sich niemals als Ware besitzen lässt, sondern nur als Sache [...] [D]as Junge-Mädchen verkauft heute seine Verführungskraft, wie man früher seine Arbeitskraft verkauft hat.« Der unreflektierte Subtext der Trauer um das zunehmend »kommodifizierte Leben« ist untrennbar verbunden mit der Geschichte der Frauen, denen traditionell die unbezahlte Reproduktionsarbeit im Privaten zugemutet wurde. An sie hefteten sich männliche Projektionen, der Hass genauso wie die sehnsuchtsvolle Verklärung eines ganz »Anderen«, dem Spiegelbild männlicher Selbstvergewisserung: mal als Objekt der Verführung, der Sexualität und Liebe, der Moralität, der ursprünglichen Begierde, immer aber in concreto die absolute Verfehlung aller Attribute. Betrauert werden die verschwundene exklusive Verfügbarkeit der Frau für den Mann und ihr Austritt aus dem diese Verfügbarkeit gewährleistenden Bereich des Privaten. Die Diagnose ist nicht nur die Wiederholung queerer Theorie als neoliberaler Alptraum der Selbstverwertung, sondern ebenso paranoide Männerphantasie. 
Die Kritik der Verdinglichung entpuppt sich als Ruf nach Verfügbarkeit. Die Kränkung wird in die aggressiv-zynische Geste des Zugriffs verkehrt: »Man musste bis zum Auftauchen des Jungen-Mädchens warten, bis man konkret erfahren konnte, was es bedeutet ›zu ficken‹, das heißt jemanden zu vögeln, ohne jemanden im Besonderen zu vögeln. Denn ein so real abstraktes Wesen, ein so effektiv austauschbares Wesen zu ficken, bedeutet im Absoluten zu ficken.« (88). Auch der Sex ist für das unsichtbare Kollektiv Terrain einer Revolte als Erfahrung der Nichtigkeit des Anderen, philosophischer dirty talk inklusive. Danach bekommt das Junge-Mädchen nicht nur, was es verdient habe, sondern gereicht dem Kritiker zur Erfahrung des Nichts, das die Wahrheit dieser Revolte sein soll. Aus ihm steigt nicht die Befreiung auf, sondern ein Subjekt, dass – wie einst die Frau – das Junge-Mädchen zum Antitypus aufbaut, der als Projektionsfläche des Hasses dient, um sich selbst zu erheben. Er behauptet sich indes als Statthalter der Philosophie und der wahren Metaphysik, die das Junge-Mädchen immer verfehle, weil es alles privatisiere, was ihm in die Finger komme, ihm sei der Philosoph kein Philosoph, sondern erotisches Objekt, die Revolutionärin keine Revolutionärin, sondern Modeschmuck (106). Man muss den Klatsch und den radical chic nicht gutheißen, um diesem reklamierten Besitz der wahren Philosophie und Tathandlung zu misstrauen. Wenn sie etwa die Ich-Schwäche des Jungen-Mädchens beklagen, »das weder Meinung noch Position habe und sobald es kann, den Schutz der Sieger suche« (93), suggerieren sie eine mögliche Haltung der absoluten Eigenständigkeit, der reinen Entscheidung, die nicht aus bestimmter Kritik, sondern aus reiner Potenz komme. Tiqquns Geschäft ist es, im Spektakel zu allem diese eine Position einzunehmen, eine metaphysische Urschreitherapie, sie sich nicht nach Begründungen fragen lässt. Die Absetzung geschieht durch die Faszination der Gewalt, des reinen Schnitts, dem jede bürgerliche und individuelle Subjektform ein Dorn im Auge ist und die dem bürgerlichen Spektakel den passenden rebellischen Zynismus liefert. Die vermeintlichen Male der Knechtschaft des Jungen-Mädchens, »Ernsthaftigkeit, Gutherzigkeit, Freundlichkeit, Schlichtheit, Freimütigkeit, Bescheidenheit« (95) versperren dem Söldner des Aufstands den Akt der leeren, zerstörenden Freiheit und deshalb, nicht weil der Frau und allen anderen zwanghaft ein Betragen oktroyiert wird, sind sie ihnen Symptome der Knechtschaft. Doch die Geste des Kollektivs, sein Pathos, die Häme, der Zynismus, sind die Kehrseite des Kritisierten: Schandmale der Knechtschaft. Tiqqun bestimmt letztlich keine der auf den Sex und die Vermarktung des Sexes reduzierten Genderformen durch die Arbeitsverhältnisse, sondern bewegt sich ausschließlich in der Binarität von Potenz versus Manipulation. Die Befreiung vom Jungen-Mädchen ist seine Vernichtung. Seine Vernichtung ist die Lebensweise, die ganz Sex ist, die ganz Mann wird, ganz Potenz, ganz Überzeugung, ganz Tat. Sein Subjekt ist ein schwaches, seine Politik ein leerer, aber absoluter Abbruch. Von hier aus ist keine Vermittlung zwischen Selbst, der vorausgesetzten Objektivität und anderen Subjekten denkbar. Der Maßstab der Revolte ist kein inhaltlicher, sondern die abstrakte Maximaldistanz zur herrschenden Kultur. Ihm entspricht eine Überwältigungsromantik des Sex ohne Gender, eine asoziale Potenz, der den Konflikt »zum Vater aller Dinge erhebt« für die, die »wir« sein sollen und »unsere Brüder«. Ein kommender Ständer, dessen Viagra die Scherbenhaufen der Hochkultur sind. Ihr gegenüber wäre festzuhalten an einer Ideologiekritik der Degradierung weiblicher Subjekte auf ihre Mädchenhaftigkeit, eine blödsinnige Existenz. Doch diese Dekonstruktion formierte keinen moralischen Schuldzusammenhang, sondern hätte die materialistischen Produktionen der Reproduktion anzugreifen. Ob sich die Elemente des »Jungen-Mädchen« tatsächlich zum Herrschaftsmodell hegemonialisiert haben, ist indes fragwürdig.

CHRISTIANE KETTELER UND KERSTIN STAKEMEIER
Die Autorinnen leben in Berlin.

Fußnoten

  1. Eh bien, la guerre!, Tiqqun I (1999), 6.
  2. Tiqqun, Grundbausteine einer Theorie des Jungen-Mädchens, Berlin 2009, 7 (alle weiteren Zitate im Text).
  3. Das Unsichtbare Komitee, Der Kommende Aufstand, Hamburg 2007, 101.
  4. Wie alle Texte ist auch dieser online und kostenlos auf http://www.bloom0101.org/ verfügbar.
  5. Zur Kritik der auch von Antonio Negri und Michael Hardt behaupteten Krise des Werts vgl. Philipp Metzger, Werttheorie des Postoperaismus. Darstellung, Kritik und Annäherung, Marburg 2011, 57–109.
  6. Hommes-machines, mode d'emploi, Tiqqun I (1999), 127–136.
  7. Vgl. dazu ausführlicher Andreas Huyssen, After the Great Divide: Modernism, Mass Culture, Postmodernism, Bloomington 1986, 51ff.
  8. Hommes-machines, 133.
  9. Ebd.
  10. Vgl. Que-est-ce que la Métaphysique-Critique?, Tiqqun I (1999), 7–21.
  11. Vgl. Eh bien, la guerre!.