Big Brain Theory

Von der Freiheit im Kapitalismus zur Unfreiheit des Gehirns

Der Kapitalismus ist eine Gesellschaftsform freier Bürger_innen; ihre Freiheit ist für den Kapitalismus konstitutiv. Formal frei konkurrieren die Mitglieder der Gesellschaft auf dem Markt (sei es Warenmarkt oder Arbeitsmarkt) und schließen Verträge. Die Arbeiter_innen in den Fabriken sind nicht versklavt, sondern haben ihre Arbeitsverträge freiwillig abgeschlossen und die/der Besitzer_in der Firma ist frei in der Wahl der Mittel der Profitoptimierung oder darf ihr/sein Eigentum auch verschenken.

Seit einiger Zeit erlangen allerdings Meldungen aus der Hirnforschung, dass der Mensch gar nicht frei, immer größere Popularität. Der Fortschritt der Neurophysiologie liefert einen angeblichen Beweis nach dem anderen für die Unfreiheit des menschlichen Geistes und die öffentliche Meinung saugt die populärwissenschaftlich daherkommenden Meldungen begierig auf. Doch niemand mag darin einen Angriff auf die Grundbedingungen des Kapitalismus erkennen. Im Gegenteil gibt es Argumente, mit der ein Zusammenhang hergestellt werden kann zwischen der Notwendigkeit von Freiheit für den Kapitalismus und der Unmöglichkeit von Freiheit in der Hirnforschung.

Determinismus: Es gilt das Naturgesetz

Wenn Hirnforscher_innen nicht nur empirische Forschung über die Funktionsweise des menschlichen Gehirns betreiben, sondern mit ihren Ergebnissen die Freiheit des Menschen verneinen, dann verweist ihre Argumentation auf das grundlegende Prinzip aller Naturwissenschaft: das Prinzip der Kausalität, nach dem alle Wirkung eine Ursache hat. Sie reproduziert der Sache nach ein Argument gegen die Willensfreiheit, das so alt ist wie (natur-) wissenschaftliches Denken überhaupt. Auch wenn die moderne Physik in der Quantenmechanik eine weniger naive Vorstellung von der Ursache einer Wirkung entwickelt hat, als die klassische Mechanik, so ist das Prinzip, dass alles, was geschieht, nach naturgesetzlichen Regeln und Bedingungen geschieht, nach wie vor die Voraussetzung, um ein Naturgesetz überhaupt aufstellen zu können. Und selbstverständlich gelten auch in der (Hirn-)Physiologie die Naturgesetze. Wenn ich also den Arm hebe, dann lässt sich diese Bewegung auf natürliche Ursachen zurückführen: auf eine Muskelkontraktion, die wiederum durch Nerven hervorgerufen wurde, deren elektrochemische Erregung sich bis hin zu einem Bereitschaftspotenzial im Gehirn zurückverfolgen lässt, das zeitlich vor dem subjektiv wahrgenommenen Entschluss zur Armbewegung liegt. Indem die Hirnforschung diese Ursache-Wirkungskette nachvollzieht und im Detail erklärt, stellt sie also fest, dass das Heben des Arms ein naturkausal bestimmter, nach bekannten Naturgesetzen ablaufender Prozess ist. Ein freier Wille taucht in dieser Kette nicht als wirkende Ursache auf. Und so schreibt der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth: »Trotz intensiver Erforschung des Gehirns hat man auch keinerlei Hinweis darauf gefunden, dass es so etwas wie eine ›rein geistige‹ (oder ›mentale‹) Verursachung gibt. Jeder Willensakt, jede sonstige geistige Tätigkeit ist untrennbar an physiologische Vorgänge gebunden, die ihrerseits bekannten chemischen und physikalischen Gesetzmäßigkeiten gehorchen.«

Diesen Befund in Frage zu stellen hieße allerdings, die Naturwissenschaft in Frage zu stellen. Denn eine ›rein geistige oder mentale Verursachung‹ wäre eine Wirkung ohne naturwissenschaftliche Ursache – also ein Wunder. Denn nur wenn jede mögliche Verursachung nach ›chemischen und physikalischen Gesetzmäßigkeiten‹ ausgeschlossen wäre, könnte man möglicherweise von einer ›rein geistigen Verursachung‹ reden.

Das im Grunde banale Ergebnis der Forschung – dass im Gehirn keine Wunder geschehen – steht in keinem Verhältnis zur öffentlichen Aufmerksamkeit, mit dem es diskutiert wird. Offensichtlich erwartete sowohl der Laie als auch die Hirnforschung aufgrund der Freiheit des Menschen zumindest implizit ein solches Wunder in seinem Gehirn.

Indeterminismus: Es bestimmt der Zufall

Der freie Willensakt, von dem Gerhard Roth spricht, ist ein innerpsychischer und damit individueller Akt. Der Gegenbegriff zu einer solch inneren Entscheidungsfreiheit ist in der Neurophysiologie nicht Herrschaft, sondern Determinismus. Herrschaft ist immer ein soziales Verhältnis zwischen Individuen und kann daher, schon der Fragestellung nach, nicht der Gegenbegriff der hier gemeinten Freiheit sein (obgleich philosophisch ambitionierte Forscher wie Gerhard Roth oder Wolf Singer mit ihren Forschungsergebnissen in der Folge explizit die bestehenden Herrschaftsverhältnisse rechtfertigen). Dieses Konzept der inneren Entscheidungsfreiheit lässt sich auch in der populären, aber der Sache nach völlig leeren Definition zusammenfassen: ›Die Freiheit des Willens ist die Fähigkeit, sich unter gleichen Bedingungen auch anders entscheiden zu können.‹ Praktisch leer ist diese Definition, weil jede Entscheidung von jedem Individuum in Raum und Zeit jemals nur einmal gefällt wird und alle Alternativen, die doch die Freiheit ausmachen sollen, notwendig unrealisiert bleiben. Gegen diese Freiheit hält die Hirnforschung die Erkenntnis, dass alle physiologischen Prozesse notwendig durchgehend naturkausal ablaufen. Moderne Varianten der Theorien, die dennoch versuchen, die Willensfreiheit hirnphysiologisch zu erklären, führen gegen diesen strengen Determinismus mit quantenmechanischen oder chaostheoretischen Überlegungen ein indeterministisches Moment an. Die Vorgänge im Gehirn seien so komplex, oder gar hyperkomplex, dass sie niemals zuverlässig vorhersehbar sein könnten. Diese Indeterminiertheit im natürlichen Material würde allerdings nur eine »Freiheit« der Quanten oder hyperkomplexer Systeme begründen. Selbst wenn wir annehmen würden, im menschlichen Gehirn würden indeterminierte Prozesse ablaufen, so wäre der Wille, wäre er eine hirnphysiologische Funktion, weiterhin durch diese Prozesse determiniert – also unfrei. Selbst mit der Unterstellung eines physikalischen Indeterminismus würde dem Mensch nur die Freiheit eines guten Zufallsgenerators oder einer Pachecokugel  zugesprochen: Er würde, ohne sich von Gründen leiten zu lassen, mal dies, mal jenes tun.

Die Freiheit des menschlichen Willens ist nicht der Indeterminismus eines physikalischen Prozesses im Gehirn

Wenn die Hirnforschung den Willen des Menschen untersuchen möchte, muss der »Wille« zunächst auf etwas reduziert werden, was sich im Labor unter reproduzierbaren Umständen überhaupt darstellen lässt. Um dem Willen auf die Spur zu kommen, wird menschliches Handeln in einzelne kleinstmögliche Elemente zerlegt, die von der/dem Proband_in zu bestimmten Zeitpunkten gewollt werden können bspw. das Heben einer Hand. Die Hirnforschung braucht solche isolierte »Entscheidungsatome«, um dasjenige festhalten zu können, was dem Hirnscan korrelieren soll.

Was die modernen bildgebenden Verfahren der Neurophysiologie nur zeigen, sind Aktivitäten von Neuronen – aber keine Gedanken. Es ist zwar mit gutem Grund anzunehmen, dass zwischen dem Neuronenfeuer und dem Denken eines Gedankens (bspw. dem Gedanken, ich will jetzt meine Hand heben) eine Korrelation besteht – aber ein bestimmter Zustand des Gehirns ist nicht dieser Gedanke. Was da gedacht wird, während ein Hirnscan entsteht, kann die Hirnforscherin nur wissen, weil sie den Probanden gefragt hat bzw. ihn aufgefordert hat, etwas Bestimmtes zu denken. Erst wenn eine solche auf Nachfrage gewonnene Datenbasis groß genug ist, kann aus ihr mit statistischen Methoden auf den Inhalt des Gedachten zurückgeschlossen werden.

Doch trotz dieser systematischen Einschränkung des Untersuchungsgegenstandes scheinen solche Messergebnisse für viele Menschen der Beleg dafür zu sein, dass es keinen freien Willen gibt. Deshalb erscheint es angebracht, sich einmal anzuschauen, welche »Freiheit« da widerlegt wird und warum solche Freiheitsvorstellungen so ungemein populär sind. Die Fähigkeit, den Arm jetzt, später, oder gar nicht zu heben – die Freiheit der Wahl zwischen gegebenen Alternativen – muss in der Lebenswirklichkeit und der Erfahrung sowohl der Wissenschafter_innen wie der Leser_innen der neurowissenschaftlichen Publikationen als Modell menschlicher Freiheit verstanden werden können. Im Folgenden soll gezeigt werden, dass diese Freiheitsvorstellung der Erscheinungsform der bürgerlichen Freiheit im Kapitalismus entspricht, in der seine Gesetze als unhintergehbare Sachzwänge erscheinen. Die Bürger_innen können tun und lassen, was sie wollen, soweit es eben geht, eingeschränkt nur durch die Naturgesetze, die Gesetze der Ökonomie oder die für das Funktionieren der Gesellschaft nötigen juristischen Gesetze.

Freiheit als Willkür?

Was im Kapitalismus als Freiheit erscheint, ist nicht Selbstbestimmung und Autonomie, sondern bloß die Freiheit der Willkür. In ihr wird etwas gewollt, das Gewollte ist etwas Bestimmtes, schon Vorgefundenes. Das braucht nicht unbedingt ein Gegenstand, eine Ware, zu sein; auch der Spaziergang im Park oder der nette Fernsehabend sind Objekte, die gewollt werden können – aber nicht müssen. So bin ich frei, bspw. ein Erdbeereis zu wollen. Das Bedürfnis nach einem Erdbeereis hängt vielleicht von den Außentemperaturen ab, davon, dass gerade der entsprechende Werbetrailer im Radio läuft und/oder von schönen Kindheitserinnerungen, die mit Erdbeereis verknüpft sind. All diese empirischen Bestimmungsgründe ergeben jedoch nicht zwingend, dass jemand Erdbeereis mag. Obgleich diese Gründe nicht hinreichend sein mögen, habe ich mich andererseits auch niemals bewusst dazu entschieden, diese Eissorte anderen vorzuziehen. Es wäre auch ganz unmöglich, rationale Gründe der Vernunft anzugeben, welche den Vorzug von Erdbeereis vor niederen Sorten wie Himbeere oder Pfirsich ein für alle Mal bewiesen. Darin liegt das Moment der Freiheit der Willkür: dass jeder Mensch frei ist, Erdbeereis oder Himbeereis zu wollen. Aber da diese Entscheidung nicht von einem Subjekt bewusst gefällt wird, sondern bloß in ihm hervorgerufen wird, erscheint in meinem Bedürfnis nach Erdbeereis zunächst auch keine Freiheit des Willens und keine Vernunftbestimmung. Deshalb wird an solchen Alltagsbeispielen oft die psychische oder neuronale Determiniertheit unserer Willkür plausibel gemacht. Irgendwo muss die innere Regung, jetzt ausgerechnet ein Erdbeereis zu wollen, ja herkommen. Deswegen haben populäre Hirnforscher wie Gerhard Roth oder Peter Bieri es leicht. Sie können tausenderlei innere und äußere empirische Umstände annehmen, die einen Wunsch bedingen. Genau das, was die Freiheit der Willkür ausmacht – dass sie nicht vollständig durch Gründe bestimmt ist und eben darum Willkür – wird so zum augenscheinlichen Beleg ihrer Determiniertheit durch äußere Ursachen. Gerade weil es keine vernünftigen Gründe für Erdbeereis gibt, muss, dieser Argumentation zu Folge, mein Wille einer komplexen psychologischen Determination bzw. einer entsprechenden komplexen Hirnverschaltung entspringen. So kann jedes Wollen als ein Müssen interpretiert werden und jede Willkür erscheint als eine Zwangshandlung.

Aufgrund dieser notwendigen Bindung des Willens an die Empirie formulierte schon Hegel, lange vor der Erfindung bildgebender Verfahren zur Darstellung des Hirnstoffwechsels: »In dem [...] Streit, ob der Wille wirklich frei oder ob das Wissen von seiner Freiheit nur eine Täuschung sei, war es die Willkür, die man vor Augen gehabt. Der Determinismus hat mit Recht der Gewissheit jener abstrakten Selbstbestimmung den Inhalt entgegengehalten, der als ein vorgefundener nicht in jener Gewissheit enthalten und daher ihr von außen kommt, obgleich dies Außen der Trieb, Vorstellung, überhaupt das, auf welche Weise es sei, so erfüllte Bewusstsein ist, daß der Inhalt nicht das Eigene der selbst bestimmenden Tätigkeit als solcher ist. Indem hiermit nur das formelle Element der freien Selbstbestimmung in der Willkür immanent, das andere Element aber ein ihr gegebenes ist, so kann die Willkür allerdings, wenn sie die Freiheit sein soll, eine Täuschung genannt werden.« Dafür, dass dem Willen, soll er frei sein, nicht nur ein »formales Element« der Freiheit zukommt, muss noch etwas hinzutreten, das allerdings der direkten naturwissenschaftlichen Beobachtung unzugänglich ist: die Reflexion.

Freiheit als Reflexionsfähigkeit

Die Frage, ob ich einen freien Willen habe oder ob diese Vorstellung eine neuronal erzeugte Illusion ist, ist mit der Möglichkeit des Fragens, der Möglichkeit der gedanklichen Reflexion, schon beantwortet: Nur ein selbstbewusstes, freies Subjekt kann sich diese Frage überhaupt stellen. Die Reflexion fragt nach Gründen, nach Argumenten; sie will verstehen, fordert Einsicht. Damit ist schon gesetzt, dass das Denken nicht blinden naturkausalen Ursachen folgt, sondern Verknüpfungen, die es selbst herstellen muss, um etwas zu begreifen. Entsprechend geschehen Handlungen nicht nur, sondern sind – im Gegensatz zu Reflexen – zugleich im Bewusstsein inhaltlich begründet.

Die Freiheit des Menschen äußert sich eben nicht in einem vereinzelten Willensakt, der Willkür, sich unter gegebenen Bedingungen innerhalb gegebener Alternativen zu entscheiden. Die Eigenart, die ausmacht, dass der Mensch ein Wesen ist, dem Freiheit zuzusprechen ist, ist seine in ein Selbstbewusstsein fallende Reflexionsfähigkeit. Er kann über sein Handeln nachdenken, kann seine Gründe, etwas zu tun, auf Stichhaltigkeit prüfen und gegebenenfalls sein Handeln daraufhin ändern wollen. Er kann zukünftig Seiendes (z. B. das Produkt einer Tätigkeit) gedanklich vorwegnehmen und seine Handlungen dementsprechend anpassen, sei es zur Realisation des Gedachten oder zu seiner Verhinderung. Er kann sich denkend Zwecke setzen und er kann sich eine Gesellschaft denken, in der die Zwecke seine sind und nicht fremde. Menschliche Handlungen sind deshalb frei, weil ein Grund für das Handeln selbst kein physikalischer Effekt ist, sondern ein Gedanke. Ein Gedanke kann wahr oder falsch sein, er kann eingesehen oder verworfen werden, kann »gut« oder »böse« sein, ein physischer Zustand dagegen ist einfach.

Weil gedachter Inhalt keine physikalische Eigenschaft ist, ist die Frage nach der Wirklichkeit der Willensfreiheit ähnlich müßig wie die Frage nach der Wirklichkeit des Bewusstseins. Wenn es mir so vorkommt, als ob ich ein Bewusstsein habe, dann habe ich Bewusstsein; ich kann mich hierüber nicht täuschen, weil diese Einbildung selbst schon bewusst sein muss. Da Selbstbewusstsein immer schon reflexiv auf sich zurück bezogen ist, kann es nicht anders gedacht werden als frei. Im Denken sind die Inhalte nicht aufgrund der Naturgesetze und darum nicht kausal miteinander verbunden, sondern das Denken verknüpft seine Inhalte selbst nach den Regeln der Logik (auch wenn der einzelne Gedanke ihnen nicht immer folgt, übrigens im Gegensatz zu den Gegenständen der Physik, die gar nicht anders können, als den Naturgesetzen zu folgen) – Regeln also, denen als allgemeine Denkgesetze selbstverständlich auch das Nachdenken über physikalische Gegenstände und die Formulierung von Naturgesetzen unterliegt.

Selbstbewusstsein im Kapitalismus

Das Selbstbewusstsein anderer ist empirisch nicht wahrnehmbar, höchstens anhand von Indizien als Analogieschluss auf das eigene Selbstbewusstsein anzunehmen. Die Hirnforschung kann aus erkenntnistheoretischen Gründen nicht anders, als die Freiheit der Willkür als die ganze Freiheit zu nehmen, weil ihr als positive Wissenschaft die in ein Selbstbewusstsein fallende Reflexionsfähigkeit nicht direkt zugänglich ist: Das Selbstbewusstsein selbst kann man nicht messen. Dabei sind die Schlussfolgerungen der Hirnforschung aber nicht einfach falsch, die Herangehensweise ist kapitalistischer Produktionsweise adäquat, denn diese »Täuschung« über die Willensfreiheit, die Hegel der freien Willkür attestierte, trifft tatsächlich etwas an der Art, wie Freiheit im Kapitalismus realisiert ist. Sie hat einen ›rationalen Kern‹ der hier in falscher Gestalt erscheint und ist somit Ideologie. Kapitalismus ist die Herrschaftsform, in der die von den Menschen selbst geschaffenen Produktionsverhältnisse ihnen wie ein Naturgesetz gegenübertreten. Die Produktionsweise der als Waren uns umgebenden Gegenstände ist eine von Menschen gemachte. Nicht nur die technischen Erfindungen und die Industrie voller maschinenproduzierender Maschinen sind Resultat von menschlichem Verstand, auch die gesellschaftlichen Bedingungen »Privateigentum an Produktionsmitteln« und »Lohnarbeit« entspringen nicht der Natur, sondern geschichtlicher Tat. Daher sind beide Momente der Gesellschaft – ihre materielle Basis und ihre Organisationsform – nicht nur bewusst verstehbar, sondern auch zumindest theoretisch bewusst veränderbar. Praktisch herrscht im Kapitalismus allerdings der Sachzwang der Marktgesetze, die, Naturgesetzen gleich, als gegeben und unhintergehbar erscheinen. Innerhalb des Kapitalismus ist bürgerliche Freiheit die Notwendigkeit, seine Arbeitskraft frei auf dem Markt verkaufen zu »dürfen« – sich zwischen falschen Alternativen entscheiden zu müssen, während die Bedingungen der Produktion dem willentlichen Zugriff der Menschen entzogen scheinen. Deswegen trifft eine Kritik an kapitalistischen Zuständen immer den Kapitalismus als Ganzes und läuft der Appell an die Einsichtsfähigkeit und Vernunft der Manager_innen oder Konsument_innen regelmäßig ins Leere. Selbst besseren Wissens könnten sie sich den Rationalisierungszwängen bürgerlicher Ökonomie nicht entziehen. Genau diese Erfahrung der Unfreiheit bildet die Hirnforschung ab, wenn sie im Gehirn die Freiheit, meinen Arm zu heben, sucht (und richtigerweise nicht findet) und dabei die Reflexionsfähigkeit als Voraussetzung aller Wissenschaft – auch der Hirnforschung – außer Acht lässt.

Der Ort, an dem die Reflexionsfähigkeit des Menschen erkennbar ist, ist die planvolle Auseinandersetzung mit seiner Umgebung. In ihr ist das Handeln des Menschen nur dann verständlich, wenn man einen Plan unterstellt: eine Antizipation sowohl der eigenen Handlungen als auch der dadurch hervorgerufenen Reaktionen. Diese tätige Auseinandersetzung mit seiner Umwelt ist dabei nicht Selbstzweck. Die gedankliche Vorwegnahme, der Plan, äußert sich gerade in der Erfindung technischer Hilfsmittel, um Schweiß, Mühe und Anstrengung möglichst zu vermeiden. Im Kapitalismus fühlen sich die Menschen bezeichnenderweise oft gerade dann frei, wenn sie nicht dabei sind, ihre Umgebung mit Bewusstsein zu gestalten (d.i. auf der Arbeit), sondern in der Freizeit, im Urlaub, im Nichtstun – als sei ›frei zu sein‹ ein psychischer Zustand. Aufgrund des Privateigentums an Produktionsmitteln erfolgt die wesentliche Gestaltung der uns umgebenden Verhältnisse in der Lohnarbeit. Und in der Arbeit als Lohnarbeit realisiert der Arbeiter nicht seinen Willen, sondern einen fremden. Das ist das Wesen der Lohnarbeit: Gegen den Lohn, den ich wollen muss, um die für mein Leben benötigten Waren zu erhalten, unterstelle ich meinen Willen einem Anderen auf Zeit. Und heutzutage ist den meisten klar, dass dies nicht unbedingt der alleinige Wille des direkten Vorgesetzten oder des Inhabers des Unternehmens ist. Auch diese müssen sich letztlich selbst als Charaktermasken des Kapitals den Notwendigkeiten profitorientierten Wirtschaftens unterwerfen.

Eine Wissenschaft, die dann bestätigt, dass der Schein nicht trügt, dass das individuelle Gefühl, frei zu sein keine Freiheit ist, dass wir tatsächlich nur die Freiheit haben sollen, nachzuvollziehen was die Neuronen im Gehirn längst »beschlossen« haben, ist unter solchen Bedingungen nicht nur äußerst plausibel, sie entlastet den Menschen auch ungemein in dem kapitalistischen Dilemma, nicht die Freiheit zu haben über die eigenen Lebensbedingungen zu entscheiden und sich doch täglich entscheiden zu müssen.

Die Hirnforscher Wolf Singer und Gerhard Roth bringen dieses Verhältnis auf die Spitze. Für sie ist die Freiheit eine bloße Illusion. Aber eine Illusion, die für den Menschen einen letztlich evolutionären Vorteil schafft. Nur wenn die Mitglieder einer Gesellschaft glauben, sie seien frei und daher für ihre Taten verantwortlich, können sie so etwas wie Recht und Verträge hervorbringen – beides Voraussetzungen für den Kapitalismus mit seiner enormen Produktivkraftentwicklung. Diese Illusion darf ruhig als Illusion gewusst werden, solange sich nur alle so verhalten, als sei ihre Freiheit real und Menschen daher zurechnungsfähig. Das ist immanent alles andere als konsistent: Wenn ein Mensch immer so handelt, wie es ihm seine Neuronen vorschreiben, ist es völlig schleierhaft, wozu es der Illusion der Freiheit bedarf. Die Neuronen würden ihm auch ohne diese Illusion vorschreiben, genau so zu handeln (z.B. bestimmte andere Menschen in Knäste zu sperren), wie er in der Illusion handelt, z.B. ein Rechtssystem aufrecht zu erhalten. Doch der Imperativ, ›Handle so, als seist Du frei, das zu wollen, was Du wollen musst, obwohl Du weißt, dass Du nicht frei bist‹, den die Hirnforschung in solchen Theorien formuliert, beschreibt recht genau die bürgerliche Freiheit als Methode, sich in der Unfreiheit der herrschenden Verhältnisse einzurichten.

 

Francisco Gomez Rieser und Christine Zunke

Der Autor ist Bäcker. Die Autorin hat ihre Dissertation zur »Kritik der Hirnforschung« geschrieben. Die AutorInnen leben mit ihren Haustieren in Bremen.

 

Fußnoten

  1. Zuerst dargestellt im Experiment von Benjamin Libet, in dem ein »Bereitschaftspotenzial« die berühmt gewordene etwa halbe Sekunde vor der bewussten Entscheidung gemessen wurde. Vgl. Benjamin Libet, Mind Time. Wie das Gehirn Bewusstsein produziert, Frankfurt a. M. 2005.
  2. Gerhard Roth, Fühlen, Denken, Handeln. Wie das Gehirn unser Verhalten steuert, Frankfurt a. M. 2003, 244.
  3. Ein vorwiegend in Japan verbreitetes Glücksspiel, bei der Metallkugeln durch ein »Nagelbrett« laufen und je nach Laufweg einen Gewinn einbringen. Das Verhalten der einzelnen Kugeln an den einzelnen Hindernissen ist nur mit statistischen Methoden beschreibbar.
  4. Legitimiert sind die juristischen Gesetze über den »Sachzwang«, sie seien nötig, weil ohne sie das friedliche Zusammenleben der Menschen nicht möglich sei und daher die Freiheit in obigem Sinne gefährdet wäre.
  5. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts, Frankfurt a. M. 1996, 66.
  6. Vgl. Theodor W. Adorno: »Als objektiv notwendiges und zugleich falsches Bewusstsein, als Verschränkung des Wahren und Unwahren, die sich von der vollen Wahrheit ebenso scheidet wie von der bloßen Lüge, gehört Ideologie […] der […] Marktwirtschaft an.« Beitrag zur Ideologienlehre, in: Adorno, Soziologische Schriften 1, Frankfurt a. M. 1997, 457-477, 465.
  7. Vgl. bspw. Friedrich Engels, Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie, in: Marx-Engels-Werke, Bd.1,Berlin 1988, 499-524, 515.
  8. Vgl. insb. Wolf Singer, Keiner kann anders, als er ist, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 08.01.2004, oder Gerhard Roth, Fühlen, Denken, Handeln, a.a.O. und das Interview mit Gerhard Roth, in: P.M. 4 (2004), 4 ff.