Besichtigung eines Baukastens

Zur unglücklichen Geschichte Linker Medientheorie


»Was mich anlangt, so empfinde ich als die Hauptschwierigkeit die unablässige Kommunikation…« Adorno an Horkheimer, 27.12.1949


Eine Revolution, das ist nicht nur eine über Nacht in die Wege geleitete Umwälzung der Eigentums- und Herrschaftsverhältnisse, sondern vielmehr ein fortdauernder Kommunikationsprozess. Von dieser Binsenweisheit wusste bereits Lenin. Es war ein dem Vernehmen nach geistreicher deutscher Sozialdemokrat, der ihn auf die Idee brachte, »die gesamte Volkswirtschaft nach dem Vorbild der Post zu organisieren«. Auf der Basis von »Fabriken, Eisenbahnen, Post, Telefon u.a.« nämlich könnten nun die meisten Funktionen des Staates »auf so einfache Operationen der Registrierung, Buchung und Kontrolle zurückgeführt werden, daß diese Funktionen alle Leute, die des Lesens und Schreibens kundig sind, ausüben können«. Man brauche sich den bereits fertig vorhandenen, »technisch hochentwickelten Mechanismus, den die vereinigten Arbeiter sehr wohl selbst in Gang bringen können«, nur anzueignen und im weiteren dafür zu sorgen, »daß die unter der Kontrolle und Leitung des bewaffneten Proletariats stehenden Techniker, Aufseher, Buchhalter sowie alle beamteten Personen ein den ›Arbeiterlohn‹ nicht übersteigendes Gehalt beziehen.«

Vom Ursprung der Medien zum Internet

Der von Lenin imaginierte Umbau des Staates zu einem der Masse verfügbaren Kommunikationsapparat kann als Urszene dessen gelten, was man sich landläufig unter linker Medientheorie vorstellt. Medien fungieren demnach als Motoren gesellschaftlicher Veränderung, als Werkzeuge, die handhabbar und somit auf menschlichen Willen bezogen bleiben sollen. Die deutsche Reichspost, deren Zentralismus Lenin als Modell sozialistischer Planung imponierte, war freilich schon zur Zeit der Oktoberrevolution ein Überbleibsel einer schwindenden Epoche. Längst gab es elektrische Telegraphie, Telefon, Film und seit dem Ende des Ersten Weltkriegs auch das Radio. 
Von Fabriken unterscheiden sich diese Medienapparaturen nicht zuletzt dadurch, dass sie, ihrer eigenen Materialität zum Trotz, keine materiellen Dinge produzieren und dass sie unter den Bedingungen kapitalistischer Produktion bereits in beträchtlichem Umfang Gemeingut werden; zwecks steter Ausdehnung des Marktes müssen Verteilung und Austausch von Informationen gewährleistet werden. In Anbetracht der sich fortentwickelnden Medientechniken sprossen von Zeit zu Zeit aber auch erklärtermaßen progressive Gedanken über deren möglichen Gebrauch. Brechts Vorschläge zur Umfunktionierung des Rundfunks aus den frühen dreißiger Jahren standen am Beginn einer Reihe von Überlegungen, die sich auf den Gebrauch technischer Medien in emanzipatorischer Absicht richten; wobei diese Absicht nicht als willkürliche politische Zwecksetzung verstanden wird, sondern als der Versuch, den durch die Medien selbst gegebenen Möglichkeiten zur Wirklichkeit zu verhelfen. 
Emanzipation mag man sich also etwa so vorstellen, dass die Menschen sich zusammen mit den Produktions- auch die Kommunikationsmittel aneignen, um in wechselseitigem Ratschluss über die Einrichtung der Gesellschaft, in der sie leben wollen, zu befinden. Fürs erste aber müssen sie sich die ihnen bereits zur Verfügung stehenden Kommunikationsmittel zunutze machen, um die bestehende Ordnung der Gesellschaft, in der sie nicht leben wollen, außer Kraft zu setzen. Zu rechnen hat man dabei heute mit einem weltumspannenden Netz technischer Medien, das kein Zentrum mehr kennt. Ein sogenanntes Leitmedium aber gibt es durchaus noch. Und mehr als das: Mit dem Internet ist nun offenbar das ersehnte Universalmedium zur Hand, das Informationen jedweder Art in einem einzigen Code aufbewahren, weiterverarbeiten und in alle Richtungen blitzschnell um die Welt befördern kann. Und jeder, der sich eine Adresse in dem von Marshall McLuhan vor 50 Jahren schon vorgezeichneten globalen Dorf leisten kann, darf als Produzent und Konsument bzw. als Sender und Empfänger jeglicher Botschaften teilhaben. Die Idee, dass die zahllosen Einzelnen allerorten sich durch Medien, die selber längst einen unüberschaubaren Teil der Welt darstellen, die es einmal zu gewinnen galt, über die Belange ihres Daseins verständigen könnten, erscheint verführerischer denn je. Der Traum von der Assoziation der Freien und Gleichen – befreit endlich auch von den notorischen Aufsehern und Buchhaltern – nimmt Zuflucht zu den Projektionen einer networking community, in der einst die ganze Welt in virtueller Nachbarschaft solidarisch zusammenarbeiten soll.

Vor einer Theorie der Medien: Transport und Kommunikation bei Marx

Marx selbst hat über die Beschaffenheit einer solchen Assoziation keine genaue Auskunft gegeben. Das gilt auch für die Frage, welche Rolle technische Medien bei deren Verwirklichung spielen mögen. Dass an die Stelle der verständnislosen Kommunikation, die einstweilen das »zirkulierende Medium« Geld vollbringt, eine mit Bewusstsein zustande zu bringende Verständigung treten sollte, darf man als selbstverständlich annehmen. Eine vernünftig eingerichtete Gesellschaft, wie Marx sie durch die Kritik einer im Grunde irrationalen Produktionsweise zumindest negativ in Aussicht gestellt hat, scheint unvereinbar mit der Vorherrschaft sogenannter Steuerungsmedien, die jenseits deliberativer Entschlüsse gesellschaftlichen Zusammenhang herstellen: »Die Gestalt des gesellschaftlichen Lebensprozesses […] streift nur ihren mystischen Nebelschleier ab, sobald sie als Produkt frei vergesellschafteter Menschen unter deren bewußter planmäßiger Kontrolle steht.« Dann erst würden »die Verhältnisse des praktischen Werkeltagslebens den Menschen tagtäglich durchsichtig vernünftige Beziehungen zueinander und zur Natur darstellen«. Zu den materiellen Grundlagen, die eine solche Gesellschaft erfordern würde, darf man platterdings auch Medien hinzuzählen, die einen mehr als nur lokalen Zusammenhang erst ermöglichen. Offen bleibt aber, mit welcherart Medien es auf welche Weise gelingen könnte, durchsichtig vernünftige Beziehungen herzustellen – und nicht bloß zu kommunizieren, denn das tun Rechenmaschinen heute schon weitaus zuverlässiger, als »psychische Systeme« es vermöchten. Dass Medien auch für die Entwicklung des Bewusstseins von größter Bedeutung sind, steht in der an Medientheorie noch desinteressierten Kritik der politischen Ökonomie im übrigen außer Frage. Beispielhaft dafür ist eine Notiz aus den Grundrissen über die Kunst: Was die alten Griechen auf dem Boden ihrer Mythologie vollbracht haben, sei ganz undenkbar unter den Bedingungen von »Druckerpresse und gar Druckmaschine«, von »Lokomotiven und elektrischen Telegraphen«. Komisch allerdings, dass Lenin noch hundert Jahre nach der Entwicklung des elektrischen Telegraphen die vergleichsweise behäbige Post als Modell vernünftiger Organisation in den Sinn kam.
Unter Medien verstand Marx im wesentlichen Kommunikationsmittel, und diese nannte er zumeist in einem Zug mit Transportmitteln. In der »Herstellung der Kommunikationen« erkannte er eine der Voraussetzungen der bürgerlichen Gesellschaft; entscheidend dabei sei die »Zusammendrängung von Zeit und Raum«, die wiederum eine Verdichtung der sozialen Beziehungen bewirke: »Ein relativ spärlich bevölkertes Land mit entwickelten Kommunikationsmitteln besitzt eine dichtere Bevölkerung als ein mehr bevölkertes Land mit unentwickelten Kommunikationsmitteln, und in dieser Art sind z.B. die nördlichen Staaten der amerikanischen Union dichter bevölkert als Indien.« Unter den Bedingungen kapitalistischer Produktion seien verbesserte Kommunikationen aber zuallererst ein »Hauptmittel zur Verkürzung der Zirkulationszeit«: »Und hierin haben die letzten fünfzig Jahre eine Revolution gebracht, die sich nur mit der industriellen Revolution der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts vergleichen läßt.« Innerhalb der »Kommunikationsindustrie« unterschied er die »eigentliche Transportindustrie für Waren und Menschen« von der »Übertragung bloß von Mitteilungen, Briefen, Telegrammen etc.« Dass bei der Übertragung von Briefen weiterhin materielle Gegenstände von einem Ort zum andern getragen werden, wohingegen die Botschaft eines Telegramms durch elektrische Signale übermittelt wird, diese für die Medientheorien des 20. Jahrhunderts so zentrale Unterscheidung drängte sich Marx anscheinend noch nicht auf. Obgleich er selbst von ferne voraussah, dass Telegraphendrähte bald den ganzen Erdball umspannen würden.
»Die Bourgeoisie«, lautete es im Manifest von 1848, »reißt durch die rasche Verbesserung aller Produktionsinstrumente, durch die unendlich erleichterten Kommunikationen alle, auch die barbarischsten Nationen in die Zivilisation«. Tatsächlich wurden Erweiterung und Beschleunigung der Kommunikationen in bescheidenem Umfang auch denjenigen zuteil, die nichts als wertlose Botschaften zu produzieren hatten. Politisch aber, so hofften Marx und Engels, würden sich deren Kommunikationen schon bald als außerordentlich wertvoll erweisen. In den Medien entdeckten sie eine Ermöglichungsbedingung revolutionärer Vereinigung. Durch die von der großen Industrie hervorgebrachten Kommunikationsmittel könnten sich auch »die Arbeiter der verschiedenen Lokalitäten miteinander in Verbindung setzen«. Ohne beschleunigten Postverkehr und Telegraphie wäre die Internationale Arbeiterassoziation schwerlich zustande gekommen. 
Die fortschreitende Verbesserung der Kommunikationstechniken verhinderte andererseits nicht, dass sie binnen kurzem wieder zusammenbrach. Die Erwartung, dass technischer Fortschritt unweigerlich jenem sagenhaften Fortschreiten der Vernunft im Bewusstsein der Freiheit zugute käme, ist in der Kritik der politischen Ökonomie kaum mehr zu vernehmen. Skeptisch beurteilte Marx nun auch die einst als segensreich erhoffte Wirkung der Kommunikationsmedien. Ludwig Kugelmann teilte er am 27. Juli 1871 mit: »Man hat bisher geglaubt, die christliche Mythenbildung unter dem römischen Kaiserreich sei nur möglich gewesen, weil die Druckerei noch nicht erfunden war. Grade umgekehrt. Die Tagespresse und der Telegraph, der ihre Erfindungen im Nu über den ganzen Erdboden ausstreut, fabrizieren mehr Mythen […] in einem Tag, als früher in einem Jahrhundert fertiggebracht werden konnten.«

Empfänger und Sender

Dass der Einsatz technischer Medien zuallererst die Reproduktion der bestehenden Produktionsverhältnisse befördert, hat auch Brecht nicht verkannt. Über das Radio spottete er, es sei »ein kolossaler Triumph der Technik, nunmehr einen Wiener Walzer und ein Küchenrezept endlich der ganzen Welt zugänglich machen zu können«. Lächerlich erschien ihm »die ungeheure Überschätzung aller Dinge und Einrichtungen, in denen ›Möglichkeiten‹ stecken« – und zwar auch solche Möglichkeiten, die keineswegs zufällig unentdeckt und ungenutzt blieben. Er selbst formulierte wenig später den prinzipiellen Vorschlag, »aus dem Rundfunk einen Kommunikationsapparat öffentlichen Lebens zu machen«. Das sollte bedeuten, die Empfänger könnten sich zugleich auch als Sender betätigen. Die technischen Möglichkeiten dazu sah Brecht bereits vorgezeichnet, wenngleich erst ein anderer es Jahrzehnte später klar aussprach: »Jedes Transistorradio ist, von seinem Bauprinzip her, zugleich auch ein potentieller Sender; es kann durch Rückkopplung auf andere Empfänger einwirken.« Ob die bisherigen Empfänger dieser Botschaften in ihrer prospektiven Funktion als Sender Kolossaleres mitzuteilen hätten als Wiener Walzer und Küchenrezepte, ließ Brecht offen. Die Kritik aber, die er seinerzeit schon übte, hat anders als das Radio selbst nichts von ihrer Aktualität verloren: »Ein Mann, der was zu sagen hat und keine Zuhörer findet, ist schlimm daran. Noch schlimmer sind Zuhörer daran, die keinen finden, der ihnen etwas zu sagen hat.«
Brecht bezog das natürlich auf die Bourgeoisie, die der Welt nichts mehr mitzuteilen habe als Lügen und von der Wahrheit ablenkende Albernheiten. Wie schon die Theoretiker aus dem Umkreis der frühen sowjetischen Avantgarde ging er davon aus, dass mit der Inbetriebnahme der Kommunikationsmittel durch das Proletariat die technischen Medien eine ganz neue Funktion erfüllen würden: Befreit von den bornierten Interessen einer Klasse, unter deren Obhut auch den Medien nur eine bornierte Funktion zukomme, würden sie einer freien, nunmehr auf die Bedürfnisse der Bevölkerung ausgerichteten Verständigung Raum geben. Den entscheidenden Unterschied zu den sonstigen Produktionsmitteln erkannte Brecht darin, dass die Kommunikationsmittel in weitem Maß bereits vergesellschaftet seien. Von ihrer Umfunktionierung seitens der Nutzer, wie man sie heute nennen würde, versprach er sich die Transformation auch der Produktionsverhältnisse, die den aus ihnen hervorgegangenen Kommunikationsverhältnissen nicht mehr angemessen seien. Es müsse also darum gehen, »die gesellschaftliche Basis dieser Apparate zu erschüttern«.
In die gleiche Richtung zielte Hans Magnus Enzensberger mit seinem Baukasten zu einer Theorie der Medien. Er unternahm damit zugleich einen der nach 1968 zahlreichen Versuche, die Kritische Theorie (der er selbst den Ausdruck »Bewusstseinsindustrie« nachbildete) durch Rückgriff auf die einstmals fröhliche Wissenschaft des Marxismus zu verjüngen. Hundert Jahre zuvor hatte die französische Regierung die Arbeiter von Paris mit Waffen versorgt in der treuherzigen Erwartung, dass sie die Interessen der heimischen Bourgeoisie gegen die Deutschen verteidigen würden. Nun, im Jahr 1970, seien die meisten Leute in den industriell entwickelten Ländern mit Geräten ausgestattet, mit denen sie zwar nicht schießen, doch womöglich ein kommunikatives Einvernehmen darüber erzielen könnten, dass sie unter den demokratisch verbrämten Eigentums- und Herrschaftsverhältnissen nicht länger Dienst tun wollen. 
Bisweilen noch, räumte Enzensberger ein, würden die vielfältigen Möglichkeiten des Austauschs durch mächtige politische und ökonomische Interessen restringiert. Eine wirksame Kontrolle der Kommunikationen sei aber schon jetzt nicht mehr möglich, George Orwells düstere Vision des Jahres 1984 mediengeschichtlich bereits überholt: »Die neuen Medien sind ihrer Struktur nach egalitär. Durch einen einfachen Schaltvorgang kann jeder an ihnen teilnehmen; die Programme selbst sind immateriell und beliebig reproduzierbar.«
Ansprüchen einer Theorie der Medien genügt dieser äußerst zuversichtliche Entwurf zumindest insofern, als darin von spezifischen Medienfunktionen die Rede ist und nicht bloß von der Aneignung überlieferter Apparaturen. Dennoch nahm auch Enzensberger die Apparaturen noch strategisch leicht. Während er der von McLuhan in Umlauf gebrachten Formel, das Medium sei die Botschaft, eine »provozierende Idiotie« bescheinigte und dessen Theorie als »Medienmystik« abtat, betrachtete er die Medien letztlich doch als zu allem dienstbare Geräte, mit denen sich nach Maßgabe gesellschaftlicher Verabredung schalten und walten lasse. Jean Baudrillard warf ihm daher vor, sich in der Manier eines Soziologen über Kommunikationsmedien herzumachen, deren Operationsweise ihm ein Mysterium bleibe. Der strategischen Illusion, der Enzensberger erlegen sei, setzte er den Befund entgegen, dass Medien zwar eine Rede, jedoch keine Antwort zuließen und somit der Isolierung jedes Einzelnen vorarbeiteten. Was sie hervorbrächten, sei vielmehr eine systematische Nicht-Kommunikation. Die Revolution könne nur von der Straße ausgehen. 
In seiner zur Schau gestellten Radikalität klang Baudrillards »Requiem für die Medien« auf Anhieb sympathisch. Ein plausibleres Argument als die polemische Bekräftigung der Tatsache, dass es auch mit Zuhilfenahme technischer Medien nicht gelungen war, die Verhältnisse umzuwerfen, enthielt es allerdings nicht. Sein Versuch, so etwas wie eine gesellschaftliche Formanalyse der medialen Botschaft in Angriff zu nehmen, blieb denn auch vorerst die letzte – und was Baudrillard selbst betrifft: vergebliche – Anstrengung, eine Medientheorie in Sichtweite der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie zu formulieren. Wer nach der Entrümpelung des Marxismus als Medientheoretiker hervortrat, zeichnete sich vorweg dadurch aus, dass er den seit Hegel mühsam erarbeiteten Begriff der Gesellschaft mit großer Geste für unzuständig erklärte. Das Soziale, wie es nunmehr genannt wurde, sollte nichts weiter sein als ein Effekt medialer Kommunikation. Historisches trage sich demnach nur in der Mediengeschichte selbst zu, die aber als eine Naturgeschichte zweiter Ordnung an den Absichten und Wünschen menschlicher Akteure keinen Anstoß nehmen soll. Norbert Bolz, der sich zuzeiten als eine Art Dolmetscher der maßgeblich von Friedrich Kittler auf den Weg gebrachten Theorie technischer Medien betätigte, hat den damit vollzogenen Perspektivwechsel dankbar schlicht zusammengefasst: Es seien, »um das Funktionieren unserer sozialen Systeme zu verstehen, Software-Kenntnisse dienlicher als die Lektüre der Klassiker politischer Ökonomie«.
Dass technische Medien selbst schwerer wiegen als das, was sie angeblich mitteilen, und dass moderne Technologie im allgemeinen nicht länger bloß als Mittel zu einem wie auch immer vernünftigen Zweck missverstanden werden dürfe, hatte Günther Anders bereits in den fünfziger Jahren in Anbetracht einerseits des Fernsehens, andererseits der Atombombe vorgetragen. Als Aufklärer, dem vor konservativen Argumenten nicht bange war, trat er der Auffassung entgegen, dass Technologien grundsätzlich handhabbar seien von denen, die sich einbilden, sie geschaffen zu haben, und deren Bedürfnissen sie zugute kommen sollen. Fraglich, meinte Anders, sei nicht erst, wer sich welcher Technologie zu welchem Zweck bediene, sondern die Technologie selbst, die in ihrer eigenen Entwicklung menschliche Zwecksetzungen weit übertreffe. Nur habe es noch niemand gemerkt: »Keine Entmachtung des Menschen als Menschen ist erfolgreicher als diejenige, die die Freiheit der Persönlichkeit und das Recht der Individualität scheinbar wahrt.«

Jenseits von Apparaten und Maschinen

Von der Entmachtung des Menschen als Weltenlenker und Medienerfinder handelt im wesentlichen auch die Medienontologie Kittlers, die sich jedoch von der Besorgnis, die Anders umtrieb, nichts anmerken lässt. Aus dem fixen Einfall, dass die Medien selbst bedeutender seien als ihre Botschaften, zog Kittler die Konsequenz. Den noch ganz »humanistischen« McLuhan, der sich Medien als Ausweitungen der menschlichen Sinne vorgestellt hatte, überbot er mit einer am Strukturalismus geschulten Konzeption, in der der Mensch (im Sinne jener noch jungen Erfindung, von der Foucault gesprochen hat) nur mehr als Produkt technischer Kopplungen aufscheint. Das Reich des Symbolischen wiederum, das in der Folge des Strukturalismus die des Marxismus überdrüssig gewordenen Intellektuellen in Scharen anzog, entzifferte er als eine Welt der Maschinen, deren konstitutive Bedeutung der von Hause aus selbstgefällige Geist nicht wahrhaben wolle. Mit dem Aufkommen technischer Medien im 19. Jahrhundert sei offenbar geworden, in welchem Maße Denken, Kultur usw. je schon historisches Produkt medialer Techniken seien: »Kants ›Ich denke‹ [...] war im Wahren, solange ihm keine Maschine die Pattern recognition abnahm.« Kittlers mal lakonisch, mal sarkastisch vorgetragene Ontologie technischer Medien verweist, wo sie selber unverhofft geschichtsphilosophisch argumentiert, von weitem zurück auf die Produktivkraftbegeisterung marxistischer Provenienz. Dass die sei es eigenmächtige oder von findigen Menschen angeleitete Entwicklung der Technik die der gesellschaftlichen Verhältnisse bestimmen soll, unterschätzt allerdings den stummen Zwang der Verhältnisse selbst, unter dem die beschworenen Kräfte sich erst entfalten. Die Entdeckung der Leistungen technischer Medien, die den menschlichen Verstand formen und ihm zugleich verborgen bleiben, kommt als kritische Erkenntnis in Betracht nur, sofern sie die Konstitutionsbedingungen der Medien selbst reflektiert.
Während also eine auf Apparate fixierte Medientheorie, über gesellschaftliche Fragen scheinbar erhaben, die Lage als eine nur mehr technisch zu erfassende schildert, bleiben versuchsweise kritische Stellungnahmen über Medien (von der regelmäßig bekundeten Empörung über Machtkonzentration und Manipulation einmal abgesehen) in jenem von Jahr zu Jahr älter werdenden Baukasten stecken, mögen sich auch die Werkzeuge unter der Hand in eigensinnige Maschinen verwandelt haben. Die anhaltende Ratlosigkeit dokumentiert ein reichlich konfuses Thesenpapier der Freiburger Initiative Sozialistisches Forum aus dem Jahr 1997: »Für eine kritische Theorie der Medien.« An einer solchen mangelt es strenggenommen bis heute. Wenn in der erfolgreich etablierten Medienwissenschaft von gesellschaftlichen Phänomenen die Rede ist, geht es über Diskursanalysen und Statistiken selten hinaus; um sich über die gesellschaftliche Funktionsweise technischer Medien Rechenschaft zu geben, wäre vielmehr zunächst eine immanente Kritik der avanciertesten Medientheorien zu bewerkstelligen. Politischen Rat erteilen unterdessen Leute, die, ohne sich selbst einen allzu schweren Begriff der Sache zu machen, Forderungen nach einem möglichen Gebrauch dieser oder jener Medien aufstellen. Zumeist variieren sie nur die recht triviale und ebenso trügerische Auskunft, dass die elektronischen Medien, voran das Internet, die Möglichkeiten der Kommunikation und Interaktion ins Unabsehbare ausdifferenziert hätten. Zur operativen Kenntnis der Technik gesellen sich viel guter Wille und ebensoviel Naivität. Was technische Medien im Vollzug des gesellschaftlichen Zusammenhangs leisten, darüber geben die unverdrossen guten Nachrichten der Netzwerker bestenfalls widerwillig Aufschluss.
Anders als in den prophetischen Redensarten über eine medial vernetzte »Multitude« wird immerhin in der Debatte über die Bedeutung »freier Software« auf die Marxsche Ökonomiekritik ausdrücklich Bezug genommen. Deren Kategorien nämlich sollen durch die freiwillige, unentgeltliche und allein am Gebrauchswert orientierte Arbeit, die die Hersteller der darum frei genannten Software in loser Kooperation leisten, tendenziell bereits außer Kraft gesetzt werden. Ob man es hier, wie auch bei der neuerdings diskutierten »Peer Produktion«, mit dem Vorschein einer Wert und Kapital transzendierenden Produktionsweise zu tun habe, mag dahinstehen. Anstelle einer Transformation der Tauschgesellschaft würde man von ferne eher eine ihr gemäße Transformation jener ehrgeizigen Projekte erwarten. Auffällig ist jedenfalls, dass die theoretischen Gedanken, die im Umkreis dieser vermeintlich neuen Produktionsweise formuliert werden, begrenzt bleiben auf Fragen des praktischen Vollzugs. Ausgerüstet mit der Technologie des 21. Jahrhunderts befindet man sich plötzlich wieder im ausgehenden 19., als mit der »bevorstehenden Wegfegung der kapitalistischen Produktion« vielleicht noch ernsthaft gerechnet werden konnte. An den Erschütterungen des 20. Jahrhunderts hat die Erwartung von ehedem offenbar keinen Schaden genommen.
Es ist »doch etwas äußerst Quälendes nach Gesetzen beherrscht zu werden, die man nicht kennt«. Das ahnte bereits Kafka, der es mit wenigen Ausnahmen selbst vermied, eine Schreibmaschine zu benutzen. Einsicht in die »gnadenlose […] Unterwerfung unter Gesetze, deren Fälle wir sind«, gewinnt aber keine Vorstellung technischer Medien, die deren Entwicklung zum Schicksal verklärt – und dabei die jüngste Katastrophengeschichte, als deren erster Zeuge in der Literatur Kafka gelten kann, ebenso leichtfertig abtut wie die von Marx ins Notizheft gekritzelte Erkenntnis, dass »die Agenten der kapitalistischen Produktion in einer verzauberten Welt« leben. Und zwar in einer Welt, die sie selbst stets aufs neue reproduzieren, die darum aber keineswegs die Domäne ihres Willens ist. Das seinerseits auf apparative Funktionen herabgestufte Subjekt agiert darin vornehmlich als »beseelte einzelne Punktualität« in einem über seinen Kopf hinweg sich vollziehenden Prozess. Durch die Akkumulationsdynamik des Kapitals wäre die von Kittler beschriebene Eskalation geschichtlich erst zu begreifen. Dem technischen Apriori der Medien, von dem ausgehend Kittler die Konstitution von Subjektivität zu fassen sucht, wäre – als Vorschlag ins Blaue gesprochen – die Wertform als gesellschaftliches Apriori zur Seite zu stellen, von dem ausgehend womöglich auch die Funktion technischer Medien neu erschlossen werden könnte. Folgt man der Interpretation Hartmut Winklers, gehe es Kittler tatsächlich um eine Zurückgewinnung dessen, »was der soziale Prozeß in die Technik hineingeschrieben hat«. Bei der Universalmaschine Computer spätestens, die scheinbar sämtliche Medienfunktionen in einem einzigen, jedem besonderen Inhalt gegenüber gleichgültigen Code bewältigen kann, möchte man fragen, ob der soziale Prozess hier nicht insgeheim die von Marx analysierte Wertform in die Technik hineingeschrieben hat. Die allerdings gälte es nicht zurückzugewinnen, sondern aufzulösen in eine mit Bewusstsein ausgestattete Praxis, die nicht länger blind jenen Prozess vollstreckte. Ob dazu ausgerechnet eine Maschine beisteuern wird, die sich aufführt wie der Kochtopf im Märchen vom süßen Brei – mit dem Unterschied, dass sie den Zauberspruch in ihre Schaltkreise schon integriert hat –, bleibt zu sehen.

CHRISTOPH HESSE
Der Autor ist Filmwissenschaftler und arbeitet an der FU Berlin an einem Forschungsvorhaben zur Filmarbeit deutschsprachiger Emigranten in der Sowjetunion der dreißiger und vierziger Jahre.

Fußnoten

  1. Wladimir I. Lenin, Staat und Revolution, in: ders., Ausgewählte Werke in sechs Bänden, Bd. 3, Berlin 1970, 513.
  2. Ebd., 506.
  3. Ebd., 512.
  4. Ebd., 513.
  5. Das sind Kittler zufolge die maßgeblichen Funktionen von Medien: »Übertragung, Speicherung, Verarbeitung von Information« (Friedrich Kittler, Draculas Vermächtnis. Technische Schriften, Leipzig 1993, 8).
  6. Vgl. Marshall McLuhan, The Gutenberg Galaxy. The Making of Typographic Man, Toronto 1962, 31.
  7. Diesen Ausdruck verwendet Marx sehr ausgiebig schon in den Grundrissen. An einer Stelle heißt es dort noch prägnanter: »Das Geld ist das sachliche Medium, worein die Tauschwerte getaucht, eine ihrer allgemeinen Bestimmung entsprechende Gestalt erhalten« (MEW 42, 100). Die mediale Funktion bestimmt Marx allerdings als nur eine von vier Funktionen des Geldes. Die vierte Funktion – Geld als verselbständigte Form des Tauschwerts, d.h. als Kapital (vgl. a.a.O., 183ff.) – bleibt einer bloßen Medientheorie des Geldes unvorstellbar.
  8. Marx, Das Kapital, Bd. 1, MEW 23, 94.
  9. Marx, Grundrisse, MEW 42, 44f.
  10. Marx/Engels, Die deutsche Ideologie, MEW 3, 53, passim.
  11. Marx, Lohn, Preis, Profit, MEW 16, 127.
  12. Marx, Das Kapital, Bd. 1, MEW 23, 373.
  13. Marx, Das Kapital, Bd. 3, MEW 25, 81.
  14. Marx, Das Kapital, Bd. 2, MEW 24, 60.
  15. Vgl. Marx, Das Kapital, Bd. 3, MEW 25, 81.
  16. Marx/Engels, Manifest der kommunistischen Partei, MEW 4, 466.
  17. Ebd., 471.
  18. MEW 33, 252.
  19. Bertolt Brecht, »Radio – eine vorsintflutliche Erfindung?«, in: ders., Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Bd. 21, Frankfurt a.M. 1992, 217.
  20. Ebd., 218.
  21. Brecht, »Der Rundfunk als Kommunikationsapparat«, a.a.O., 557.
  22. Hans Magnus Enzensberger, »Baukasten zu einer Theorie der Medien«, in: Kursbuch, Nr. 20 (März 1970), 60.
  23. Bertolt Brecht, »Radio – eine vorsintflutliche Erfindung?«, 217.
  24. Brecht, »Der Rundfunk als Kommunikationsapparat«, 557.
  25. Vgl. Enzensberger, »Baukasten zu einer Theorie der Medien«, 167.
  26. Vgl. ebd., S. 177; dazu McLuhan, Understanding Media. The Extensions of Man, New York 1964.
  27. Eine auszugsweise Übersetzung seines Traktats Pour une critique de l’économie politique du signe (Paris 1972) erschien unter dem Titel »Requiem für die Medien«, in: Jean Baudrillard, Kool Killer oder Der Aufstand der Zeichen, Berlin 1978, 83–118.
  28. Norbert Bolz, Am Ende der Gutenberg-Galaxis. Die neuen Kommunikationsverhältnisse, München 1993, 7.
  29. Vgl. Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen. Band 1: Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution, München 1956.
  30. Ebd., 104.
  31. Vgl. Michel Foucault, Die Ordnung der Dinge, Frankfurt a.M. 1974, 462.
  32. Vgl. Kittler, »Die Welt des Symbolischen – eine Welt der Maschine«, in: ders., Draculas Vermächtnis, 58–80.
  33. Ebd., 61.
  34. Online einsehbar unter: http://www.isf-freiburg.org/isf/beitraege/isf-medien.thesen.html.
  35. Einen Anlauf in diese Richtung hat vor vielen Jahren bereits Hartmut Winkler unternommen mit seinem Buch: Docuverse. Zur Medientheorie der Computer, München 1997. Vgl. auch Dierk Spreen, Tausch, Technik, Krieg. Die Geburt der Gesellschaft im technisch-medialen Apriori, Hamburg 1998. Unter dem kalauernden Titel »Media Marx« (hrsg. v. Jens Schröter, Gregor Schwering und Urs Stäheli, Bielefeld 2006) wurde vor kurzem erst versucht, zumindest einige Marxsche Begriffe für die Medienwissenschaft zurückzugewinnen.
  36. Vgl. exemplarisch: Nicholas Negroponte, Being Digital, New York 1995; Howard Rheingold, The Virtual Community – Homesteading on the Electronic Frontier, New York 1993 (2. Aufl. Cambridge/Mass. 2000); ders., Smart Mobs: The Next Social Revolution, New York 2002. Dazu die Kritik von Horst Rörig, Die Mär vom Mehr. Strategien der Interaktivität. Begriff, Geschichte, Funktionsmuster, Berlin 2006, 205ff.
  37. Vgl. die Beiträge von Stefan Meretz in der Wiener Zeitschrift Streifzüge: »Produktivkraftentwicklung und Aufhebung« (Nr. 2/2001), »Zur Theorie des Informationskapitalismus« (2 Teile, Nr. 1–2/2003). Dazu die Kritik von Michael Heinrich und Sabine Nuss, »Freie Software und Kapitalismus« (Nr. 1/2002).
  38. Vgl. Christian Siefkes, »Peer Produktion: Wie im Internet eine neue Produktionsweise entsteht«, in: Widerspruch. Münchner Zeitschrift für Philosophie, Heft 52 (2010). Online: http://www.keimform.de/2011/peer-produktion/.
  39. Friedrich Engels, Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats, MEW 21, 83.
  40. Franz Kafka, Zur Frage der Gesetze, in: ders., Nachgelassene Schriften und Fragmente II (= Schriften, Tagebücher. Kritische Ausgabe, Bd. 11), hrsg. v. Jost Schillemeit, Frankfurt a.M. 1992, 270.
  41. Friedrich Kittler, Grammophon Film Typewriter, Berlin 1986, 5f. (zu Kafka vgl. dort 322–330).
  42. Marx, Theorien über den Mehrwert, MEW 26.3, 503.
  43. Marx, Grundrisse, MEW 42, 382.
  44. Vgl. »Synergie von Mensch und Maschine. Friedrich Kittler im Gespräch mit Florian Rötzer«, in: Kunstforum international, Nr. 98, Jan./Feb. 1989, 115
  45. Hartmut Winkler im Gespräch mit Geert Lovink. Zitiert nach Winkler, Docuverse, 358.