Begriffe und Bedeutungen

Diskurse sind Ausdruck und Verankerung von Macht und Wissen, auch die Unterscheidung zwischen sex und gender verfestigt die Geschlechterbinarität

Anatomische Körper befinden sich als kulturelle Konstrukte immer schon in einem vorstrukturierten, binären Rahmen von Geschlechtlichkeit. Darauf weist Stefan Hirschauer hin: »Die kulturelle Wirklichkeit zweier Geschlechter aber kann nicht aus einem Unterschied der Genitalien ›folgen‹, da sie Geschlechtszeichen nur im bereits bestehenden Kontext dieser Wirklichkeit sind.« Auch Judith Butlers betont bereits in Das Unbehagen der Geschlechter, dass es keinen natürlichen, unbezeichneten, nicht sexuierten/sexed Leib gibt, der vor oder außerhalb des Diskurses zu finden sei.

Was aber hat Diskurs mit Wirklichkeit zu tun? Wer oder was konstruiert Zweigeschlechtlichkeit, eindeutige Geschlechtsidentitäten und biologische Geschlechter? Und wie lässt sich in diesem Rahmen die Abweichung (Devianz) von der Binarität der Geschlechter denken?

Auch wenn oben formulierte Gedanken heute nicht mehr neu erscheinen, sind ihre Inhalte doch nach wie vor schwer zu erfassen und bedürfen einer ständigen Auffrischung, Aktualisierung und Auseinandersetzung, wie immer wiederkehrende verkürzte Kritike(n) an queerer Politik und Theorie zeigen.

Die Autorin hofft mit diesem Text einige grundlegende Annahmen und Begriffe klären zu können und Anregungen zu geben für eine weitere Auseinandersetzung um die heterosexuelle Matrix, ihren normierenden Charakter und ihre gewaltsamen Ausschlüsse. Denn, wie Martin Büsser richtig feststellt, zeigt »die Realität von Diskriminierung, Verächtlichmachen, Hatecrimes und Internierungen von Menschen, die nicht den jeweils herrschenden Geschlechternormen entsprechen […], dass die Gender-Theorie keineswegs ein ›Luxusproblem‹ verhandelt, wie manche Kritiker behaupten.«

Zunächst soll es allgemein um Diskurse und ihre strukturierende und materielle Wirkmächtigkeit gehen, dies wird vor allem im Rückgriff auf den Diskursbegriff von Michel Foucault geschehen. Der Platz der Subjekte im Diskurs sowie bei der Konstruktion und Performanz von Geschlechtsidentitäten ist ein weiterer Punkt der Auseinandersetzung. Die Betrachtung von Ausschlüssen und Verschiebungen und deren Rolle im hegemonialen, heteronormativen Diskurs soll die Produktion uneindeutiger, abweichender Identitäten begreifbar machen und eine Überleitung zum Verständnis der Geschlechterparodie als politischer Handlung und queerer Praxis darstellen, wie sie u.a. von Judith Butler beschrieben wird.

Diskurs(e)

Will man sich Foucaults Diskursbegriff nähern, kann die Bedeutung von Wissen und Macht, als einem aufeinander verweisenden Komplex, nicht außer Acht gelassen werden. »Diskurse üben als ›Träger‹ von jeweils gültigem ›Wissen‹ Macht aus; sie sind selbst ein Machtfaktor, indem sie Verhalten und (andere) Diskurse induzieren.«

Der Begriff Diskurs (französisch discours, einfach zu übersetzen als »Rede«) ist zentral für die meisten Foucaultschen Arbeiten, erfährt aber durch sie eine Umwertung und Bedeutungsexpansion. Diskurse werden nicht als Zeichen und als bloße Repräsentation von Gegenständen betrachtet, sondern sie werden als Praktiken verstanden, »die systematisch die Gegenstände bilden von denen sie sprechen«. Diskurse regeln somit auch die Beherrschung der produzierten Gegenstände.

Kleinstes »Atom der Diskurse« sind Aussagen, die als spezifische Äußerungen in Beziehung zum Gesetz bzw. zur Regel der Sagbarkeit von Dingen oder Fakten stehen. Die Anordnung und Verknüpfung von Dingen und Fakten durch sich wiederholende, gegenseitig stützende Aussagen etabliert die Sichtweise auf einen Gegenstand oder Sachverhalt und erschafft ihn somit. Die Machtwirkungen von diskursiven Aussagenhäufungen zeigen sich u.a. dadurch, dass andere mögliche Aussagen, Blickwinkel, Fragestellungen, aber auch Handlungen und Praktiken nicht vorkommen, also ausgeschlossen werden. Man kann diese »zugelassenen« Aussagen als »gültiges Wissen« bezeichnen, d.h. Wissen, an welches ein Wahrheitsanspruch geknüpft ist und das als objektiv und ewig erscheint. Nur Denken und Handeln, welche im Bereich des »Wahren« und »Gültigen« liegen, können so überhaupt erst mögliches Handeln und Denken sein. Judith Butler vertritt die Meinung, dass in Diskursen gültiges Wissen nicht nur übermittelt, sondern auch reproduziert und durch wiederholte (performative) Sprechakte Materie diskursiv erzeugt wird.

Die materielle Wirkmächtigkeit von Diskursen besteht in der Formung von Realität. Sprache hat hier wirklichkeitserzeugenden Charakter. Sie schafft soziale Tatsachen und bringt eine Ordnung der Dinge, des Empirischen selbst hervor. Konkrete und tätige Subjekte sind die TrägerInnen und VervielfältigerInnen überindividueller Diskurse und materialisieren diese durch ihr eigenes Handeln. »Wissen/feste Bewusstseinselemente entstehen erst durch die Rezeption von Diskursen, d.h. durch dauerhafte und sich über lange Zeiträume erstreckende Konfrontation mit immer den gleichen oder doch sehr ähnlichen Aussagen. Erst diese Rekursivität führt zu ihrer Verankerung im Bewusstsein der Subjekte. Das so entstehende Wissen stellt die Applikationsvorlagen für das Handeln der Subjekte bereit und damit letztendlich auch für die Gestaltung gesellschaftlicher Wirklichkeit«

Genauso wie Wissen hier nicht als Wissen an sich, sondern als zeitlich kontingenter Wissensbestand verstanden werden soll, meint das Sprechen von Macht nicht Macht als die eine zentrale, unterdrückende Macht, sondern eine Vielzahl von aufeinander verweisenden Machtmechanismen, die untrennbar mit Wissen verbunden sind. Macht wird nicht als Verbot oder Untersagung innerhalb einer hierarchischen Struktur verstanden, sondern als eine Vielzahl von nebeneinander existierenden Machtpositionen, die sich überall in der Gesellschaft befinden und sich gegenseitig befeuern, indem sie einander widerstehen. Macht ist also im Foucaultschen Sinne nichts Verhinderndes, sondern etwas Produktives. Die Wissensbestände und Machtpositionen reinstallieren sich permanent, beziehen sich aufeinander, regen sich gegenseitig an und erzeugen so soziale Fakten. Die beständige Herstellung von Wahrheiten und Eindeutigkeiten bringt auch Widerstände und Abweichungen hervor. Sie sind aber nicht als Ausrutscher zu verstehen, die es zu vertuschen gilt. Ihre Funktion ist einerseits die Kennzeichnung der Grenzen des normierenden Diskurses und somit die Bestätigung der geltenden Norm, andererseits aber auch die Vervielfältigung der Machtpositionen und -mechanismen durch ihre beständige Unterminierung und Anregung.

Macht, Wissen und Subjekt im heteronormativen Diskurs

Was ist mit dem heteronormativen Diskurs gemeint und wie funktioniert die Herstellung der geschlechtlichen Binarität innerhalb der heterosexuellen Matrix?

Mann- oder Frau-Sein wird in letzter Instanz mit dem Vorhandensein biologischer Geschlechtsmerkmale begründet. An dieser Stelle endet für gewöhnlich auch die Diskussion um die Konstruiertheit der Geschlechter, da eine körperliche und anatomische, für sich selbst sprechende Wahrheit ins Feld geführt wird. Ein gemeinsamer Konsens lässt sich oft noch finden bezüglich sozialisierter, sogenannter geschlechtsspezifischer Verhaltensweisen, die als erlernt und somit als veränderbar gelten. Wie gleich gezeigt wird, bekräftigt die Trennung in soziales (gender) und biologisches (sex) Geschlecht aber nur die natürliche und unumstößliche Ordnung der Geschlechter, da sie auf vordiskursive körperliche Eindeutigkeiten rekurriert.

Judith Butler zeigt in Das Unbehagen der Geschlechter, dass die Verlagerung der Basis für die binäre Ordnung in ein natürliches Feld (Körper) die Naturalisierung sozialer Konstruktionen und somit die Abschottung gegenüber der Infragestellung dieser Kategorien bedeutet. Der biologische Wesenskern von Geschlecht (körperliche Geschlechtsmerkmale) scheint die Ursache der Geschlechterordnung zu sein, ist jedoch ihre Folge, worauf bereits das Eingangszitat verweist. Die Aufrechterhaltung einer Natur/Kultur-Trennung bei der Betrachtung der Geschlechterbinarität dient vielmehr der Naturalisierung und Ontologisierung kultureller Kategorien. Man könnte Butlers Arbeiten an diesem Punkt als ideologiekritisch bezeichnen, weil sie auf die historische Gewordenheit und Kontingenz einer universal erscheinenden Ordnung hinweist, die Denken grundlegend strukturiert und Materialität formt.

Das diskursiv produzierte System zweier differenter Geschlechter, die sich gegengeschlechtlich (also heterosexuell) begehren, benötigt den Bezug auf einen eindeutigen, geschlechtlichen und »natürlichen« Körper quasi als Letztbegründung. Wobei die Naturhaftigkeit des Körpers die Wirkung einer diskursiven Macht ist, »die den Körper in seiner stofflichen Materialität erst hervorbringt und formt. Der Körper erscheint so nicht als Naturressource von Mensch und Gesellschaft, sondern als von Anfang an vergesellschaftete, einer sozialen Norm unterworfenen, körperliche Materialität.« Materie wird hier als etwas vorgestellt, das an eine kulturelle Form der Wahrnehmbarkeit gebunden ist.

Innerhalb der existierenden kulturellen Matrix beschreibt Butler im Bezug auf die Denkbarkeit/Vorstellbarkeit von Geschlechtsidentitäten eine notwendige Kohärenz zwischen sex, gender und Begehren. »Intelligible« Geschlechtsidentitäten sind solche, die in bestimmtem Sinne Beziehungen der Kohärenz und Kontinuität zwischen dem anatomischen Geschlecht (sex), der Geschlechtsidentität (gender), der sexuellen Praxis und dem Begehren stiften und aufrechterhalten.« Der hegemoniale kulturelle Diskurs lässt somit nur einen bestimmten Vorstellungshorizont möglicher Geschlechtsidentitäten zu und schließt die aus, in denen sich gender nicht von sex herleitet und »in denen die Praktiken des Begehrens weder aus dem Geschlecht, noch aus der Geschlechtsidentität ›folgen‹.« Diese Identitäten erscheinen im Rahmen der kulturellen, intelligiblen Norm, also innerhalb des heteronormativen Diskurses, als »Entwicklungsstörungen oder logische Unmöglichkeiten«. Sie zeigen jedoch auch die Grenzen der regulierenden und die immanente Möglichkeit einer widerständigen Matrix auf. Butler bezeichnet diese Störungen als gender-disorder, die durch ihr Vorhandensein als unkontrollierbare Effekte der normierenden Diskurse auf deren Anfälligkeit und Lücken sowie auf die deshalb notwendige repetitive Einsetzung und Herstellung von intelligiblen Eindeutigkeiten hinweisen. Um die Widerständigkeiten und Lücken der Diskurse wird es im Weiteren noch gehen. Wie wir inkohärente Identitäten wahrnehmen und sie in denkbare Einheiten aufsplitten und kategorisieren, zeigt deutlich, was mit den Grenzen der Intelligibilität gemeint ist.

Konstruktion, Performativität und Subjekt

Wie lässt sich der Begriff der Konstruktion im Zusammenhang mit sozialer Geschlechtsidentität und der Materialisierung geschlechtlicher Körper verstehen? Und verbleibt innerhalb dieses Herstellungsprozesses Raum für individuelle Umdeutungen, also letztlich für kritische und politische Handlungsfähigkeit?

Zunächst ist es wichtig festzuhalten, dass Geschlechtsidentität Teil eines Subjektivierungsprozesses ist, der Subjekte innerhalb eines kulturellen Rahmens und durch regelgeleitete Diskurse erst hervorbringt. D.h. es gibt kein Subjekt vor seiner geschlechtlichen Zuordnung und auch keinen Zugriff eines irgendwie vorgängigen und handelnden Subjekts auf das kulturelle Feld. Kultur und Diskurs kreisen auch nicht ein schon vorhandenes Subjekt ein, sondern erschaffen es erst.

Butler problematisiert in diesem Zusammenhang auch allgemein den Begriff der Identität. Identität ist nichts Essentielles und Statisches, sondern eine Bezeichnungspraxis, die ein »substantivisches »Ich« immer wieder herstellt. Die Beschreibung eines durch diskursive Machtmechanismen hervorgebrachten, sexuierten Subjekts lässt Konstruktion jedoch als etwas Determinierendes erscheinen, dem nicht zu entkommen ist. Wenn Subjekte durch normative Zwänge, die diskursiv vermittelt sind, konstruiert werden, macht das Sprechen von kritischer Handlungsfähigkeit im Feld geschlechtlicher Praktiken keinen Sinn. Dann scheint es so, als ob Diskurs und Macht die Rolle des Schicksals übernehmen. An dieser Stelle verhakt sich die Betrachtung schnell zwischen den Polen Determinierung und freier Wille, beides vertraute philosophische Denkfiguren.

»Meine These ist dagegen, dass es keinen ›Täter hinter der Tat gibt‹, sondern dass der Täter in unbeständiger, veränderlicher Form erst in und durch die Tat hervorgebracht wird.« Es wird hier also von einem erzeugendem Prozess ausgegangen, der den Subjekten nicht nur geschieht, sondern von ihnen aktiv hervorgebracht wird. Sie sind TäterInnen ihrer eigenen Tat und produzieren soziale und kulturelle Wirklichkeit. Allerdings findet ihr Handeln innerhalb eines bereits gegebenen kulturellen Rahmens statt, den sie nicht individuell wählen – innerhalb der heterosexuellen Matrix. Sie handeln, indem sie bezeichnen und inszenieren, und produzieren so soziale Wirklichkeit. Die Ausführenden der Bezeichnungspraxen, der »performativen Sprechakte«, sind konkrete Individuen, die allerdings mit der Bezeichnung kulturelle Konventionen zitieren, wobei sie im Tun und Benennen auf einen vorhanden Pool an sozial geteilten Normen referieren. Sie sind so Ausführende und VervielfältigerInnen diskursiv vermittelten und gültigen, aber überindividuellen Wissens. »Performative Sprechakte« setzen somit in Gang, was sie benennen, sie sind wirklichkeitserzeugend. »Auf diese Weise wird aus der Aussage ›Es ist ein Junge‹ oder ›Es ist ein Mädchen‹ ein sozialer Tatbestand, der einem so bezeichneten Körper ein und nur ein Geschlecht zuordnet« Performativität kann als Mittel der sich ständig wiederholenden Macht des Diskurses verstanden werden, welches durch wiederholtes Zitieren von Normen, Dinge hervorbringt und so ermöglicht, sie aber gleichzeitig auch reguliert und begrenzt. »Zunächst einmal darf Performativität nicht als ein vereinzelter oder absichtsvoller ›Akt‹ verstanden werden, sondern als die sich ständig wiederholende und zitierende Praxis, durch die der Diskurs die Wirkungen erzeugt, die er benennt.«

Eine dieser wirkmächtigen Normen, die die Materialisierung von Körpern regiert und Subjekte bildet, ist die notwendige Annahme eines biologischen Geschlechts. So betrachtet, ist die Modellierung von Körpern und die Bedeutung, die seiner Form gegeben wird, die Wirkung einer Machtdynamik, die von den kulturell zwingenden Normen nicht zu trennen ist. Die Bedingungen, unter denen die »Aktivität dieses Geschlechtlich-Werdens« stattfindet, sind die zweigeschlechtliche Norm und der heterosexuelle Imperativ, der den notwendigen Rahmen für die Binarität stellt. Die begründende Anrufung des sozialen Geschlechts (z.B. Es ist ein Mädchen!) »wird von den verschiedensten Autoritäten und über diverse Zeitabschnitte hinweg immer aufs neue wiederholt, um die naturalisierende Wirkung zu verstärken oder anzufechten« und so das »Zum-Mädchen-Machen« fortzusetzen. Das »biologische Geschlecht« ist ein ideales Konstrukt, das mit der Zeit zwangsweise materialisiert wird. Es ist nicht eine schlichte Tatsache oder ein statischer Zustand eines Körpers, sondern ein Prozeß, bei dem regulierende Normen das »biologische Geschlecht« materialisieren« und erzwingen. Sprache ermöglicht so die Verdinglichung des Geschlechts. Butler meint aber auch, dass es im Prozess der performativen Subjektbildung zu Unvollständigkeiten kommen kann und zu einer Differenz zwischen dem zu erreichenden Ideal der Geschlechtsidentität und der lebbaren und gelebten Realität. Hier eröffnet sich die Möglichkeit für das Subjekt, durch Selbstreflexivität diese Differenz zu erkennen, sich also mit dem Ideal abzugleichen, sich im Diskurs que(e)r zu positionieren und möglicherweise für-sich-selbst-zu-sprechen.

Verschiebung, Parodie und Subversion

Die Konstruktion der sozialen Geschlechtsidentität, welche die Hervorbringung eines biologischen Geschlechts (als sein Axiom) einschließt, ist also ein Prozess des ständigen Wiederholens. Bei der Wiederholung geht es aber nicht nur um die wiederholte Benennung, sondern eben auch um das, was mit der Benennung einhergeht – die beständige Inszenierung und Darstellung eines »Geschlecht-Seins« oder »-Habens«. Hirschauer schreibt, dass hierfür bestimmte kulturelle Ressourcen zur Verfügung stehen. »Bei Geschlechtsdarstellungen sind diese kulturellen Ressourcen zum Teil auf historisch sedimentierte, aber auch in stetem Wandel befindliche ›männliche‹ und ›weibliche‹ Repertoires verteilt. Sie bestehen aus sexuierten Darstellungselementen, die ein Betrachter z.T. als ›Geschlechtsmerkmal‹ oder -indiz, aber auch als ›typisch‹ männliche/weibliche Eigenschaft oder als ›gehöriges Verhalten‹ erkennen kann.«

Nach Christine M. Klapeer greift Butlers These des »Geschlechts als performativem Akt« auf zwei Modelle innerhalb der theoretischen Diskussion um Geschlechterkonstruktionen zurück: Geschlecht als Praxis (doing gender) und Geschlecht als diskursive Konstruktion. »Beide Ansätze verbindet der Gedanke der fortwährenden, jedoch nie identischen Wiederholung sozialer Normen und Konventionen.«

Die Begriffe Performativität und Konstruktion dürfen aber nicht zu der irrigen Annahme führen, dass deren Wirkungen (also Geschlechtsidentität) etwas Artifizielles und Verzichtbares seien oder wie ein Kleidungsstück an- oder ablegbar wären. Vielmehr ist Konstruktion als konstitutiver Zwang zu verstehen ohne deren Effekte (sexuierte Körper) oder außerhalb derer wir gar nicht denken und leben können, d.h. die Konstruktionen sind nicht hintergehbar. Da aber Geschlecht und heterosexuelle Matrix einer ständig wiederholenden Herstellung bedürfen, ist eine fehlerhafte Produktion quasi vorprogrammiert, denn das zu realisierende Ideal kann gar nicht »wahr« werden. »›Queer‹ wird also durch das diskursive System einer heterosexuellen Matrix selbst hervorgebracht.«, denn das repetitive Zitieren bringt Verfehlungen und Überschreitungen selbst hervor. Dies greift auch auf Foucaults Annahme zurück, nach der die diskursive Macht ihre Überschreitungen und Widersprüche mit produziert. Butler und Foucault sehen »die Möglichkeit einer subversiven Strategie der Verschiebung […] in den Diskursen selbst angelegt.«

Subversion besteht somit in der Variation innerhalb dieser Wiederholungen und der »Vervielfältigung gerade jener konstitutiven Kategorien, die versuchen die Geschlechtsidentität an ihrem Platz zu halten, indem sie in der Pose der fundierenden Illusionen der Identität auftreten.« Erst die Kontingenz der Konstruktion von Geschlechtsidentitäten macht den Gedanken der Konstruiertheit als politisches Projekt fruchtbar und Konfigurationen möglich.

An jenem Punkt, an dem die Kohärenz von sex, gender und Begehren auseinander fällt und die Pluralität von Existenzweisen möglich wird, setzt die Geschlechter-Verwirrung an. Wo die soziale Geschlechtsidentität nicht auf einen bestimmten anatomischen Körper zurückgeführt wird, vervielfältigen sich die Identitäts-Optionen über zwei eindeutige Geschlechter innerhalb des heterosexuellen Rahmens (sex, gender, Begehren) hinaus. Transsexuelle, transgender, intersexuelle, aber auch lesbische und schwule Existenz- und Lebensweisen fallen aus der Kohärenz heraus und widersprechen so den Normen der Intelligibilität innerhalb der heterosexuellen Matrix. Dass Inkohärenz verwirrt und eine Denkleistung in Gang setzt, ist Teil der Idee einer bewussten Geschlechterirritation und gehört auch zu den Absichten queerer politischer Praxis.

Genderparodie, die z.B. Drag, Cross-Dressing und eine übertriebene Theatralität in der Geschlechterdarstellung beinhaltet, sind nach Klapeer »Formen, die aus queerer Sicht gegenwärtige Vorstellungen eines natürlichen, eindeutigen, kohärenten Geschlechts politisch wirksam subvertieren.« Die Möglichkeit der Diversität von Geschlechtsidentitäten kann durch Strategien der parodistischen Vervielfältigung von Geschlecht eröffnet werden. Die Parodie stellt das »Original« in Frage und deontologisiert das heterosexuelle Privileg (stellt also dessen feste Bestimmung in Frage), welches sich zur Norm und zum Original macht. Die Wiederholung heterosexueller Konstrukte in nicht-heterosexuellen Zusammenhängen betont z.B. den konstruierten und naturalisierten Charakter des heterosexuellen »Originals«. »Denn Schwulsein verhält sich zum Normalen nicht wie die Kopie zum Original, sondern eher wie die Kopie der Kopie.«

Die Inszenierung jeglicher Geschlechtsidentität tritt damit deutlich hervor. Performativität lässt also Formen der Wiederholung zu, die keine bloße Reproduktion der Normen sind und lediglich der Bestätigung des heterosexuellen und zweigeschlechtlichen Gesetzes dienen. An dieser Stelle eröffnet sich Raum für Umdeutungen, Verschiebungen und Resignifikationen.

Butler romantisiert aber nicht, sondern räumt ein, dass Parodie nicht an sich subversiv ist, und dass der hegemoniale Diskurs parodistische Vervielfältigungen auch aufnehmen, normalisieren und instrumentalisieren kann. Als ein Beispiel für Geschlechterparodie seien hier Drag-Inszenierungen (Drag-Queen oder Drag-King) genannt. Durch Drag-Queen-Inszenierung anatomischer »Männer« werden weibliche gender-Normen überzeichnet. Butler meint hierzu, »dass es keine zwangsläufige Verbindung zwischen drag und Subversion gibt und dass drag so gut im Dienste der Entnaturalisierung wie der Reidealisierung übertriebener heterosexueller Geschlechtsnormen stehen kann. Im günstigsten Fall ist drag der Ort einer bestimmten Ambivalenz […].« Als hegemoniale Aneignungen führt sie den Film Tootsie mit Dustin Hofmann an, den sie aufgrund der Erzählstruktur und den Implikationen der vorliegenden Drag-Inszenierung nicht als subversiv bezeichnet. Vielmehr spricht sie solchen Darstellungen eine Entlastungsfunktion für die heterosexuelle Ökonomie zu, »die ihre Grenzen andauernd gegen die Invasion von queerness überwachen muß«.

Klapeer weist ebenfalls auf die hegemoniale Aneignung hin und ergänzt, dass Subversion nicht mit Entdiskriminierung und mehr Egalität gleichzusetzen ist. Ob Subversion und Verwirrung gelingen, ist ihrer Meinung nach stark kontextabhängig. Sie hebt außerdem die Gefahr der Überbewertung von Effekten symbolischer Handlungen hervor und weist auf die sozioökonomischen Rahmenbedingungen von Vergeschlechtlichung hin, die queere Politik nicht aus den Augen verlieren darf. Der selbstreflexive Anspruch von queer, die eigenen Prämissen und Identitätskategorien immer mit zu bedenken, wird von ihr betont. Nicht eine definierte substanzielle Identität, sondern politische Ziele und Interessen stellen die Basis für queere Politik dar, die in veränderlichen und temporären Bündnissen immer wieder ausgehandelt werden müssen. »Denn im Sinne einer radikalen queeren Gesellschaftsanalyse und -kritik geht es nicht um die bloße Argumentation für die Rechte einer ›Minderheit‹, sondern um eine ständige Reflexion gesellschaftlicher Ausschluss- bzw. Normalisierungsmechanismen, sowohl innerhalb der eigenen Subkultur als auch der gesamten Gesellschaft.«

Dass es aber auch um die Rechte einer »Minderheit« geht, betont Judith Butler in einem Essay, in dem sie unterstreicht, dass es ihr nicht nur um die Geschlechtervervielfältigungen geht, sondern darum, eine lebbare Welt für die Geschlechter zu schaffen, die es bereits gibt: die unmöglichen, nicht intelligiblen Identitäten, die durch ihre Nonkonformität äußerlich und innerlich am Leben bedroht waren und sind, weil sie mit permanenten äußeren Anfeindungen oder der eigenen Unwirklichkeit konfrontiert sind. »Der Gedanke eines möglichen Lebens ist nur für diejenigen Luxus, die sich selbst schon als möglich wissen. Für diejenigen, die immer noch auf diese Möglichkeit warten, ist diese Möglichkeit eine Notwendigkeit.«

Auf die Option der Umdeutung von Bezeichnungspraxen und Sprechakten als politisch kritischer Handlung und Ermächtigung soll abschließend noch hingewiesen werden. Als Beispiel sei hier die Resignifikation genannt, die sich an Begriffen wie queer, schwul oder lesbisch selber vollzogen hat und vollzogen wurde. Die so bezeichneten Individuen wurden und werden durch die Aktivierung von diskursiven Konventionen abgewertet. Trotz und wegen dieses repetitiven Vorgangs des Bezeichnens ist es gelungen, die performativen Äußerungen »fehlanzueignen«, sie zu dekontextualisieren und so ihren Bedeutungsumfang zu erweitern. Was nicht heißt, dass ihre verletzende und abwertende Funktion damit aufgehoben wäre. Letztlich ist immer noch entscheidend wer, wo, wann, wen, wie bezeichnet.

 

~Von Jana Scheuring. Die Autorin studierte Philosophie und Politikwissenschaft in Leipzig und setzt sich u.a. mit feministischer und queerer Theorie auseinander.

Fußnoten

  1. Stefan Hirschauer, Die soziale Konstruktion der Transsexualität. Über die Medizin und den Geschlechtswechsel, 2. Aufl., Frankfurt a.M. 1999.
  2. Martin Büsser, Feminismus für Refresher, in: Jungle World 16/2009.
  3. Heteronormativ: Norm der Heterosexualität als notwendiger Rahmen für Zweigeschlechtlichkeit.
  4. Judith Butler versteht sich nicht in erster Linie als queere Theoretikerin, sondern als Feministin innerhalb der Gender Studies. Die von ihr dargelegten Zusammenhänge von Geschlecht, Macht, Begehren und Identität stellen jedoch für die queer theory einen festen Bezugspunkt dar.
  5. Siegfried Jäger, Diskurs als »Fluß von Wissen durch die Zeit«. Ein transdisziplinäres politisches Konzept, in: Aptum. Zeitschrift für Sprachkritik und Sprachkultur 1 (2005), 52-72.
  6. Michel Foucault, Archäologie des Wissens, Frankfurt a.M. 1973.
  7. Jäger, Diskurs, 22f.
  8. Vom heteronormativen Diskurs spreche ich immer in der Einzahl, weil es sich hier um einen Diskurs handelt, der alle anderen durchdringt und fundiert. Deshalb wird im Text auch von Diskursen in der Mehrzahl gesprochen, weil es viele einzelne gibt, die die Binarität der Geschlechter in einem heterosexuellen Rahmen erschaffen und aufrechterhalten. Hier ließen sich z.B. medizinische Diskurse nennen.
  9. Diese Bezeichnung funktioniert natürlich nicht vollständig, weil es Butler nicht um die Aufdeckung eines Verblendungszusammenhangs und um die Entschleierung der dahinter liegenden »wirklichen« Verhältnisse, Abläufe, Absichten geht. Sie weist lediglich auf die Naturalisierung und Historizität sozialer Tatsachen und der Kontingenz von Denk- und Wahrnehmungsoptionen hin und begreift die Verschleierung der kulturellen Herstellung von Körpern, sowie ihre Darstellung als ahistorische Universalie als Teil der Wirkung von diskursiven Machtmechanismen.
  10. Hannelore Bublitz, Judith Butler zur Einführung, Hamburg 2002, 9. Dies ist eine sehr lesenswerte Einführung, die Butlers grundlegende Ideen nachvollziehbar darlegt.
  11. Verstandesmäßig begreifbar, verstehbar, denkbar.
  12. Judith Butler, Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt a.M. 1991, 38.
  13. Ebd., 39.
  14. Denkübung: BetrachterIn wird einer lesbischen Frau ansichtig, denkt: sex: weiblich gender: weiblich, irgendwie leicht maskulin, Begehren: homosexuell; oder einer Trans-Frau: sex: originär männlich, sicher auf dem Weg zu weiblichem Körper gender: weiblich, Begehren:?
  15. An diese Annahme knüpft auch ihre Kritik an ein feststehendes, universales Subjekt »Frau« an, das Grundlage bestimmter feministischer Politiken ist. Problematisch an Identitätspolitik und einer essentiellen Konzeption von Identität ist einerseits die Zementierung der Kategorie, die eigentlich angefochten werden soll und andererseits der Ausschluss von nicht passenden Identitäten, womit sich emanzipatorische Politik ihres eigenen Anspruchs beraubt.
  16. Ebd., 209.
  17. Der Begriff der »Performativität« geht auf den Sprachphilosophen John L. Austin zurück, der Sprache als wirklichkeitserzeugend begreift.
  18. Bublitz, Judith Butler, 23.
  19. Judith Butler, Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts, Berlin 1995, 22.
  20. Ebd., 29.
  21. Ebd., 21.
  22. Hirschauer, Konstruktion der Transsexualität, 39.
  23. Christine M. Klapeer, Queer.contexts. Entstehung und Rezeption von Queer Theory in den USA und Österreich, Innsbruck u.a., 2007, 65.
  24. Bublitz, Judith Butler, 78.
  25. Ebd., 79.
  26. Butler, Unbehagen der Geschlechter, 62.
  27. Klapeer, Queer.contexts, 74.
  28. Ebd, 58.
  29. Butler, Körper von Gewicht, 178.
  30. Ebd., 179.
  31. Klapeer, Queer.contexts, 80.
  32. Bublitz, Judith Butler, 132.