Auschwitz und Kolyma

Anmerkungen zum kommunistischen Geschichtsbewusstsein

Der Mensch ist Geschichte. Die Zeitdimension der Vergangenheit konstituiert sein Dasein. Der Mensch, so Friedrich Nietzsche, ist beladen mit der »Last des Vergangenen«, die ihn mühsam durch das Leben schreiten lässt: »mag er noch so weit, noch so schnell laufen, die Kette« des Vergangenen »läuft mit.« Die Vergangenheit ist nicht vergangen, sondern hat ein wirkendes Dasein in der Gegenwart, welches freilich nicht allein »als Gespenst« der Erinnerung an das Gewesene in Erscheinung tritt, sondern in den gewordenen, in der kapitalistischen Moderne sich selbst reproduzierenden Strukturen der Gesellschaft fortwest, zu denen sich die historische Praxis verdinglichte: »Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen. Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden.«

Für Nietzsche ist die »Kenntnis der Vergangenheit« kein Selbstzweck, sondern hat im »Dienste der Zukunft und Gegenwart« zu stehen. Nietzsches in einer Daseinsanalyse menschlicher Zeitlichkeit gründende Reflexion auf die Historie richtet sich gegen die »homogene und leere Zeit« des Historismus und intendiert ein Geschichtsbewusstsein, welches die Last des Vergangenen in eine sich horizontal weitende Gegenwart integriert: angeeignete Geschichte als Bedingung der Möglichkeit von auf Zukunft gerichtete Praxis.

Vor diesem Hintergrund der Macht des Vergangenen und des Problems seiner Aufarbeitung stellt sich die Frage nach der Möglichkeit eines kommunistischen Geschichtsbewusstseins im 21. Jahrhundert in ihrer ganzen Brisanz. Auf den Schultern der Kommunisten lastet eine Vergangenheit, die sie erdrückt: Die Erfahrung des nicht verhinderten Faschismus, des Nationalsozialismus als dem Sieg der deutschesten aller Revolutionen und des kompletten Scheiterns kommunistischer Emanzipation im Stalinismus. Diese Last ist unerträglich. Entsprechend wird sie bis heute kollektiv verdrängt oder rationalisiert, mal mit intelligenten, zumeist aber mit wenig verdeckten legitimatorischen Argumenten: Das war gar nicht der Kommunismus, wenigstens der Roten Armee sei zu danken, und überhaupt diene die Kommunismuskritik doch nur dem Status quo. Das stimmt. Und dennoch ist dies eine Flucht, die nicht nur die Möglichkeit einer Rekonstruktion kommunistischer Zukunft verbaut, sondern auch die sinnlos Ermordeten verrät, wie Bini Adamczak in ihrer luziden und überfälligen Gespenstergeschichte des untoten Kommunismus richtungweisend demonstriert hat.

Ohne die Vergegenwärtigung des Vergangenen gibt es keine Zukunft. In Bezug auf den Kommunismus kann dies nur die kollektive Trauerarbeit von Kommunisten sein. Das Vergessen kommunistischer Geschichte enthält indessen kein geschichtsphilosophisches Versprechen: Beim nächsten Mal wird alles besser und die Geschichte hat doch wenigstens den Sinn, dass die Nachgeborenen aus ihr lernen. Nein. Die Toten sind tot und bleiben tot; sinnlos gestorben und gemeuchelt. Kommunistische Trauerarbeit kann nicht mehr als der Versuch sein, die historisch Verlorenen dem Vergessen, ihrem zweiten Tod, zu entreißen. Eine messianische Hoffnung wider alle Vernunft auf ihre Wiederauferstehung ist zwar Ausdruck einer menschheitsübergreifenden Solidarität. Sie degeneriert indes zur beruhigenden Ideologie, wenn sie dazu dient, hoffnungsfroh den Blick auf die reale Katastrophe namens Geschichte zu verklären. Eine Aneignung der Geschichte im Interesse der Zukunft, wie sie Nietzsche vorschwebte, versagt vor der real-wütenden Barbarei im »Zeitalter der Extreme« (Eric Hobsbawm). Ein selektives und legitimatorisches Geschichtsbewusstsein ist Ideologie, Betrug und Verrat. Neben der unerledigten Aufgabe der schonungslos zu betreibenden wissenschaftlichen Aufarbeitung der Geschichte, deren Bedingung die Absage an politisch motivierte Abwehrstrategien ist, bleibt nicht mehr als ein Eingedenken, welches jenseits jeglichen instrumentellen Bezugs Geschichte erinnert: kein Versprechen eines happy ends, keine Sinngebung des Sinnlosen, keine Rettung, sondern allein die Pflicht zur Treue gegenüber den Verratenen und Vernichteten.

Welche Kommunisten könnten die Kraft aufbringen, der wenig rühmlichen Geschichte des Kommunismus schonungslos ins Auge zu gucken – einem Erbe, das in der Tat die Möglichkeit einer Zukunft des Kommunismus zu ersticken droht? Es werden nicht die Kommunisten sein, die auf welche Form des historischen Staatssozialismus auch immer sich einst oder noch heute positiv beziehen: Leninisten, Trotzkisten, Stalinisten, Maoisten und andere Gruselvereine. Die Last liegt voller Unrecht auf den Schultern derjenigen kommunistischen Tradition, die nie den Weg des historischen Kommunismus mitgegangen ist und die auch im Angesicht der Katastrophe nicht ihr Bewusstsein verloren und sich in die Arme der Herrschaft geworfen hat. Es gab diese hoffnungslosen Gestalten, die unter die Räder der Geschichte und ihrer unerbittlichen Logik der Gewalt kamen und zermalmt wurden. Selten nannten sie sich wohl Kommunisten, häufiger libertäre Sozialisten, Rätekommunisten oder schlicht Anarchisten. Es sind dies vergangene namentliche Differenzen, wenn denn unter Kommunismus die bedingungslose Negation aller Formen von Herrschaft verstanden wird. Als solchen Begriff gilt es den Kommunismus zu verteidigen, da mit einem neuen Label nicht auch die alten Probleme verschwinden, für die jener als umkämpftes Signifikat steht. Als solch monströses Erbe ist der Kommunismus nicht zuletzt auch in seiner Erscheinung einer »anderen Arbeiterbewegung« (Karl-Heinz Roth) zu erinnern, ohne dem Phantasma einer historischen Erbfolge zu erliegen oder sich auf die illusorische Suche nach der politischen Unschuld zu begeben.  Doch diese Erinnerung ist hier nicht oder doch nur durch Negation von Interesse: Auch die kommunistische Dissidenz hat die Bedeutung von Auschwitz und Kolyma in ihrer ganzen historischen Tragweite nicht zu erkennen vermocht. Zu stark auch hier die Illusionen über den vermeintlichen Standort in der Geschichte der Klassenkämpfe, zu ausgeprägt auch hier die Hoffnung, vom Stalinismus als dem Inbegriff des Scheiterns kommunistischer Emanzipation nicht affiziert zu sein. Ungebrochen blieb ein Geschichtsdenken, welches die Katastrophen des Zeitalters der Extreme schlicht nicht zu (er)fassen vermochte, und somit unbegriffen ließ.

Während das, was der in Auschwitz kulminierende Nationalsozialismus war, allmählich via die Kritische Theorie, die in diesem Punkt der kommunistischen Dissidenz voraus war, zunehmend dem kommunistischen Geschichtsbewusstsein der Gegenwart bewusst ist, ist die historische Bedeutung des Stalinismus demselben ein Anathema. Ein Zustand, der im Interesse der toten und lebenden Kommunisten der Aufhebung harrt. Daher zwei Thesen:

Auschwitz

Trotz der Kritischen Theorie, die diesbezüglich mehr als nur Vorarbeit geleistet hat, hat es gedauert, bis sich im kommunistischen Geschichtsbewusstsein ein Begriff vom Nationalsozialismus einstellte, der dessen Wesen, den eliminatorischen Antisemitismus der rassen-imperialistischen deutschen Volksgemeinschaft, ernst nahm und zu erfassen vermochte. Wohlgemerkt: Es ist dies freilich ein unabgeschlossener Prozess der Bildung von Geschichtsbewusstsein, welcher, dies zeigt der linke Umgang mit dem sog. Nahost-Konflikt immer wieder aufs Neue, wohl auch nicht irreversibel ist. Es ist Auschwitz als Inbegriff der Autodestruktion der bürgerlichen Zivilisation, die die Grenzen der Aufklärung (Detlev Claussen) und somit auch materialistischer Theorie wie kommunistischer Praxis markiert: »Mit Auschwitz bezeichnen wir die geschichtliche Konkretion, die menschliche Beziehungen unter dem Diktat entfesselter Herrschaft annehmen können. [...]. Auschwitz läßt sich weder allein aus der Logik des Antisemitismus noch bloß aus dem Programm der »Endlösung« erkennen; es steht im Zeichen der nationalsozialistischen Verewigung von Gewalt.«

 Der Nationalsozialismus war nicht eine Waffe des Monopolkapitalismus gegen das vermeintlich revolutionäre Proletariat, wie ein Marxismus meinte, dessen intellektueller Gehalt der Marxschen Theorie offen ins Gesicht schlägt: eine krude personalisierende Agententheorie, die nicht im Ansatz die basale Formspezifik bürgerlich-kapitalistischer Herrschaftsverhältnisse begriffen hat. Auch die Bonapartismustheorie, die zweifelsohne die Herrschaftsstruktur der Anfangszeit des Faschismus – das bewusst geschlossene Bündnis zwischen traditionellen Eliten und Nazi-Mob – sowie dessen Entwicklung aufzuklären vermag, dringt nicht zu dem vor, was der Nationalsozialismus war: die »Zerfallsform bürgerlicher Herrschaft«, welche die kapitalistische Moderne, deren legitimes Produkt sie ist, nicht vor dem Kommunismus zu retten trachtete, sondern qua Rückkehr zu »unmittelbare[n] Herrschafts- und Gewaltverhältnisse[n]« zu vernichten versuchte. Am Ende steht die im Antisemitismus zusammengeschweißte und rassisch gegliederte Volksgemeinschaft – die Negation jeden Anspruchs auf Emanzipation – in der »die Praktiker der Gewalt mehr und mehr Unternehmer [...] und die Unternehmer Praktiker der Gewalt« wurden. Diese »negative Aufhebung des Kapitals«, die nicht dessen abstrakte Negation, sondern die Konsequenz seines immanenten Krisencharakters ist, ist aber nicht mehr zu fassen mit den Kategorien der Marxschen Theorie. Sie werden gegenüber einer Wirklichkeit gegenstandslos, deren Wesen nicht einfach die diktatorische Aufrechterhaltung der kapitalistischen Eigentumsverhältnisse und der Verwertung des Wertes ist, sondern die »Entfesselung einer absoluten Gewalt« in ihrer unmittelbarsten Form und als Selbstzweck im Angesicht des Scheiterns der militärischen Welteroberung.

 Als solches an die Grenzen des Verstehbaren reichendes – freilich nicht schlechthin undurchdringliches – Geschehen ist der Nationalsozialismus die Absage an alle auch nur noch so partiellen Formen der Emanzipation, der Freiheit und des Glücks des Einzelnen: die Vernichtung des Nichtidentischen als Erlösungsgeschehen. Dies ist die Bedeutung von Auschwitz, in der der Antisemitismus und die sich reproduzierende (national)soziale Gewalt ihr einzig wahres Gesicht zeigten: Der Antisemitismus ist »mehr als ein bloßes Mittel« – keine (gekaufte) Konterrevolution – sondern die bewusste Affirmation der Vernichtung als heilsgeschichtlichen »Zweck«, deren Genesis in die fortwuchernde Irrationalität überkommener Herrschaft und in die missglückte Emanzipation von dieser zurückreicht. Auschwitz ist das sich einer spezifisch deutschen Konstellation verdankende Resultat der sich bewusstlos reproduzierenden Vorgeschichte, deren Gewalt- und Herrschaftsverhältnisse die Form wandelten, die an sich aber noch immer ihrer Abschaffung harren.

 Für das kommunistische Geschichtsbewusstsein »steht« (den instrumentalistischen Duktus wohlwollend übersehend) der in Auschwitz kulminierende Nationalsozialismus daher für zweierlei: einerseits dafür, dass es etwas Schlimmeres gibt als das Ausbleiben der Revolution und die kapitalistischen Formen sozialer Synthesis und Herrschaft. Die scheinradikale Leugnung der spezifischen Differenzen von Herrschaftsformen ist folglich eine theoretische wie praktische Dummheit sondergleichen, die historisch verheerenderweise der Normalfall im Kommunismus war. Adornos kategorischer Imperativ, dass Auschwitz oder Ähnliches sich nicht wiederhole, ist gerade auch in dieser Hinsicht zu bedenken als eine Anforderung an kommunistische Praxis als deren Maxime: »Indifferenz« – als diejenige (a)soziale Beziehung zwischen Menschen, die Auschwitz wesentlich mit ermöglichte – gegenüber Antisemitismus und faschistischen Umtrieben ist ein Verrat an der Emanzipation als solcher. Antisemitismus ist niemals harmlos, kein Sozialismus des dummen Kerls, sondern der auf Erfüllung drängende Wunsch nach Vernichtung des Anderen und die offensive Negation der Möglichkeit individuellen Glücks, die an den Juden als der Verkörperung der »Gegenrasse« exekutiert wird und von hier aus weiterschreitet in Richtung der homogenisierten Volksgemeinschaft. Jegliche diesbezügliche Unbekümmertheit ist daher durch nichts zu rechtfertigen und verdankt sich eines defizitären (Geschichts-)Bewusstseins. Andererseits aber steht Auschwitz für das Scheitern der radikalen Emanzipation. Das aber heißt, dass Auschwitz fortlebt, weil die gesellschaftlichen Bedingungen des Nationalsozialismus – Herrschaft, Gewalt, Arbeit, Kapital – unaufgehoben sind: die schier unendliche Geschichte von Herrschaft und Gewalt, die sich in der Moderne in den Strukturen von Staat und Kapital sedimendierte, in abstrakter, vermittelter Form fortbesteht und stets in der Krise sowie an der inneren und äußeren Peripherie überaus konkret und unvermittelt zu werden droht. Zu diesem Zustand fortwährenden Schreckens hat der historische Kommunismus seinen Anteil geleistet.

Kolyma

Wenn Auschwitz die wahr gewordene Drohung der Vernichtung des Nichtidentischen als Selbstzweck bezeichnet, die zwar in einem immanenten Zusammenhang mit der Verwertung des Wertes steht, von dem sie sich aber qualitativ unterscheidet, stellt sich die Frage, was Kolyma als Inbegriff der sowjetischen Lagerwelt bedeutet. Das kommunistische Geschichtsbewusstsein hat sich dieser Frage bis heute nicht angemessen gestellt, wenn man denn von den angesichts des »Gulagschocks« die Seite wechselnden (Anti-)Kommunisten absieht. Immer wieder dieselbe Rechtfertigung: Schwarzbücher des Kommunismus seien indirekt Weißbücher des Kapitalismus/Imperialismus und/oder Relativierungen des Nationalsozialismus. Auch dies ist richtig, und nicht zuletzt angesichts des unfassbar ideologischen Schlachtrufs von den zwei deutschen Diktaturen im Land der Henker mehr als verständlich. Dies gilt auch für die Absage an die Totalitarismustheorie. Entscheidend hierbei ist allerdings, wie die Kritik sich begründet. Diese kann nur wissenschaftlich, niemals aber strategisch, politisch oder moralisch sein, was sie zweifelsohne zumeist ist. Wissenschaftlich heißt simpel, dass die Totalitarismustheorie schlicht nicht die Eigenarten der nationalsozialistischen und stalinistischen Herrschaft und ihre Gewaltformen zu erfassen vermag und somit entdifferenziert. Und wissenschaftlich heißt freilich auch, dass alle Erkenntnisse (soweit sie zu überblicken sind) wahrgenommen und nicht durch eine moralisch-politische Brille selektiert werden. In Bezug auf den Stalinismus meint dies, dass das kommunistische Geschichtsbewusstsein mit einer unfassbaren Gewalt konfrontiert wird, die sich noch einmal dadurch – gleichsam geschichtsphilosophisch – potenziert, dass diese von denjenigen ausging und zu verantworten ist, die das Ende von Gewalt und Herrschaft zum Programm hatten. Die Nazis bekannten sich zur Vernichtung und machten keinen Hehl daraus, welches Reich sie zu errichten gedachten. Kolyma ist daher nicht Inbegriff der totalitaristisch-gedoubelten Vernichtung als Selbstzweck, sondern der Name für die, ebenfalls an das Unbegreifliche rührende, Selbstvernichtung der Emanzipation qua Entfesselung unvorstellbarer Gewalt, deren Zynismus wahrhaft diabolische Züge trug. Die Totalitarismustheorie relativiert mithin nicht nur Auschwitz, sondern auch Kolyma.

Es ist die (Anti)Literatur von Warlam Schalamov, die wohl mehr als jede wissenschaftliche Abhandlung über den stalinistischen Terror eine unerträgliche Aporie zu Bewusstsein kommen lässt: als denkendes Wesen im Angesicht von Auschwitz Kommunist sein zu müssen und in Hinblick auf Kolyma als eben solches dies nicht sein zu können. Schalamov bringt die Kälte und den Zynismus von Kolyma in anti-ästhetische Erscheinung, die dem Leser das Blut in den Adern gefrieren lässt: »Der Frost, derselbe, der die Sprache in der Luft gefrieren ließ, ergriff auch die menschliche Seele. Wenn die Knochen einfrieren konnten, konnte auch das Hirn einfrieren und stumpf werden, konnte auch die Seele einfrieren.« Diese »teuflische Harmonie« aus unfassbarem Zynismus, tödlicher Kälte und mörderischer Arbeit im Namen des Kommunismus, des Versprechens auf das Ende aller Herrschaft und Gewalt, der Vernichtung der Arbeit, der Möglichkeit von Glück, ist für den, der nicht bereit ist zur (strategisch vermeintlich gut begründeten) Lüge, schier unerträglich und lässt die Erbschaft des Kommunismus für die Kommunisten als nicht antretbar erscheinen. Schalamov bringt in seinen völlig illusionslosen und unpathetischen Ausführungen Kolyma auf den Punkt: In Kolyma regiert nicht die Vernichtung um der Vernichtung willen, sondern ein brutaler Zynismus, der die Idee der Befreiung und des individuellen Glücks wie ein dirty joke erscheinen lässt; der Stalinismus als Verhöhnung des Kommunismus von innen heraus, was diesen umso treffender zu beschädigen vermochte.

 Kolyma verlangt von den Kommunisten der Gegenwart, dass sie bezüglich des Stalinismus als der Selbstvernichtung der Emanzipation, die den Kommunismus zu verunmöglichen droht, ebenfalls keinerlei Indifferenz walten lassen. All die Rechtfertigungen des Stalinismus, deren Legitimität allein darin besteht, dass selbstverständlich auch die Geschichte der Sowjetunion nur aus deren Kontext zu begreifen ist, übersehen, dass die Entfesselung der Gewalt nicht allein aus ungünstigen Bedingungen und (deterministisch gedachten) Kausalfaktoren (Konterrevolution, Industrialisierung, 2. Weltkrieg) zu begreifen ist, sondern, dass diesem das bolschewistische Konzept kommunistischer Emanzipation zu Grunde lag: Befreiung durch Herrschaft. Diese dialektisch sich drapierende Konzeption ist, soll der Kommunismus jemals wieder Zukunft haben, nie wieder anschlussfähig, da sie notwendig »die Gesellschaft in zwei Teile – von denen der eine über ihr erhaben ist – sondieren« muss. Kolyma ist der Inbegriff eines Kommunismus, dessen »Wesen« die Negation der so überaus schwierigen (kollektiven und individuellen) Selbstbefreiung ist, zu der es für Marx aus guten Gründen keine noch so plausibel (macht-realistisch) begründete Alternative gibt: Selbstbefreiung ist kein verhandelbares strategisches Moment des Kommunismus, sondern dessen »Wesen«. Es ist mithin kein Zufall oder allein ungünstigen historischen Bedingungen geschuldet, dass auf dem Boden der Sowjetunion Kolyma errichtet wurde, sondern eine nicht notwendige, aber doch folgerichtige Konsequenz der sich selbst negierenden Emanzipation, die das Individuum zum bloßen Material eines wahnsinnigen Fortschritts degradiert. Diese Selbstvernichtung der Emanzipation ist daher nicht weniger ein Menetekel für das kommunistische Geschichtsbewusstsein als Auschwitz: Orte die auf je spezifische Art und Weise für das völlige Scheitern des (historischen) Kommunismus stehen, deren Erbe aber ein jeder ist, der es Ernst damit meint »die ganze alte Scheiße«(24) wegzuhauen.

~Von Hendrik Wallat. Der Autor lebt in Hannover. In Kürze erscheint von ihm: Das Bewusstsein der Krise. Marx, Nietzsche und die Emanzipation des Nichtidentischen (Transcript Verlag).

Fußnoten

  1. Friedrich Nietzsche, Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben. In: Kritische Studienausgabe Bd.1, München 1999, 248f.
  2. Marx Engels Werke Bd. 8, 115.
  3. Nietzsche, Historie, Fn. 1., 271.
  4. Walter Benjamin, Zur Kritik der Gewalt und andere Aufsätze. Frankfurt a.M. 1965, 92.
  5. Vgl. Bini Adamczak, Gestern Morgen. Über die Einsamkeit kommunistischer Gespenster und die Rekonstruktion der Zukunft. Münster 2007. Dass Adamczaks Essay nicht unwesentlich zur Entstehung des hier Dargelegten beigetragen hat, wird dem Leser auch im Folgenden nicht entgehen. Intelligentes darf m.E. ruhig wiederholt werden.
  6. Erinnert sei nur an die dem Vergessen anheim gefallenen, überaus luziden Reflexionen der unbestechlichen Simone Weil. Vgl. Simone Weil, Unterdrückung und Freiheit. Politische Schriften. München 1975.
  7. Bei aller theoretischen Naivität des historischen Anarchismus ist sein Misstrauen gegenüber allen Formen des Staatssozialismus seine historische Leistung, die klein zu rechnen überaus ungerecht wäre. Vgl. zu den theoretischen Albernheiten der Spielarten des Anarchismus die knappe, aber treffende Kritik Fabian Kettner, Das Prinzip guter Wille. Über die Naivität des Anarchismus, in: Prodomo. Zeitschrift in eigener Sache 6/2007. 59–63.
  8. Diese Geschichte kommt bei Adamczak ersichtlich zu kurz, auch wenn es mehr als legitim ist, die Tür zu einer Flucht in einen unschuldigen, rein imaginären Kommunismus bewusst geschlossen zu halten. Zur kommunistischen Trauerarbeit gehört aber auch die Erinnerung an die Kräfte der Subversion, die nicht erst einen Gulagschock benötigten, um den Bolschewismus abzuschwören. Im Übrigen hinkt auch Adamczaks Metapher von dem an Stalins Wange klebenden Marx: In der real-sozialistischen Ikonographie ist ja noch Lenin dazwischen, was der Geschichte in diesem Fall dann doch einmal sehr viel gerechter wird.
    Detlev Claussen, Grenzen der Aufklärung. Die gesellschaftliche Genese des Antisemitismus. Erw. Neuausgabe. Frankfurt a.M. 2005, 41.
  9. Gert Schäfer, Franz Neumanns Behemoth und die heutige Faschismusdiskussion, in: Franz Neumann, Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933-1944. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Gert Schäfer. Frankfurt a.M. 1984, 695.
  10. Neumann, Behemoth, Fn. 10, 660.
  11. Darauf hat Gert Schäfer bereits vor vierzig Jahren eindringlich hingewiesen, was ihm die zu erwartende Abkanzelung durch die Hohepriester des Marxismus-Leninismus einbrachte. Vgl. Gert Schäfer, Ökonomische Bedingungen des Faschismus, in: Reinhard Kühnl (Hrsg.), Texte zur Faschismusdiskussion 1. Hamburg 1974. 204–19.
  12. Claussen, Grenzen der Aufklärung, 19.
  13. Neumann, Behemoth, 161.
  14. Claussen, Grenzen der Aufklärung, XII.
  15. Max Horkheimer / Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt a.M. 1988, 196.
  16. Eine alte Mär ist etwa, dass in der Sowjetunion nicht auch nach ethnischen/nationalen Kriterien gemordet wurde oder dass keine biologistische Stigmatisierung des (Klassen)Feindes stattgefunden habe. Man vgl. diesbezüglich die einem die Sprache verschlagenden Ausführungen von Stefan Plaggenborg in seinem wichtigen Werk: Experiment Moderne. Der sowjetische Weg. Frankfurt a.M. 2006.
  17. Jetzt endlich auch (in Teilen) in deutscher Sprache zugänglich. Warlam Schalamov, Durch den Schnee. Erzählungen aus Kolyma 1. Berlin 2007 und: Linkes Ufer. Erzählungen aus Kolyma II. Berlin 2008. Zu Schalamov vgl. auch Sapper, Manfred u.a. (Hrsg.), Das Lager beschreiben. Warlam Schalamov und die Aufarbeitung des Gulag, in: Zeitschrift Osteuropa, Heft 6/2007.
  18. Schalamov, Durch den Schnee, 23.
  19. Ebd., 43.
  20. Grotesk ist es, dass zumeist der Sieg der Roten Armee über den Nationalsozialismus immer noch dafür herhalten muss, den Stalinismus schönzureden: »Stalin war ein grausamer Herrscher. Und Stalin hat Hitlerdeutschland daran gehindert, Europa bis zum Ural der Naziherrschaft zu unterwerfen. Beides zugleich zu denken, ist vielleicht schwer, aber Denken ist nun mal nicht leicht«, wie der Urheber dieses Blödsinns stante pede beweist. Zitat aus ›Wer Träume verwirklichen will, soll zum Theater gehen, nicht in die Politik‹. Interview mit Hermann L. Gremliza in: Phase 2/24, 35. Ohne den Generalissimus und den von ihm entfesselten Terror, wäre die Rote Armee sehr viel stärker aufgestellt gewesen, was Unzähligen das Leben gerettet hätte. Zu danken ist mithin nicht ›der‹ Sowjetunion und schon gar nicht dem weisesten aller Führer, sondern den heroisch kämpfenden Partisanen und dem einfachen ›Ivan‹.
  21. MEW Bd. 3, 6.
  22. Vgl. Wallat, Hendrik, Weder Staat noch Kollektiv. Sozialismuskritik im Werk von Karl Marx, in: Prokla 255 (Juni 2009).
  23. MEW Bd. 3, 35.