Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies

Körperveränderungen als Spielart von postmodernem Rassismus

Mario und Joachim sind zwei junge Männer, die auf Polylog.tv in einem Beitrag über Modern Primitives als ebensolche vorgestellt werden. Mario erzählt etwas verschüchtert über seine Empfindungen, die er bei einer Suspension hatte, das heißt, als er sich zwei Fleischerhaken durch die Brusthaut stechen ließ, um dann an ihnen hochgezogen zu werden. Bei dieser, einem nicht näher erläuterten indianischem Männlichkeitsritual nachempfundenen, Prozedur fühlte er sich nicht männlich, sondern mächtig. Mächtig über seinen Körper und über sein Schmerzempfinden, denn seinen Worten nach »überwindet der Geist die Materie«. Auch Joachim, teilt uns der Sprecher mit, überwindet immer wieder neu die eigenen Grenzen, um Spiritualität zu erleben, zum Beispiel mit Brandings, und Joachim selbst erzählt, dass es zu einer Sucht geworden sei, »an seinem Körper zu arbeiten«, während man ihm dabei zusieht, wie er im warmen Licht einer Abenddämmerung nackt durch einen deutschen Mischwald läuft. Ist der Beitrag auch nur sechs Minuten lang, so zeigt er doch trotzdem deutlich wesentliche Züge des so genannten Modern Primitivism.

 Die Bezeichnung Modern Primitives wurde Ende der siebziger Jahre von Fakir Musafa eingeführt, der so sich selbst »und eine Handvoll anderer Atavisten« damit meinte. »Vielleicht waren wir Native Americans, die sich wieder traditionellen Wegen zuwandten, oder wir waren Urban Aboriginals, die einem inneren, universalen Archetyp folgen, eine Sache war klar: wir lehnten alle die Ausrichtung der westlichen Kultur in Bezug auf Besitz und Verwendung des Körpers ab. Wir glaubten, dass unser Körper uns gehört. [...] Unsere Körper gehören nicht einem distanzierten Gott auf einem Thron, oder seiner Priester oder Sprecher, nicht Vater, Mutter, LebensgefährtIn, oder dem Staat, seinem Monarchen, Führer oder Diktator, keinen sozialen Einrichtungen der militärischen, ausbildenden, judikativen oder medizinischen Führungsschicht.« Modern Primitivism ist eine in der Öffentlichkeit vielfach wahrgenommene Strömungen der Body Modification-Szenerie, bei der die Beteiligten sich nicht auf Nasenring und Arschgeweih beschränken, sondern auffälligere und gesellschaftlich weniger akzeptierte Formen der Körperveränderung praktizieren.

Zwar gibt es schon vermehrt Publikationen aus dem US-amerikanischen Raum, die sich mit diesem popkulturellen Phänomen auseinander setzen, jedoch ist ein Gros der Rezeption, z.B. in den Medien, pathologisierend. Body Modification wird nicht als Subkultur verstanden, sondern als psychatrisches Sujet und wird synonym mit Borderline betrachtet. Die einzig relevant besprochene deutschsprachige Publikation von dem Psychologen Erich Kasten verfolgt genau diese Betrachtungsweise, in der Körpermodifikation als Selbst-Verstümmelung wahrgenommen wird.

Körpermodifikation ist erst einmal ein wertfreier Begriff, der eine ganze Bandbreite an Interpretationsmöglichkeiten bereithaltet. In allen Etappen der Entwicklung der Menschheit gehörten Veränderungen des eigenen Äußeren aus unterschiedlichen Gründen zum Alltag, darunter fallen auch so profane Tätigkeiten, wie sich die Haare zu schneiden oder Makeup aufzutragen. Manche versuchen sich durch Body Building, andere durch diätische Anstrengungen ihrer persönlichen Vorstellung von Schönheit und Ideal anzunähern, aber auch schönheitchirurgische Eingriffe sind weit verbreitet und gesellschaftlich akzeptierte Formen der Veränderung des und Verbesserungen am eigenen Körper(s). Körpermodifikationen sind also nichts Außergewöhnliches, sondern fester Bestandteil im Alltag einer und eines jeden. Man könnte also durchaus davon sprechen, Veränderungen am eigenen Körper als gesellschaftliche Norm zu verstehen, da es schwierig ist, diesen Bereich genügend ein- bzw. abzugrenzen. Einzig die Benennung schafft die Abgrenzung zwischen Normalität und dem Abnormen, wenn nämlich Menschen, bei denen sich die Gestaltung des eigenen Körpers, wie zum Beispiel in Form einer Anorexie, zur Sucht wandelt, oder Jugendliche mit Geschichtstätowierungen oder Piercings pathologisiert werden und sich in Folge dessen starker Ablehnung und Entsetzen gegenüber sehen. Dabei handelt es sich doch bei diesen Formen um Extreme oder andere Ausprägungen desselben Verlangens nach Optimierung und Identität.

Body Modifikation im weiteren Sinne ist also nur ein Sammelbegriff für das Bedürfnis den eigenen Körper zu gestalten, dennoch kommen den meisten im ersten Moment wahrscheinlich nur Bilder von Extremen in den Sinn; Piercings und Selbstverletzungen werden häufig mit BDSM in Verbindung gebracht, wobei BDSM für Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism steht und eine Sammelbezeichnung für eine Vielzahl miteinander in Verbindung stehender sexueller Vorlieben darstellt. Es gibt durchaus bei einigen Spielarten des BDSM eine Affinität zu Schmerz, der, mit gleichen oder ähnlich Praktiken wie bei den später noch ausführlicher dargestellten Modern Primitives, durch eine erhöhte Adrenalinausschüttung zu einem intensiveren Lustgewinn führen kann.

 Körpermodifikationen werden auch oft, da sie seit der Moderne mehr und mehr Ausdruck einer Individualisierung darstellen und schon immer eine Form der Identitätszuschreibung waren, von psychisch und physisch verletzten Menschen genutzt, um die Grenzen des eigenen Körpers (wieder) aufzustellen und um »bestimmte Probleme, mangelndes Selbstvertrauen, Schüchternheit, Ängste, Depressionen oder negative Lebenserinnerungen zu bewältigen. Indem sie sich selbst zeigen, dass sie den Schmerz einer solchen Körperveränderung überstehen können, reift auch ihr Selbstvertrauen«.

Der Grund, warum Modern Primitivism in diesem Artikel besonders betrachtet wird, liegt in dem quasi-ideologischen Überbau, mit dem die Modern Primitives ihre Handlungen ausstatten. Das Problem ist nicht das der Hülle, des Außen oder der Gestaltung des eigenen Körpers, das Problem besteht in dem Blick des als kultiviert begriffenen weißen Mannes auf und seiner Faszination für den so genannten primitiven Körper, einem falschen Begriff von Natürlichkeit und in den daraus folgenden Konsequenzen für das eigene Selbst.

Nachbauen – Neubilden

Fakir Musafa ist eine Ikone der Body Modification (auch BodMod genannt), bereits seit Ende der fünfziger Jahre experimentiert er mit Body Piercings, Tätowierungen und Körperriten, welche er als Body Plays in den BodMod-Sprech einführte. Body Plays werden häufig auch, aber nicht ausschließlich, im BDSM praktiziert, dabei werden Body Piercings, in Form von Akupunkturnadeln oder Kanülen, am Körper gesetzt, die nach dem Spiel wieder entfernt werden. Oft werden auch Gewichte angebracht oder die Piercings, wie bei einer body corsage, mit Ketten oder Bändern zu einem Korsett verbunden. Fakir Musafar war auch einer der ersten, der Suspensions praktizierte und in den Fokus der Öffentlichkeit rückte, die eine Hybrid darstellen aus dem Sun Dance der Native American Ogalas Sioux und der O-Kee-Pa-Zeremonie der Mandan. Wie oben schon erwähnt, werden dabei große Haken durch die Haut gezogen, an denen Musafar tanzt und »für Stunden am Fleisch reißt, bis es (sich frei) bricht«. Musafar beschreibt seine erste Suspension als eine Nah-Tod-Erfahrung und eine spirituelle Transformation. Die Grenzen des Körpers werden dabei überwunden, indem die Haut nicht mehr länger als natürliche Grenze funktioniert, dabei verfällt der Körper in einen Zustand aus Rausch und Schmerz, der zur Bewusstseinserweiterung und persönlichen Herausforderung stilisiert wird. Spiritualität ist ein wesentlicher Parameter im Selbstverständnis der Modern Primitives,wie sich auf der Webseite der »Church of Body Modification« nachlesen lässt: »Die Kirche der Body Modification repräsentiert eine Versammlung von Mitgliedern, die historische und moderne Körpermodifikationsriten praktizieren. Wir glauben, dass diese Riten grundlegend für unsere Spiritualität sind« und weiter »Wir streben danach, unseren Geist, Körper und Seele zu einen und zu stärken, sodass wir die Herausforderungen, denen wir begegnen werden, bestehen können. Wir behaupten und beschützen unser Recht unsere Körper zu modellieren und unsere Rituale zu praktizieren.«

 Bei einem Blick auf die Biografien der Board Member, das heißt, des Präsidenten und seiner drei Minister, die eine Art Ältestenrat bilden, wird deutlich, wie gewichtig der Einfluss verschiedener Überzeugungssysteme hier ist. So bieten die beiden Minister Tiffany und David Hahn eine krude Mischung aus Zen-Buddhismus, Schamanismus und Wiccan-Kult an, wobei sie sich im Moment doch auf Chaosmagie beziehen, mit gelegentlichen Trommelsessions im Park. Es ist nur mehr eine eklektische Mischung aus unterschiedlichsten Glaubenssystemen, denen gemeinsam ist, dass sie als ursprünglicher als das Christentum angesehen werden, beziehungsweise ältere Vorformen bilden sollen. Diese Kulte und Kulturen, welche von der »Verwestlichung« abgetötet worden seien, sollen durch ihre Ausübung wertgeschätzt und erhalten werden, Victora Pitts beschreibt weiter: »In dem Ausdruck der Solidarität mit anderen Kulturen ist Modern Primitivism mit der Empfindung verbunden die repressiven und destruktiven Aspekte westlicher Gesellschaften anzuklagen.«

 Wie die Selbstbezeichnung Modern Primitive schon anzeigt, stellen die Partizipierenden sich selbst in eine Verbindung zu indigenen Bevölkerungsgruppen und Stämmen aus unterschiedlichsten Kulturkreisen, die als marginalisierte Bevölkerungsgruppen Nachkommen einer vorkolonialen Gesellschaft seien und sich selbst noch als eigenständiges Volk begreifen, und versuchen ihre geistige und materielle Kultur zu erhalten. Dabei übernehmen Modern Primitives die äußere Form einer vermeintlichen Stammeskultur und organisieren sich in urbanen Tribals mit eigenen Ritualen und Hierarchien, wobei sich natürlich die Frage aufdrängt, was genau sie von anderen Gemeinschaften und Communities unterscheidet. Sie spielen dabei mit, aber verstärken auch die historisch, ideologisch produzierten Grenzen zwischen sogenannten Primitiven und Zivilisierten. Modern Primitives haben eine stark romantisierende Vorstellung von »primitiver« Kultur, da natürlich auch die indigenen Bevölkerungen ökonomischen und gesellschaftlichen Zwängen unterlegen sind, sich in wirtschaftlichem Wettbewerb messen, oder sich mit rassistischen Umständen auseinandersetzen müssen und dabei ebenso nicht länger zu verteidigende Werte und Traditionen durch andere ersetzen. Die Vorstellungen der Modern Primitives von »Primitivität« entzündet sich also nicht an den realen, und oftmals durchaus zu kritisierenden, weil von Armut und Chancenlosigkeit geprägten, Lebensumständen der von ihnen favorisierten Menschengruppe, sondern lediglich an ihrer Projektion derselben und deren Ritualen, die sie in ihren urbanen Hintergrund übernehmen und durch ihre technischen Möglichkeiten erweitern. Dabei wiederholen sie nicht deren traditionellen Way of Life, sondern imitieren nur ihre Vorstellung von indigenen Kulturen und Ritualen, wobei sie ihre eigenen westlichen kulturellen Praktiken und Lifestyles nicht ablegen. »Wie in früheren historischen Versuchen das ethnisch Andere angemessen nachzuahmen, kann man erkennen, dass modern primitivism einen Unterschied als ethnisch idealisiert und als unumgänglich präsentiert.[...]« Trotz aller Solidarität kommen auch die Modern Primitives nicht vom westlichen Denken einer Identitätslogik weg, die Differenz als solche zwar, Dank der PoststrukturalistInnen, mittlerweile als Möglichkeit kennt, aber trotzdem nicht ohne Hierarchisierungen auskommen kann, sondern das Andere als das weniger Entwickelte begreift, und auch Victoria Pitts bemerkt, dass die Modern Primitives die ethnischen Hierarchien umkehren, indem sie das »Primitive« als politisch, kulturell und spirituell überlegen sehen. Hierin ist ganz klar positiver Rassismus auszumachen, und das Bild des Noble Savage (den noblen Wilden) erfährt einen neuen Aufschwung, die so genannten Primitiven werden als der Natur näher, gemeinschaftlicher und (sexuell) freier idealisiert, eine nostalgisch-verklärte Vorstellung von einem Leben ohne Regeln und Beschränkungen, die »das Primitive« als außergewöhnlich und abweichend produziert.

Damit folgen die Modern Primitives den Vorstellungen Rousseaus und des kolonialisierenden Bürgertums des achtzehnten Jahrhunderts, das in »den Wilden« das »Urbild des Bürgers« sah.

 »Die entdeckten Völker, die scheinbar den körperlichen idealisierten Maßen der Antike entsprachen, galten in der Zeit der Aufklärung in Europa als so etwas wie das Bürgertum auf der anderen Seite der Welt. Sie stellten ebenfalls ein europäisches Traumbild dar, in denen der Mensch seinen archaischen Trieben nachgeht, jedoch in seiner Wildheit gut und edel bleibt.«

 Viele europäische Intellektuelle gaben sich dieser verführerischen Projektion hin, denn »diese beinhaltete nicht nur eine unabhänigere, menschlichere Existenz in einer primitiven Gesellschaftsform, sondern natürlich auch sexuelle Freizügigkeit.«

Auch Mario beschreibt »die Zivilisation, in der wir leben« als unnatürlichen Zustand, der nur Unzufriedenheit hervorrufen könne, »die Sehnsucht nach dem Ursprünglichen ist vielleicht eher eine Sehnsucht nach der Unschuld, nach dem verlorenen Paradies«. In dem Beitrag werden dabei Bilder und Szenen ritueller Körpermodifikation unterschiedlichster indigener Bevölkerungsgruppen aneinander gereiht und unter dem Begriff »Naturvölker« subsummiert, eine Differenzierung, zum Beispiel geografischer Art, findet nicht statt, das Wilde ist sich in seiner Wildheit gleich.

Your Body – my Body

Unter Tribal Body Modification versteht man rituelle Tätowierungen, die oftmals großflächig sind und als »Blackwork« bekannt sind. Sie sind auch die Inspiration für die als Tribals im westlichen Raum bekannten Tätowierungen. Bekannt und beliebt sind zum Beispiel Maori-Tätowierungen. Piercings im Mund- und Nasenbereich, wie Septum (Nasenscheidewand), Nostril, das meist als Nasenring bezeichnet wird und von der Hippiebewegung Ende sechziger Jahre aus Indien in den westlichen Kulturkreis überführt wurde. Das Labretpiercing, also ein Stecker oder Ring in der Unterlippe, hat seinen Ursprung bei den Mursi in Äthiopien, bei denen das gängige Schönheitsideal Tellerlippen und stark geweitete Ohrläppchen sind. Gedehnte Ohrläppchen oder Brustwarzen sind, neben Afrika, auch in Teilen Lateinamerikas, Scarifizierungen unter anderem auf den Salomonen zu finden. In indigenen Kulturen erscheinen der Körper und speziell die Haut häufig als Fläche, auf der soziale Hierachien, wie Alter, Status und Clan codifiziert sind. Auch Fakir Musafa baut auf die besonderen Zuschreibungen der einzelnen Rituale und ihrer symbolischen Ausdruckskraft, die die Faszination der westlichen Welt illustriert. Der Vorwurf an die Moderne und deren Gesellschaft ist seit jeher, sich von Werten und Traditionen zu entfernen und da bieten sich gerade die Bizarrerien des Modern Primitivism zur Simulation von »Authentizität« an.

 Doch während rituelle Körpermodifikationen in indigenen Gemeinschaften dazu dienen, das Individuum in die Gemeinschaft einzugliedern, ihm einen Platz in der Ordnung zuzuweisen und, nach Außen hin, eine Einheit des Stammes oder Clans zu demonstrieren, sind gegenwärtige Körpermodifikationen eher ein Ausdruck des Wunsches der westlichen, weißen Mittelklasse, den eigenen Narzissmus zu befriedigen und durch vermeintliche Stammesrituale der eigenen Tätowierung eine tiefere Bedeutung und Exotik zu geben.

Auch die westliche Gesellschaft ist nicht bar jeglicher Rituale, es existieren auch Riten, die zum Beispiel den Übergang vom Kindes– ins Erwachsenenalter markieren, nur sind sie frei von körperlichen Schmerzerfahrungen und durch länderübergreifende Institutionalisierung »nichts Besonderes«. Pitts stellt heraus, dass Körpermodifikationen nun Statussymbole seien, die dazu dienen, das Individuum aus der Gesellschaft herausstechen zu lassen, indem nicht-westliche kulturelle Praktiken imitiert werden.

Diese Konstruktion von Identität durch eine bewußt wahrgenommene und evozierte Nicht-Zugehörigkeit zu einer herrschenden Gruppe wird somit von dem Bedürfnis nach Authentizität und einem Gefühl von Zerrissenheit genährt.

 Die Arbeit am eigenen Körper dient in der Postmoderne zur Herausbildung einer individuellen Identität und Optionen kultureller Zeichen werden lediglich konsumiert, um eine Selbstverwirklichung zu erreichen. Der Körper wirkt nunmehr als Text, dem beliebig kulturelle Notationen eingeschrieben werden, und der Körper ist historisch und kulturell relativ. »Die nachmodernen Denkfiguren beschreiben ihn als Sensation und als Show, als eine Projektionsfläche für Visionen von Kultur und Geschlecht oder der Bio- und Gentechnologien. Der Körper als Erfindung.«

Bei den Modern Primitives spiegelt sich ein interessantes Paradox wider, denn einerseits stellen sie sich gegen die (westliche) gesellschaftliche Norm der Unversehrtheit und der Ganzheit des Körpers, spielen mit und manipulieren kulturelle Codes, indem sie ein klassisch westliches Schönheitsempfinden strapazieren durch eine Ästhetik des Schmerzes. Sie fordern für sich das Recht auf den eigenen Körper ein, der beliebig modelliert werden kann und nur mehr als Option besteht. Dabei gerät ihnen aus dem Blick, dass es, wie oben bereits erläutert, durchaus auch westliche Modelle zur Übernahme des eigenen Körpers gibt und Modifikationen ein wesentlicher Bestandteil aller Kulturkreise ist, um Identität zu erzeugen.

 Andererseits begreifen sie den Körper als letzte Bastion der Natur und gerieren sich als Widerstand gegen eine Technisierung der Gesellschaft, indem sie an einem antimodernen Konzept des Naturkörpers festhalten. Die Bewegung lehnt die westliche, traditionell weiße und protestantische Sichtweise ab und entwickelt stattdessen eine nostalgische Sicht auf indigene Kulturen als authentischer, hier werden Vorstellungen von »Primitiv« generiert, die scheinbar eine traditionellere Verhandlung von Natur und Körper erlaubt, wobei diese Annahme von Natürlichkeit falsch ist, da auch rituelle Körpermodifikationen Ausdruck kultureller Einschreibungen und Kodierungen sind. Gleichzeitig präsentieren sich Identität, Kultur und Körper als dehn- bzw. verhandelbar und rituelle Körpermodifikationen dienen der individuellen Selbst-(er)Findung.

 Nach Pitts schaffen Modern Primitives so eine neue Art von Spektakel, die Repräsentation eines Primitivismus von indigenen Körpern auf die Körper von meist weißen, urbanen Bewohnern des westlichen Kulturkreises. Damit verfestigen sie die historisch imaginierte Außergewöhnlichkeit und Abweichung indigener Körper und Kulturen, während sie gleichzeitig neue Ideen von (eigener) Identität in der Postmoderne stärken.

Und wie geht es Mario dabei? Er möchte uns mahnen und daran erinnern, dass wir uns doch zurückbesinnen sollten, auf »die Weisheit der Naturvölker, die unserer technisierten Welt abhanden gekommen ist.«

 

~Von Maria Mörike. Die Autorin lebt und arbeitet in Leipzig.

Fußnoten

  1. http://www.polylog.tv/videothek/videocast/1730/.
  2. Der Begriff Atavismus ist aus der Biologie entlehnt und bezeichnet ursprünglich ein bei einzelnen Individuen einer Art auftretendes Merkmal das Merkmalsausprägungen entspricht wie sie sonst nur bei deren stammesgeschichtlichen Vorfahren vorkamen. Man deutete den Atavismus ausgehend von der veralteten sog. biogenetische Grundregel als Rückfall in eine stammesgeschichtlich ältere Entwicklungsstufe. http://www.uni-protokolle.de/Lexikon/Atavismen.html.
  3. Fakir Musafar, Body Play: State of Grace or Sickness? In: Armando Favazza, Bodies under Siege – Self-mutilation and Body Modification in Culture and Psychiatry, Baltimore 1992.
  4. Erich Kasten, Body-Modification: Psychologische und medizinische Aspekte von Piercing, Tattoo, Selbstverletzung und anderen Körperveränderungen, München 2006, 270.
  5. Fakir Musafar wurde von entrüsteten Verbänden amerikanischer UreinwohnerInnen verklagt und ihm wurde die Benutzung der Bezeichnung »Sundance« untersagt.
  6. http://uscobm.com/.
  7. Chaosmagie ist eine Magie, die Wert auf magische Paradigmenwechsel sowie Rituale ohne Verwendung von Paraphernalia legt und darauf abzielt, den Willen durch verschiedenste Techniken zur Überwindung des wachen Bewusstseins zu fokussieren. Die Anhänger dieser Magie glauben, die Wirklichkeit magisch beeinflussen zu können. Bei weitergehendem Interesse: http://www.chaosmagie.de/, http://www.chaosmagie.info/chaos.php.
  8. Victoria Pitts, In the Flesh. The cultural Politics of Body Modification, New York 2003, 130.
  9. Ebd., 129.
  10. Gabriel Kuhn, Tier-Werden, Schwarz-Werden, Frau-Werden. Eine Einführung in die politische Philosophie des Poststrukturalismus, Münster 2005, 31.
  11. Pitts, In the Flesh, 126.
  12. Ebd.
  13. http://interface.fh-potsdam.de/fb4/projects/dufkex/diplome/diplom_pdf/Nadine%20Dnat%20KOERPERSPRACHE.pdf, 112.
  14. Ebd.
  15. Ebd.
  16. http://www.sterneck.net/ritual/stiglegger-schmerz/index.php.
  17. Pitts, In the Flesh, 32.
  18. Philipp Sarasin, Reizbare Maschinen. Eine Geschichte des Körpers 1765-1914,, Frankfurt a.M. 2001, 11.
  19. Gabriele Klein, Der Körper als Erfindung. In: Gero von Randow, Wieviel Körper braucht der Mensch?, Hamburg 2001, 58.
  20. Pitts, In the Flesh, 124.
  21. Ebd.