Antimilitarismus bleibt anti-amerikanisch

Mit einer sehr pathetischen Aufzählung von Kriegscharakteristika auf der Coverseite will die jour fixe initiative den oder die LeserIn für den von ihr herausgegebenen Sammelband Krieg interessieren. Und um es vorweg zu nehmen, eine allgemein gültige Einschätzung über das Buch ist auf Grund der Heterogenität der Beiträge schwierig, neue Erkenntnisse und Diskussionspunkte liefert es jedoch kaum.

Das Herzstück des Bandes ist der Artikel »Die Metamorphose des globalen Krieges« des französischen Kommunisten Daniel Bensaid. Er beschreibt die Transformation zwischenstaatlicher Kriege hin zu modernen und asymmetrischen Zivilisationskriegen, welche ihren gegenwärtigen Ausdruck im »War on Terror« finden. Und natürlich, wie könnte es auch anders sein, wenn sich Linke in eine Diskussion um und über Krieg einschalten, muss Bensaid die Verlogenheit eines G.W. Bush anprangern. Bush, der als Stellvertreter für die westliche Welt steht, bestimme auf einer tautologischen Ebene, wer gut und wer böse und welche kriegerische Gewalt gerecht und welche ungerecht sei. Sicherlich ist eine Kritik an der Abschaffung des Rechtes durch die ProtagonistInnen desselben berechtigt (Guantanamo), genauso wie es richtig ist auf ökonomische Interessen von Kriegsparteien hinzuweisen und daran Kritik zu finden. Bensaid allerdings, so scheint es, will mehr. In seinen Augen muss die westliche Heuchelei vom »gerechten Krieg« und von der »humanitären Intervention« enttarnt werden. In seinen Augen ist »der Begriff der Menschlichkeit […] nur noch die Maske einer universellen Hochstapelei und die erschlagene Logik der bewaffneten Vernunft, verbunden mit einer mitfühlenden Moral, maskiert ökonomische, energiepolitische und geopolitische Interessen, die in einer ethischen Wolke schnell und völlig unkenntlich werden.« Mit anderen Worten: Kein Blut für Öl!

Von Zeile zu Zeile verstrickt sich Bensaid weiter in eine zutiefst antiamerikanische Antikriegshaltung. Er spricht von den »Strategen des globalen Krieges«, von »Finanzterroristen«, vom »Staatsterrorismus«, davon, dass »die Bomben von Hiroshima und Nagasaki […] eine neue Ära der terroristischen Praxis eröffnet haben«, wenn man »die Aufhebung jeglicher Unterscheidung zwischen Zivilisten und Kombattanten als eine Charakteristika des Terrorismus betrachtet«. Zum Glück kannte Bensaid die sächsische Hauptstadt Dresden nicht, denn sonst wäre es vielleicht noch dicker gekommen. Der antiamerikanische und antiwestliche Charakter des Artikels wird in einigen weiteren Beiträgen des Buches auf wesentlich latentere und sanftere Art und Weise fortgesetzt, nicht aber in allen.

Den besten und Erkenntnis reichsten Beitrag liefert der Text »Zur Diskussion um das Feind(straf)recht« des Rechtswissenschaftlers Wolfgang Kaleck, der die Verweigerung von Bürger- und Menschenrechten für bestimmte Menschengruppen thematisiert. Auch er kritisiert die US-amerikanische Regierung für ihre Kriegspolitik (Guantanamo, Abu Ghraib), im Gegensatz zu Bensaid allerdings auf einer sachlichen Ebene und an den richtigen Punkten. Außerdem weist Kaleck das Feindstrafrecht nicht an den USA nach, sondern an der deutschen Innenpolitik (Umgang mit Kommunisten in den fünfziger Jahren, Heiligendamm, Castor-Transporte, Münchener Sicherheitskonferenz). Der Text »Sexualisierte Gewalt im Krieg« von Gabrielle Mischkowski stellt den wichtigsten Beitrag des Buches dar. Sie ist Mitbegründerin der Frauenrechtsorganisation medica mondiale und engagiert sich für die Aufarbeitung und Verfolgung sexualisierter Gewalt in Kriegsgebieten. In ihrem Artikel plädiert sie eingangs dafür, nicht von »sexueller Gewalt« (Betonung auf Sexualität), sondern von »sexualisierter Gewalt« (Betonung auf Gewalt) zu sprechen. Im weiteren Verlauf des Textes macht Mischkowski auf den engen Zusammenhang zwischen Krieg und sexualisierter Gewalt aufmerksam. Sie führt dafür ganz unterschiedliche Beispiele an, spricht über Zwangsprostitution im NS, über Vergewaltigungen durch Rotarmisten und Wehrmachtssoldaten, aber auch über sexualisierte Gewalt in Bürgerkriegen in der jüngsten Vergangenheit (Tschetschenien, Guatemala, Kaschmir-Konflikt). Damit, dass sich selbst UN-Soldaten zumindest indirekt am Frauen- und Mädchenhandel beteiligen, zeigt die Autorin zum Schluss das Ausmaß der katastrophalen Situation, in der sich Frauen in Kriegsgebieten befinden.

Weitere Artikel widmen sich der Unsichtbarkeit moderner Kriege, die in erster Linie als Informations- und Datenkriege am Computer geführt werden, dem Zusammenhang zwischen Anti-Terror-Maßnahmen und dem Ausbau von Überwachungsmethodik, sowie dem Versagen von Gewalt als Mittel zur Emanzipation. Die jour fixe initiative hätte mit ihrem Buch einen deutlicheren Ansatzpunkt für eine vertretbare und moderne Antikriegshaltung liefern können, verlässt sich aber lieber auf einen alt bekannten und antiamerikanisch geprägten Pazifismus. Schade.


jour fixe initiative berlin (Hrsg.), Krieg. Unrast-Verlag, Münster 2009, 184 S., € 16,00.

BRUNO BERHALTER