Alleinstellungsmerkmal »links«?

Über die Schwierigkeiten des linken Publizierens

Spricht man heute von einer linken Zeitung, wirkt das irgendwie anachronistisch. Denn die Frage danach, wo heute links ist und was es bedeutet, stellt sich auch mit Blick auf die Medien. In diesen spiegelt sich doch auch nur wieder, was sich so in der Gesellschaft tut. Ein Großteil der Linken ist akademisiert, verrichtet in Projekten, Stiftungen, Vereinen und bei anderen Arbeitgebern seine politische Arbeit. Mit Ausnahme von einigen wenigen Standpunkten in politischen Fragen gibt es kaum Merkmale, die sie von ihren Kollegen unterscheiden. Weder sind sie besser angezogen, noch sind die WG, der Rastazopf oder die vegane Ernährung Kriterien, an denen man Linke erkennen könnte. Und das ist auch völlig in Ordnung so. Ähnlich aber verhält es mit linken Medien. Fast jedes ernstzunehmendes Medium thematisiert Alltagsrassismus, Ausbeutung, Antisemitismus oder gar Antifaschismus, Themen, die einst linken Publikationen vorbehalten waren. Auch die spielerische Formatvielfalt, die betont autonome Bebilderung, der ironische Tonfall oder die überraschende Bearbeitung von Themen, einst auf dem linken Spielfeldrand der Medienlandschaft entstanden, sind Mainstream geworden. Längst sucht man nicht mehr nur in linken Medien den eigenen, den anderen Zugang.

Unverwechselbar müssen linke Medien allerdings schon sein, damit sie Aufmerksamkeit erhalten, also gelesen, gehört und letztlich auch verkauft werden. Doch kein Grund zur Sorge, ein linkes Medium lässt sich immer noch ziemlich schnell erkennen. Woran? An Texten, die schon von weitem nach dreistündiger Seminararbeit aussehen, an schlecht redigierten Besinnungsaufsätzen mit mindestens einem Adornozitat, an Reportagen, die oft nicht mal einen einzigen O-Ton haben, an viel Analyse und Kritik, aber wenig Humor. In der Regel werden Sätze anderer AutorInnen aus anderen Medien zitiert und dann in ihre ideologischen Bestandteile seziert. Interviewt werden in der Regel Leute, mit denen man einer Meinung ist, um die eigenen Position zu stärken oder um einer Stimme Gehör zu verschaffen, die sonst keinen Weg findet. Hin und wieder schafft es mal ein Artikel oder ein Blogbeitrag in den Perlentaucher. Hin und wieder wird auch mal ein Autor aufgrund eines Textes von einer Stiftung zu einer Podiumsdiskussion eingeladen und auch noch dafür bezahlt. Doch alles in allem sind diese Publikationen eher Selbstverständigungsorgane innerhalb der Linken und das ist auch ihre Aufgabe. Allerdings müssen sich linke Medien – ich spreche hier selbstverständlich nur über Medien, die sich selbst als solche ernst nehmen und nicht über Splitterparteizeitungen wie Spartakist, Die Rote Fahne oder UZ-Unsere Zeit - immer wieder neu erfinden, so wie es alle Medien tun müssen.

Machen wir uns nichts vor, linke Publikationen haben kein riesiges Publikum und in der Regel ist das LeserInnenpotential auch ausgeschöpft. Und trotzdem werden linke Zeitungen, Magazine, etc. sehr wohl von mehr Leuten als nur den paar Politfreaks der Szene gelesen. Leider werden sie aber außerhalb linker Lesekreise und Uniseminare eher selten zitiert. Das liegt zum einen daran, weil Ideen und Formulierungen einfach geklaut werden, in der richtigen Annahme, dass es schon niemandem auffällt, denn wer liest schon Phase 2 oder Jungle World. Zum anderen gelten linke Medien immer noch als eher unglaubwürdig, da sie unter Ideologieverdacht stehen. Das letzte Beispiel war die Rezension des Buches Der kommende Aufstand von dem französischen AutorInnenkollektiv Tiqqun. Die Rezension, die FAZ und SZ zu Reaktionen bewegte, war sowohl in der Jungle World als auch in der taz abgedruckt worden. Der Text wurde jedoch durchgehend als taz-Artikel zitiert, auch wenn in den genannten Blättern sogar die taz mit Stallgeruch verbunden wird.

Das ist der leidige Alltag kleiner, linker Publikationen, wie es auch derjenige marginaler linker Gesellschaftskritik ist. Aber damit muss man eben leben und weiter Debatten antizipieren und Stile und Formate entwickeln, von denen sich andere inspirieren lassen. Denn es ist nicht etwa so, dass das Ganze umsonst ist, auch wenn die Verhältnisse durch linke Publizität niemals abgeschafft werden. Aber eine eigenständige linke Publikationsarbeit infiltriert die Gestaltung, die Themensetzung und die Kritik in der Arbeit der anderen. Ökonomische Beschränkungen und interne Stagnationen bringen es bedauerlicherweise mit sich, dass linke Medien allerdings immer öfter hinterherlaufen, statt vorne dran zu sein. Damit soll der Aufgabe linker Medien, politische Diskurse kritisch zu begleiten, nicht widersprochen werden. Aber man muss als linkes Medium schon etwas bieten, will man seine Kritik diskursfähig und nicht überflüssig machen. Und will man weiter Freude am Publizieren haben.
Ein Graus sind linke Publizisten, die so tun, als müssten sie den LeserInnen oder ZuhörerInnen mit jeder Ausgabe oder jeder Sendung oder gar jedem einzelnen Text ganz von neuem die Grundlagen ihres Standpunktes erklären. Ein Graus ist auch die Angst vieler linker BlattmacherInnen davor, LeserInnen zu verlieren, wenn ein Text einmal anders als die in der eigenen politischen Szene gängigen Sprache und mit ungewohnten Argumentationen operiert. Das größte Problem an linken Medien, egal welcher Couleur, ist, dass sich oft an einem Punkt abgearbeitet wird, den man kurz und klein analysiert, mit Adorno, Lenin, Fanon oder anderen Hausgöttern abwatscht und am Ende immer schon klar ist, das der Kapitalismus, die Autoritätshörigkeit, die Nazis oder der Papa scheiße sind. Dabei kann es für ein linkes Medium durchaus von ernsthaftem Interesse sein, die Bücher von Papst Benedikt zu rezensieren und auf sein philosophisch-kritisches Potenzial hin zu diskutieren. Linke Medien sollten sich eben nicht nur darauf beschränken, den zu kurz kommenden Stimmen Gehör zu verschaffen, sondern selber Debatten anstoßen und dazu gehört auch, das Risiko einzugehen, das Gros der LeserInnenschaft, das in jeder Zeitung konservativer als die Redaktion ist, zu empören.

Die Frage danach, ob die Öffentlichkeit beeinflussbar ist, ist müßig, denn natürlich ist sie das. Die Frage ist vielmehr, woran man den Erfolg, also den Einfluss misst. Vielleicht sind es nicht die großen politischen Botschaften, die durch linke Medien transportiert werden, sondern eher politische Sensibilitäten. So ist beispielsweise die konsequente Berichterstattung über Rassismus im Fußballstadion in linken Publikationen sicher mit dafür verantwortlich, dass sich auch die Fußballverbände dem Thema widmen mussten und zumindest ein plakatives Bekenntnis zum Antirassismus zur Pflichtaufgabe gehört. Doch der Einfluss in der Öffentlichkeit sollte nicht nur danach beurteilt werden, ob es politisch schwergewichtige linke Inhalte geschafft haben, zu einem Teil des Mainstreams geworden zu sein. Der marxistische Philosoph, Politiker und Journalist Antonio Gramsci, Gründer und Herausgeber der sozialistischen Wochenzeitung L‘Ordine Nuovo und der kommunistischen Parteizeitung L‘Unità vertrat beispielsweise den Standpunkt, dass es keine gute sozialistische Zeitung ohne einen Sportteil geben kann. Er wollte damit nicht nur ausdrücken, dass eine Zeitung mit einem Sportteil eine größere Auflage machen kann, dadurch also mehr Leute erreicht, sondern dass auch in vermeintlich abseitigen unpolitischen Bereichen wie es damals die Sportberichterstattung gewesen sein mag, gesellschaftliche Konflikte gespiegelt werden, die thematisiert werden müssen. Heute gehört nun ausgerechnet der Sport zu einem der größten politischen Diskursfelder, auf denen Genderthemen, Rassismus oder Nationalismus diskutiert werden. Doch es gib ja noch andere und es sollte weiterhin für jeden linken Publizisten eine Herausforderung sein, soziale Konfliktstoffe an Orten zu thematisieren, die der Mainstream links liegen lässt. Manchmal lässt sich mit einem Text über das Rosenzüchten oder durch ein Interview mit einem Astroforscher sogar mehr vermitteln als mit einem Text über die ausgebeuteten RosenverkäuferInnen oder der x-ten Debattenreihe zur aktualisierten Kapitalismuskritik. Oft können ambitionierte AutorInnen linker Publikationen nicht schreiben, haben aber ein großes Mitteilungsbedürfnis und sind Infojunkies. Das sind die Nerds, die es in der Regel aber irgendwann auch zu einiger Berühmtheit schaffen und das ist ein Faktor, den man nicht unterschätzen sollte. Langjährige AutorInnen, die berühmt berüchtigt sind für ihre Positionen, sind Teil der Öffentlichkeit; in Zeiten des Internet, dessen Gedächtnis allzu groß ist, umso mehr, auch wenn in der Regel die Facebook-Freunde der Publikation zahlreicher sind als die Abonnenten.
Selbstverständlich habe ich für diesen Text nicht nach einem Honorar gefragt. Trotzdem ist das kein Zustand. Oder sagen wir so, es ist wie es ist und deshalb ist es für linke Publikationen nur vernünftig, Geschäftsideen zu entwickeln. Doch akzeptieren muss man zunächst immer, dass sich mit linken Publikationen kein Geld verdienen lässt. Und ganz vielleicht ist das auch besser so, so kommen sie nicht in die Versuchung der Korruption.
Und man kann sicher sein, dass es sie immer geben wird, die Leute, die schreiben können und etwas zu sagen haben und die sich nicht zu schade sind, für eine linke Publikation zu schreiben, obwohl man sie dafür nicht mal auf ein Bier einlädt. Doch gerade weil viele AutorInnen irgendwann nur noch für Geld schreiben wollen, weil sie von nichts anderes leben können, müssen sich linke Medien noch intensiver als andere um ihren Nachwuchs kümmern. Zu den wichtigsten Eigenschaften, die dieser Nachwuchs mit sich bringen muss, gehört allerdings nicht in erster Linie die richtige politische Einstellung oder die talentierte Schreibe, sondern der richtige Spirit, also die Freude am Zeitungmachen, die Lust auszuprobieren, unvoreingenommen und leidenschaftlich Gesetze zu übertreten.

Natürlich ist der Aufwand in linken Medien größer als der Ertrag. Aber wer das Gefühl hat, dass sich Aufwand und Ertrag nicht lohnen, der sollte sofort aufhören, denn dann kommt nur noch Mist raus. Weiterzumachen, obwohl man frustriert ist, aber der Sache dienen will, lohnt nicht; protestantischer Eifer führt in der Regel nicht zu satisfaktionsfähigen Ergebnissen. Es gibt aber sehr wohl einen Ertrag, der sich kaum bezahlen lässt. Man lernt in linken Publikationen sehr wohl, wie eine gute Zeitung zu machen ist – indem man nämlich miteinander so lange streitet, bis das beste Produkt dabei herauskommt, und sei es nur eine gute Pointe inmitten von mittelmäßigen Texten, eine Bildunterzeile oder eine erboste LeserInnenreaktion, die darin besteht, das Abo zu kündigen, weil »meine« Zeitung nicht mehr die entsprechende Meinung vertritt. Die Freiheiten, die man als AutorIn und RedakteurIn in einem linken Medium hat, wird man in anderen Verlagen mit hierarchischer Ordnung so nie wieder finden. Von daher ist die Frage, ob viele linke Medienarbeiter nicht einfach nur Spaß am Publizieren haben, mit einem deutlichen »Ja« zu beantworten. Wenn bei der Produktion einer Ausgabe, einer Sendung, eines Textes nicht ein einziges Mal Spaß im Spiel war, kann man davon ausgehen, dass das Produkt miserabel ist.

Der ukrainisch-amerikanische Autor und Blogger Evgeny Morozov hat in seinem Anfang des Jahres erschienen Buch The Net Delusion. Dark Side of Internet Freedom die banale, aber richtige Feststellung gemacht, dass der Hype um die Facebook-, Twitter- und Internetrevolutionen im Iran und den arabischen Ländern den Fehler begeht, die sozialen Netzwerke als per se progressive Medien anzusehen und das Internet als Akteur überzubewerten. Diese Erkenntnis gilt auch für alle anderen linken Medien. Sie sind immer nur so progressiv, wie die Leute, die sie machen. Die Intentionen, eine linke Zeitung, ein linkes Magazin, einen Blog zu produzieren sind unterschiedlich. Allen gemeinsam ist wohl die Einsicht, dass es Leute gibt, die so etwas lesen wollen, ob das nun 20 oder 20.000 sind. Medien, gerade linke, haben einen Hipnessfaktor und sind identitätsstiftend. Diese Identitäten immer wieder zu brechen und dabei nur die falschen LeserInnen zu verlieren, das ist die Kunst linken Publizierens.


DORIS AKRAP?
Die Autorin ist Redakteurin der Berliner tageszeitung.