90 Jahre Bankrott des Staatskommunismus

Eine Erinnerung an verdrängte Einsichten und vergessene Schriften

Als vor zwanzig Jahren die Sowjetunion endgültig das Zeitige segnete, schien das Ende der Geschichte angebrochen. Zu definitiv wirkte das Scheitern des staatssozialistischen Befreiungs- versuchs, zu mächtig die hier negative, dort affirmative Identifikation von Bolschewismus und Kommunismus. Wie immer man zur Sowjetunion im Einzelnen gestanden haben mag, ihr Untergang erfasste die gesamte Linke und ihr Projekt einer postkapitalistischen Emanzipation. Die längst überholte philosophische Postmoderne war hiervon ein geistiger Ausdruck nicht weniger als die bis heute betriebenen Revisionen der klassischen kritischen Theorie. Die Desillusionierung ließe sich sicherlich bis zum Prager Frühling oder dem Gulag-Schock zurückverfolgen und hätte im Gesamtmaßstab sicherlich sehr viel früher eingesetzt, wenn die Rote Armee nicht den Nimbus einer antifaschistischen Befreiungsfront eingefahren hätte.

Die Schockstarre, die auf die Jahre nach dem Ende des real-existierenden Sozialismus folgte, ist mittlerweile selbst schon wieder Geschichte, da sich die weltpolitischen und -ökonomischen Koordinaten abermals in tiefgreifender Transformation befinden. Hier und da wird auch wieder über Sozialismus nachgedacht. Im anglophonen Raum kann der verdutzte Beobachter Reanimationsversuche Lenins beobachten. Hierzulande wendet sich jene radikale Linke, die nicht verdächtig ist, jemals Anhänger des Bankrotteurs gewesen zu sein, vermehrt dem furchtbaren Scheitern des historischen Kommunismus zu, der (k)einer war. Während jene neo-leninistische Geisterbeschwörung genau das ist, was sie von sich weist, nämlich postmodernes Kokettieren und akademische Spielerei, ist dieser Blick auf die Geschichte der Sowjetunion primär durch das ehrenwerte Motiv geleitet, nicht nur für die Zukunft aus dem Scheitern der Vergangenheit zu lernen, sondern auch der millionenfachen Opfer der bolschewisierten Oktoberrevolution jenseits ihrer Instrumentalisierung zu gedenken. Ein Unternehmen, für das auch Foucault Ende der siebziger Jahre bereits heftig und emphatisch plädierte, ohne es aber selbst einzulösen. So begrüßenswert das Ernstnehmen der rundum missglückten Geschichte ist, deren Erbe die radikale Linke nun einmal ist, so sehr beruhen doch die aus ihr gewonnen Einsichten selbst auf einem Mangel an Geschichtsbewusstsein, der darauf verweist, in welchem Maße der leninistische Mythos nahezu die gesamte Linke erfasst hat(te). Dies trifft auf den französischen Gulag-Schock, dessen indirekte Voraussetzung die antifaschistischen Meriten der KPF waren, genauso zu wie auf heutige Debatten. Das völlige Scheitern der leninistischen Revolution offenbarte sich bereits spätestens 1921. Als nach dem furchtbaren Menschenabschlachten im Bürgerkrieg, der als revolutionäres Vernichtungsprogramm stets Teil der bolschewistischen Taktik war, auf dem X. Parteitag auch die letzte innerbolschewistische Opposition durch das Fraktionsverbot ausgeschlossen wurde, metzelte man zeitgleich den Aufstand der dritten Revolution in Kronstadt mit dem Feuer der Gewehre und der Denunziat-ionen nieder. Diese letzte brutale Sicherung der bolschewistischen Alleinherrschaft erfolgte, dem ganzen die Krone aufsetzend, zusammen mit der Rückkehr zu kapitalistischen Wirtschaftsmethoden in der Neuen Ökonomischen Politik: dem Eingeständnis des völligen Scheiterns des terroristischen und dirigistischen Kriegskommunismus.

Bolschewismus als Feind in der Revolution

 

Die bolschewisierte Oktoberrevolution wurde von Anfang an von kritischen Stimmen begleitet. Rosa Luxemburgs bekannte Kritik, dass die Bolschewiki aus der verständlichen Not der Bedrängnis eine gefährliche revolutionäre Tugend in Form diktatorischer Politik machten, ist nur eine von ihnen und, entgegen ihrer Mythologisierung, nicht die treffendste. Karl Kautskys sehr zeitnahe Schriften müssen sich trotz ihrer fragwürdigen evolutionistischen und demokratie-idealistischen Annahmen nicht hinter ihr verstecken, insbesondere was ihre prognostische Kraft betrifft. Die meisten Linken werden sie wahrscheinlich aber nur ex negativo aus den Hasstiraden Lenins und Trotzkis kennen, die von Kautsky provoziert wurden. Und auch die Rätekommunisten, an erster Stelle Otto Rühle, zögerlicher, aber bald nicht weniger entschieden, Herman Gorter und Anton Pannekoek, haben früh erkannt, dass im postrevolutionären Russland nicht der Kommunismus, sondern eine neue terroristische Form der Herrschaft im im Entstehen begriffen war. Für sie war schon damals klar, dass die Zukunft des Kommunismus nur anti-bolschewistisch sein kann, dass der Kommunismus Gefahr läuft, durch die Wirklichkeit in der Sowjetunion für immer kompromittiert zu werden, und dass das Reich der roten Zaren kein mächtiger Feind mehr ist, der der Arbeiterselbstbefreiung entgegensteht.

1921 ist auch das Jahr, in dem der führende Intellektuelle des deutschen Anarchosyndikalismus, Rudolf Rocker, die letzte Solidarität mit den russischen Machthabern aufgab. In diesem Schicksalsjahr veröffentlichte er seine Schrift Der Bankrott des russischen Staatskommunismus, die sicherlich als eine der wichtigsten Schriften aus dem libertären Lager gelten kann. Seine vorgebrachte Kritik war so hellsichtig wie sie unerhört blieb und heute unbekannt ist. Sie belegt einmal mehr, dass man weder auf Stalin noch auf den realen Untergang der Sowjetunion warten musste, um wissen zu können, welches Schicksal die Oktoberrevolution ereilen würde. Rocker kritisiert in seiner, heute nur schwer erhältlichen, Studie das Befreiungsmodell Lenins und die konkrete Politik der Bolschewiki bis ins Mark, ohne den revolutionären Impetus der universellen Befreiung zu verraten. Im Gegenteil, der Revolution die Treue zu halten, hieß schon 1921 für die noch selbstdenkenden Geister, den Bolschewismus als Feind derselben zu benennen und zu bekämpfen, ohne sich zum Gehilfen der weltweiten Reaktion zu machen –ein Standardvorwurf der Bolschewiki, der jede Kritik als konterrevolutionär im Keim und mit aller Brutalität ersticken sollte.

Die strapazierte anarchistische Solidarität mit den Bolschewiki, die der weltweiten Begeisterung für die russische Revolution und ihrer Gefährdung durch die internationale Konterrevolution entsprang, wird von dem deutschen Anarchisten Rocker, durch die Politik der Bolschewiki selbst erzwungen, aufgekündigt. Die bolschewistische Herrschaft ist längst selbst konterrevolutionär geworden, wie spätestens nach der brutalen Niederschlagung der Revolte von Kronstadt klar geworden ist. Die bolschewistische Herrschaftspraxis, die nicht mehr als Reaktion auf die fatalen Bedingungen der russischen Revolution zu begreifen und daher partiell zu entschuldigen ist, mündet für Rocker bereits 1921 mit der Ausschaltung jeglicher, auch innerparteilicher Opposition bei gleichzeitiger Wiederaufnahme kapitalistischer Wirtschaftsmethoden in einen »Staatssozialismus in seiner schlimmsten und abschreckendsten Gestalt.« Die terroristische Despotie der Staatskommunisten folge dabei nicht nur den urbürgerlichen Prinzipien der Machtpolitik – Gewalt und Betrug – sondern unterschreite auch noch eklatant das Niveau entwickelter kapitalistischer Herrschaft, die, anders als es die anarchistische Propaganda zumeist selbst behauptete, die Arbeiter rechtlich eben nicht wie Sklaven behandelt.

 

Bolschewismuskritik

 

Neben der ausführlichen Verteidigung der Politik der russischen Anarchisten während der Revolution, der Bewegung um den Agrarrevolutionär Nestor Machno und den Kronstädtern gegenüber ihren bolschewistischen Verleumdern, rückt Rocker den bürgerlichen Charakter der bolschewistischen Politik in das Zentrum seiner Kritik. Er fokussiert dabei weniger die ökonomischen Ausgangsbedingungen der russischen Revolution, wie es primär bei den Rätekommunisten der Fall war, als dass er vielmehr die politische Praxis der Bolschewiki einer kritischen Analyse unterzieht. Rockers Bolschewismuskritik zeichnet sich dadurch aus, dass sie über die Analysen der Rätekommunisten in entscheidender Hinsicht hinausgeht. Im Zentrum seiner Kritik steht nicht die ökonomische Bestimmung der russischen Revolution und der bolschewistischen Politik als bürgerlich, sondern die Fokussierung des Politischen. Das Umschlagen der Revolution in neue, nie gewesene totale Herrschaft entspringt für Rocker letztlich der anti-libertären Politik des Bolschewismus. Die bewusste Negation der Freiheit im Namen der proletarischen Diktatur, die Lenin Zeit seines Lebens theoretisch und praktisch offensiv betrieb, ist die Wurzel der Dialektik der Revolution, die nicht nur ihre Kinder frisst. Rocker sieht in der bolschewistischen Politik den von vornherein zum Scheitern verurteilten Versuch, mit den Mitteln der Herrschaft, mit Staat und diktatorischer Gewalt, die Menschheit zu befreien: »Sie haben alle Zweige des öffentlichen Lebens seiner [des Staates; d. Verf.] Gewalt ausgeliefert und ihm die ganze Organisation der Wirtschaft übertragen. Sie haben alles, was ihnen im Wege stand, rücksichtslos unterdrückt, jedes eigene Denken und Fühlen der Massen ausgeschaltet und so die furchtbarste Bürokratie geschaffen, welche die Welt je gesehen hat.« Der libertäre Kommunist lehnt daher nicht nur jeden Befreiungsversuch mit den Mitteln von terroristischer Gewalt und brutalen Zwang ab. Er sieht die Abgründe einer brutalen und deterministischen Geschichtsphilosophie, die im Namen des notwendigen Fortschritts das Liquidieren von zig Millionen rechtfertigt und mit dialektischer Magie, die Freiheit aus dem Hut totaler Herrschaft zaubert. Der libertäre Kommunist überschreitet auch den dogmatischen Horizont der in vielerlei Hinsicht dem orthodoxen Marxismus verhafteten Rätekommunisten: Die Geschichte hat kein universelles Entwicklungsgesetz. Sie ist nicht auf die Ökonomie reduzierbar, und hat auch keine geschichtsphilosophische Mission zu erfüllen, in der das Proletariat als mystisches Kollektivsubjekt auftritt. Anfang und Ende von Rockers libertärer kommunistischer Praxis bleibt in theoretischer und normativer Hinsicht vielmehr das menschliche Freiheitsvermögen und -streben: »Wer dieses Sehnen der Menschen nach persönlicher Freiheit ignoriert, der beweist nur, dass er eine der elementarsten Kräfte in der Geschichte der menschlichen Entwicklung nicht begriffen hat. Bei den Bolschewiki ist das tatsächlich der Fall. Der Bolschewismus ist seinem ganzen Wesen nach freiheitsfeindlich […]. Seine prominentesten Vertreter können sich den Sozialismus nur im Rahmen der Kaserne oder des Zuchthauses vorstellen.«

 

Das Verhältnis von Gewalt und Emanzipation in der Revolution

 

Zehn Jahre nach Rockers Analyse der Resultate der russischen Revolution erscheint das wohl bis heute wichtigste Buch über die terroristische Politik der bolschewistischen Diktatur: Gewalt und Terror in der Revolution. Das Schicksal der Erniedrigten und Beleidigten in der russischen Revolution, das Isaak Steinberg in den Jahren 1920–1923 verfasste. Bevor auch der letzte Bündnispartner der Bolschewiki ihrem Anspruch auf totale Herrschaft weichen musste, war Steinberg als linker Sozialrevolutionär bis zum Frühjahr 1918 Volkskommissar der Justiz im revolutionären Russland. Diese politische Vergangenheit ermöglichte es ihm, Innenansichten über die bolschewistische Politik des Terrors mit grundsätzlichen politisch-moralischen Reflexionen zu verknüpfen, die hellsichtig wie schonungslos ausfallen. Auch Steinberg, der im Exil politisch mit Rudolf Rocker, Franz Pfemfert, aber auch Karl Korsch befreundet war und als Ex-KPD-Reichstagsabgeordneter sich inzwischen vom intellektuellen Hardcore-Leninisten zum Kritiker des marxistischen Einheitsdenken gewandelt hatte, beschreitet den Weg der Wahrheit zur Rettung der Revolution. Im Mittelpunkt seiner faktenreichen Abhandlung, die im Übrigen so ziemlich alle zentralen Einsichten vorwegnimmt, für die Hannah Arendt Jahrzehnte später berühmt werden sollte, steht dabei die Frage nach dem Verhältnis von Terror und Revolution, von Gewalt und Emanzipation. Ausgangspunkt von Steinbergs Ausführungen ist das zu konstatierende Faktum der »Tragik jeder Revolution«, die darin bestehe, dass sie, konfrontiert mit der Gewalt der alten Herrschaft, selbst nicht auf Gewaltanwendung wird verzichten können. Dies widerspricht einerseits an sich schon ihrem Ziel der Abschaffung aller Gewalt- und Herrschaftsverhältnisse, andererseits wird darüber hinaus auch noch die Gefahr ihrer terroristischen Verselbstständigung generiert. Aus dieser tragischen Aporie jeder Revolution führt für Steinberg keine geschichtsphilosophische Dialektik hinaus. Möglich ist allein ihre Bewusstwerdung im Geist der Revolutionäre selbst. Dieser Akt der bewussten Verarbeitung des »Gefühl des Tragischen« sei die Basis des revolutionären Gewissens und des Votums für die Autonomie als Beweggrund der Emanzipation. Gegenüber dem marxistisch-bolschewistischen Geschichtsdeterminismus insistiert Steinberg daher auf die autonome menschliche Praxis als zentralem Faktor im Prozess der Emanzipation vom dem Zwang der Natur und der Geschichte. Die in der bisherigen Geschichte sich naturwüchsig gestaltenden sozialen Prozesse, die die notwendigen Bedingungen der Revolution generieren, negieren demnach keinesfalls die Bedeutung des bewussten politischen Handelns: »Die Revolution wird von der Geschichte gemacht, aber in der Revolution macht man Geschichte.« Wenn die Geschichte aber kein determinierter Prozess ist und gerade die Revolution als Befreiung vom historisch gewachsenen Zwang ohne die bewusste Praxis der Menschen undenkbar ist, so besitzt dieser auch eine moralische Dimension. Der in der Revolution sich politisch entfaltende freie Wille bedinge die Verantwortung des Revolutionärs für seine Handlungen, die zwar keinesfalls unter frei gewählten Umständen durchgeführt, aber eben auch nicht durch angebliche Gesetze erzwungen und somit zugleich immer schon legitimiert seien. »Gewiss wir fühlen uns verantwortlich. Und damit ist alles entschieden. Das bedeutet, dass wir, und seien wir noch so unbedeutend, Schöpfer dieser Revolution sind […]. Das bedeutet ferner, dass uns der Gedanke nicht mehr trösten kann, alles komme von ›Gott‹ oder von der ›Geschichte‹.« Ausgehend von diesen grundsätzlichen Überlegungen fokussiert Steinberg sodann auf die Ursachen der Zerstörung der Revolution, die er wie im Anarchismus und dem Rätekommunismus nicht bloß in den keineswegs geleugneten konterrevolutionären Attacken von außen, sondern in der bolschewistischen Politik des Terrors lokalisiert, welche die Revolution von innen her vernichtete, indem sie die »Seele« der Revolution – die Massenaktivität – vergiftete. Die »›schwarze Unwahrheit‹ der revolutionären Praxis« habe, vereint mit dem autoritären »Zentralismus der Kommunistischen Partei, der die Massen von der Bestimmung ihres eigenen Schicksals ausschließt«, die revolutionäre Energie und Moral der Menschen in einen systematischen Selbstzerstörungsprozess hineingezogen.

Allein der Befreiung der Menschen zuliebe sieht sich Steinberg zu seiner schonungslosen Befragung bolschewistischer Praxis gezwungen. Steinberg moralisiert dabei nicht abstrakt, sondern zwingt auch die Taten der Revolutionäre vor den Richterstuhl praktischer Vernunft, aus deren unbestechlicher Perspektive der bolschewistische Terror sich in moralischer wie technischer Hinsicht als fatal erweist und sich im Hinblick auf seine Legitimation als haltlos darstellt. Dies zeigt eine weitere Stärke von Steinbergs Kritik. Sie verbindet konkrete Analyse mit prinzipiellen Erörterungen über Wesen und Zweck der Revolution. Die Grenzen und Probleme seiner Differenzierungen stets vor Augen, insbesondere derjenigen zwischen legitimer, weil notwendiger sozialrevolutionärer Gewalt und illegitimen Terror, wendet er sein Augenmerk auf die marxistischen Wurzeln des Bolschewismus. Indem er deren für die menschliche Emanzipation hochproblematischen Charakter benennt, ohne indessen ihre nicht zu bestreitenden Einsichten in die Funktionsweise kapitalistischer Ökonomie abstrakt zu negieren, stellt Steinberg die Spontaneität des menschlichen Selbstbewusstseins und die Autonomie des Willens als notwendige Bedingung der Möglichkeit der Befreiung heraus. Mit diesen sind aber Fragen über Mittel und Zwecke der Emanzipation verbunden, die sie notwendig auf eine moralische Reflexion der Praxis verweisen, deren Wesen ja gerade das menschliche Freiheitsvermögen ist. Das Kriterium revolutionärer Praxis ist dabei letztlich die Unteilbarkeit menschlicher Freiheit, die sich der theoretischen Reflexion erschließt und der praktischen Verwirklichung nach wie vor harrt. Dieser bohrende Widerspruch drängt nach Auflösung und führt dabei in die von Steinberg eruierten ›Antinomien‹ der Revolution, die ihren tragischen Charakter bedingen. Diese sind weder pseudo-wissenschaftlich zu leugnen noch geschichtsphilosophisch auflösbar, sondern allein durch eine Theorie revolutionärer Politik darstellbar, um sie in einer auf dieser Theorie aufbauenden bewussten Praxis aufzuheben. Im Endeffekt beruhen Steinbergs Analyse und Kritik bolschewistischer Politik und ihrer Wurzeln auf der Einsicht in das Wesen menschlicher Freiheit als Grund und Zweck der Emanzipation. Sie ist nicht nur universell und unteilbar, sondern auch im Hinblick auf ihre Selbstverwirklichung in sich selbst verpflichtend. Freiheit erträgt als Mittel und Zweck nur sich selbst und ist doch mit Bedingungen konfrontiert, die ihr feindlich sind. »Der Mensch steht über der Natur und ihren Gesetzen, und der steht unter seiner eigenen selbstgegebenen Ethik. Die Revolution ist die höchste Verkörperung des Kampfes. Aber auch die Revolution, die alle äußeren Schranken stürzt, schreibt sich selbst, um des Menschen willen, ihre eigenen sittlichen Gesetze vor. Sie nimmt daher die Gewaltanwendung als ein schmerzhaft Unvermeidliches hin und lehnt den Terror als Todbringendes ab. Die Antwort auf die sittliche Grundfrage der Revolution hat zu lauten: Kampf – immer! Gewalt – in Schranken! Terror nie!«

Die Erinnerung an verdrängte Einsichten und vergessene Schriften, denen man dringend neue Auflagen und Leser wünscht, dient freilich nicht der Generierung eines imaginär-geglückten Kommunismus. Wer an die Alternativen in der Geschichte radikaler Emanzipation erinnert, muss auch fragen, wieso diese nicht Wirklichkeit wurden, wieso ihre Wege in eine andere Zukunft nicht betreten wurden, wieso sie scheiterten. Wenn in Bezug auf die historischen und theoretischen Grenzen des Rätekommunismus von einer orthodox-marxistischen, ökonomistischen wie fortschrittsgläubigen ›Ontologie der Klasse‹ (J. Bruhn) die Rede sein muss, so ist der wunde Punkt beim hellsichtigen Rocker, und der Tendenz nach auch bei Steinberg, in einer orthodox-anarchistischen ›Anthropologie des guten Willens‹ zu lokalisieren. Die Unterstellung einer guten, an sich herrschaftslosen und schöpferischen Natur des Menschen, über die das Böse der Herrschaft von woher auch immer hereinbricht, widerspricht nicht nur eigenen, dem Marxismus zurecht vorgehaltenen Einsichten über die Differenz von Natur und menschlicher Geschichte, sondern kapituliert auch vor der Komplexität der Herrschaft. Der (anarchistische) gute Wille scheiterte nicht weniger als die (marxistische) historische Mission an einer Realität, die sich als viel zu brutal für die Freiheit, aber eben auch als zu komplex für den jeweiligen Theoriehaushalt erwies. Dass diese von der Geschichte aufgezwungene Erkenntnis weder den Einsichten noch der politisch-moralischen Integrität einer von Kommunist_innen wie Antikommunist_innen verdrängten Kritik am Bolschewismus ihren Wert nimmt, versteht sich von selbst. An diese zu erinnern dient freilich nicht nur dem (Geschichts-)Bewusstsein der Gegenwart, sondern ist darüber hinaus der (verzweifelte) Versuch, die »geheime Verabredung zwischen den gewesenen Geschlechtern und unserem« einzuhalten, die darauf zielt, »im Vergangenen den Funken der Hoffnung anzufachen, der dadurch durchdrungen ist: auch die Toten werden vor dem Feind, wenn er siegt, nicht sicher sein. Und dieser Feind hat zu siegen nicht aufgehört.«

HENDRIK WALLAT
Der Essay ist einer längeren Forschungsarbeit zur Problemgeschichte linker Bolschewismuskritik entsprungen.

Fußnoten

  1. Sebastian Budgen u.a. (Hrsg.), Lenin Reloaded. Toward a Politics of Truth, Durham 2007. Dieser Sammelband, der prominente Beiträge versammelt, ist ein Fortführungsprojekt von Slavoj Zizeks, Die Revolution steht bevor. Dreizehn Versuche über Lenin, Frankfurt a.M. 2002.
  2. 2 Foucault hat Ende der 1970er Jahre treffend, bis heute virulente linke Vermeidungsstrategien benannt, um sich der Wirklichkeit des absoluten Scheiterns des Sozialismus im Gulag nicht stellen zu müssen. Historistische Verklärung und Relativierung durch angebliche ökonomische und politische Gründe, die mit dem Sozialismus an sich nichts tun hätten; das Sich-aus-der-Affäre-Ziehen, indem man einfach behauptet, dass die Sowjetunion gar nichts mit dem »richtigen, wahren Sozialismus« zu tun habe; Verharmlosung des Gulags durch die Universalisierung von Verbrechen etc. Vgl. u.a. Michel Foucault, Mächte und Strategien; Ders., Der große Zorn über die Tatsachen. Schriften 3, 1976–1979, Frankfurt a.M. 2003.
  3. Hierzu Stefan Plaggenborg, Experiment Moderne. Der sowjetische Weg, Frankfurt a.M. 2006.
  4. Karl Kautsky, Die Diktatur des Proletariats (1918); Ders., Terrorismus und Kommunismus. Ein Beitrag zur Naturgeschichte der Revolution (1918); Ders., Von der Demokratie zur Staatssklaverei. Eine Auseinandersetzung mit Trotzki (1921). Diese Schriften sind abgedruckt in Hans-Jürgen Mende (Hrsg.), Demokratie oder Diktatur (2 Bd.), Berlin 1990.
  5. Rudolf Rocker, Der Bankerott des russischen Staats-Kommunismus, Berlin 1921; R. Rocker/ E. Goldmann, Der Bolschewismus: Verstaatlichung der Revolution, Berlin 1968, 87.
  6. Ebd., 111.
  7. Ebd., 115
  8. Der Zusammenhang von Terror, Bürokratie und Ideologie bzw. Geschichtsphilosophie, den Arendt in ihrem Werk zu »Totaler Herrschaft« (Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft, 7. Aufl., München 2000) als »neue Staatsform« (ebd., 944) beschreibt, wurde bereits von Steinberg erfasst. Vgl. bes. Kap. 13 und 28 von Steinbergs Schrift, die auch von Arendt, symptomatisch für das Schicksal linker Bolschewismuskritik, nicht rezipiert wurde; auch später nicht in ihrem berühmten Essay Macht und Gewalt.
  9. Isaak Steinberg, Gewalt und Terror in der Revolution. Das Schicksal der Erniedrigten und Beleidigten in der russischen Revolution, Berlin 1974, 7.
  10. Ebd., 8.
  11. Ebd., 12.
  12. Ebd., 14.
  13. Ebd., 19.
  14. Ebd., 20.
  15. Die heute noch, im Kern nur symbolisch geführten Debatten über Militanz hätten in den Reflexionen Steinbergs einen guten und ernsthaften Ausgangspunkt.
  16. Neben der Gewaltfrage sind dies die Widersprüche von individueller Befreiung und kollektiver Aktion, vom Mittel des antagonistischen Klassenkampfes und dem Zweck universeller Befreiung, von partikulären Interessen und allgemeiner Moral, von Zerstörung des Alten und gleichzeitigem Aufbau des Neuen, vom Widerspruch zwischen Weg und Ziel.
  17. Ebd., 311.
  18. Walter Benjamin, Geschichtsphilosophische Thesen. Zur Kritik der Gewalt und andere Aufsätze, Frankfurt a.M. 1965, 79.
  19. Ebd., 82.