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Frühjahr 2014

Mit offenen Augen

Deutschland und der Erste Weltkrieg

Editorial

Es ist nicht direkt ein neuer Trend, eher ein Dauerbrenner. Um auszudrücken, dass jemand oder etwas besonders verwerflich oder gefährlich ist, liegt nichts näher, als ein Vergleich mit dem Nationalsozialismus. Protestierende in aller Welt verzieren für Demonstrationen das Portrait ihres Lieblingsfeindes mit Hitlerbärtchen – unabhängig von deren Geschlecht wie man bei Anti-Merkel-Kundgebungen beobachten kann. In Deutschland war es eine Zeit lang beliebt George W. Bush als Hitler zu verunglimpfen, Bilder sind eben stärker als Argumente. Weiter

 

Inhalt

Top Story

Phase 2 Leipzig

Einleitung zum Schwerpunkt

Das Jahr 2014 steht erinnerungspolitisch ganz im Zeichen des Ersten Weltkrieges, dessen Beginn mit der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien am 28. Juli 1914 verbunden ist. In den Tagen und Wochen danach wurden mehr und mehr Staaten und die in ihnen lebenden Menschen, letztlich fast die ganze Welt involviert. Mit etwa 70 Millionen KombatantInnen in circa 40 Ländern erlangte der Konflikt ein bis dahin ungekanntes Ausmaß, und prägte die weitere Entwicklung Europas und der Welt grundlegend. Im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert waren verschiedene Bündnisse zwischen europäischen Staaten geschaffen worden, deren Beistandsverpflichtungen bewirkten, dass sich nach der Erklärung des Kriegs durch die Donaumonarchie, wie in einer Kettenreaktion, ein Land nach dem Anderen an dem Krieg beteiligte. Das deutsche Kaiserreich, das Österreich-Ungarn Beistand gegen Russland zugesichert hatte, erklärte letzterem am 1. August 1914 den Krieg, da eine Intervention des russischen Imperiums durch die Bedrohung Serbiens befürchtet wurde. Zwei Tage später zog Deutschland auch gegen Frankreich, das nur wenige Tage zuvor in St. Petersburg die Russisch-Französische Allianz erneuert hatte, in den Krieg und überfiel das neutrale Belgien. Dies wiederum veranlasste Großbritannien in den Krieg einzutreten. Die Kriegserklärung der Briten war dabei nicht auf das Vereinigte Königreich beschränkt, sondern galt für das gesamte Empire, was den Konflikt über die europäische Grenze hinaus ausdehnte.Die Dimension dieser Entwicklung gewinnt vor dem Hintergrund an Brisanz, dass sich in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg die Austragung zentraleuropäischer Konflikte mehrheitlich auf die Peripherie verlagert hatte. Das 19. Jahrhundert war geprägt von Kämpfen um Kolonien, das 20. begann mit der Rückkehr des Krieges auf den europäischen Kontinent. Dieser Krieg war jedoch ein völlig neuer, in seiner technischen Dimension nahezu unbekannt. Symbolisch dafür steht, neben dem ersten Einsatz von Giftgas, den Panzern und Flugzeugen, in besonderer Weise das Maschinengewehr. Erstmals war es bei der Niederschlagung des Mahdi-Aufstands 1898 im Sudan zu größerem Einsatz gekommen. In dem Film Khartoum – Der Aufstand am Nil von 1966 wird die durch das MG hergestellte Asymmetrie des Gemetzels veranschaulicht. Eine Handvoll Soldaten erschießt tausende Anhänger des Mahdi. Minutenlang zeigt der Film wie die Mahdi unter größten Verlusten gegen das Maschinengewehrfeuer anrennen, ohne sich der feindlichen Stellung auch nur einen entscheidenden Meter zu nähern. In Verdun, heute ein zentraler Erinnerungsort der Westfront des Ersten Weltkrieges, standen sich französische und britische Truppen auf der einen und deutsche Truppen auf der anderen Seite gegenüber. Auf beiden Seiten wurden entlang der Frontlinie Maschinengewehrnester errichtet, die den Angriff gegnerischer Truppen abwechselnd zurückschlugen. In diesem Szenario fand der berüchtigte Stellungskrieg statt, der hunderttausenden Menschen das Leben kostete, ohne eine Veränderung der Frontlinie herbeizuführen. Etwa zur selben Zeit der ersten Einsätze des MG, wurde auch die Entwicklung der Luftfahrt für militärische Zwecke vorangetrieben. Bereits 1911 hatte beispielsweise Italien erste einsatzfähige Luftstreitkräfte, die es im Kolonialkrieg gegen das Osmanische Reich um Libyen zum Einsatz brachte. Mit weniger als 30 Flugzeugen und einigen wenigen Luftschiffen sowie Ballons, zusätzlich zu den üblichen Truppenverbänden, lag der militärische Vorteil deutlich auf italienischer Seite. Im Ersten Weltkrieg, in dem Italien über die mit Abstand wenigsten Luftstreitkräfte verfügte, verkehrte sich die militärische Ausgangssituation ins Negative. In beiden Fällen, in der Niederschlagung der Anhänger des Mahdi, sowie in der Niederlage des Osmanischen Reichs 1912, verdankten die jeweiligen siegreichen europäischen Staaten ihren Erfolg vor allem der modernisierten Waffentechnologie. Auf den Schlachtfeldern Europas, wo sich die waffentechnologisch ebenbürtigen Staaten gegenüberstanden, erfuhren die Menschen wie sich der Fortschritt gegen sie richtete. Alle Kriegsparteien lernten, dass die Überlegenheit sich aufhebt, wenn beide Seiten aufgerüstet sind.Ebenso wenig wie die neue technologische Dimension des Ersten Weltkrieges wurde das Ereignis selbst in seinem Ausmaß begriffen. Zu Beginn herrschte ein nationalistischer Rausch, in dem die Massen überzeugt von der jeweiligen Überlegenheit der eigenen Nation den Krieg bejubelten. Von seinem zerstörerischen Potenzial machten sich nur die wenigsten eine Vorstellung. Doch dass der Weltkrieg das dramatische Ende einer geschichtlichen Epoche bedeuten könnte, hat in dem Augenblick niemand erahnt. Inka Sauter geht in ihrem Beitrag über Fortschritt und Verfall noch einen Schritt weiter und beschreibt die weltgeschichtliche Bedeutung des Ereignisses in Anlehnung an Walter Benjamin mit dem Begriff vom Ende der Erfahrung. Darüber wird der Weltkrieg als Bruch der Geschichte erklärt, der sich als erste Katastrophe des 20. Jahrhunderts der Integration in die Geschichtskonzepte des 19. Jahrhunderts entzieht. Die Möglichkeit zur Vermittlung des Ereignisses in seiner gesamten Dimension ist folglich beschädigt und die Erfahrung verstellt.Einzelne Ereignisse gewinnen an Bedeutung gegenüber der Erkenntnis des Ganzen. Für Linke stehen dabei die Zustimmung der SozialistInnen zum Krieg in dessen Vorlauf sowie die Revolutionen an dessen Ausgang im Vordergrund. Die Entscheidung zum Krieg wurde in fast allen Staaten Europas von einer innenpolitischen Konsolidierung zwischen den Parteien im Parlament begleitet. Doch während in Ländern wie Frankreich die Union Sacrée mit der Verteidigung gegen den Aggressor Deutschland begründet wurde, war im Kaiserreich die Burgfriedenpolitik der bisher internationalistischen Arbeiterpartei und der Regierung ein Schritt, der Linke bis heute fragend zurücklässt. Eine Begründung wird in der Kriegsbegeisterung der deutschen ArbeiterInnen gesehen. Dass es aber auch andere Stimmen in der organisierten Linken gegeben hatte, zeigt Olaf Kistenmacher in Die Gründung der Antinationalen Sozialisten Partei und beschreibt die Krise der Sozialdemokratie und der Arbeiterbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Wie grundsätzlich die Widersprüche zwischen den kompromissbereiten SozialdemokratInnen und den kompromisslosen kriegsgegnerischen KommunistInnen waren, wird aber erst am Ende des Weltkriegs deutlich. Vor dem Hintergrund der Oktoberrevolution in Russland und der militärischen Niederlage des Kaiserreichs hatte sich in Deutschland eine revolutionäre kommunistische Bewegung formiert. Die SPD, die im Nachgang des Krieges an die Macht gekommen war, hatte einen erheblichen Anteil an der Verhinderung einer Revolution und der Bekämpfung der revolutionären Bewegung, darauf weist René Lenz in Zwischen Frieden, Demokratie und Bürgerkrieg hin. Mit sozialdemokratischer Zustimmung, so Lenz weiter, hätten sogenannte Freikorps, paramilitärische Freiwilligenverbände, die sich nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs bildeten, ungehindert und mit allen Mitteln die zu RepublikfeindInnen erklärten KommunistInnen bekämpfen und beseitigen können. Nicht zuletzt war auf diese Weise jene Spaltung verfestigt worden, die die Arbeiterbewegung mindestens für die Zeit der Weimarer Republik und bis heute prägte.Die gesellschaftspolitischen Auswirkungen des Ersten Weltkrieges, das arbeitet dieser Schwerpunkt heraus, sind sehr weitreichend. Die Ursachen für die immense Radikalisierung des deutschen Nationalismus und seine spezifische Verknüpfung mit einem völkischen Antisemitismus erklären sich auch mit Verweis auf die Situation in der Weimarer Republik, die aus dem Weltkrieg hervorgegangene politische Ordnung Deutschlands. Zentral ist unter anderem die Feststellung, dass die Assimilation der Juden, ihr Aufgehen in der ethnisch relativ homogenen deutschen Bevölkerung gescheitert sei. Wie essenziell dafür die jüdische Erfahrung des Ersten Weltkriegs war, zeigt David Jünger in seinem Beitrag Vom Ende der Emanzipation. Waren deutsche Juden zu Beginn mit der Hoffnung auf uneingeschränkte Anerkennung 1914 als Teil des deutschen Heeres in den Krieg gezogen, sollte sich dies bald als Illusion erweisen. Die Entwicklungen trugen erheblich zum Scheitern der Assimilation der Juden bei und können als entscheidend für die Vorgeschichte des Holocaust verstanden werden. Unter dem Titel Das Ergebnis menschlichen Irrwahns und menschlicher Fühllosigkeit arbeitet Laurie R. Cohen die Haltung der Frauen- und Friedensbewegung zum Krieg heraus. Die Autorin beschreibt die Entwicklung der Frauenrechtsbewegung vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg und zeigt Überschneidungen mit der Friedensbewegung auf. Dabei wird deutlich, dass der Erste Weltkrieg lediglich von einer Minderheit der deutschen Feministinnen abgelehnt wurde und große Teile, selbst die, die sich bis dahin als Pazifistinnen behauptet hatten, den Griff zu den Waffen glorifizierten und »ihre Soldaten« unterstützten.Nicht zuletzt hatte der Weltkrieg eine erhebliche Wirkung auf die Theoriebildung seiner Zeit. Walter Schrotfels diskutiert in Nach dieser großen Zeit die Aus- und Nachwirkungen des unbegreiflichen Ereignisses auf Psychoanalyse und Kritische Theorie. Dabei stellt der Autor heraus, dass die Erfahrung des Gewaltexzesses einerseits das Vertrauen der Kritischen Theorie ins Bürgertum nachhaltig beschädigte. Während andererseits Sigmund Freud, konfrontiert mit dem, sich im Exzess artikulierenden, Willen zur Zerstörung, seine Theorie um den Todestrieb erweiterte. Einend ist die Erkenntnis über das destruktive Potenzial unter der Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft. Auch in der Kunst finden sich zwei Bewegungen, die, wie Max Upravitelev in seinem Beitrag Die Historische Avantgarde und der Erste Weltkrieg herausarbeitet, den Einfluss des Ereignisses auf die Kultur deutlich machen. In der euphorischen Stimmung zum Ausbruch des Krieges kommt der italienische Futurismus, der den Weltkrieg als Moment umfassender Erneuerung feiert, zur Blüte. Doch vor dem Hintergrund der massiven Verluste und dem grenzenlosen Ausmaß an Zerstörung wandelt sich die Euphorie in eine kriegsgegnerische Haltung, der Dadaismus entsteht als Reaktion auf die Sinnlosigkeit des Krieges als eine Antibewegung gegen alles.Lange hatte der Erste Weltkrieg seine Funktion in der Rede von der deutschen Tradition, dem Streben nach der Weltmacht und nicht zuletzt als Etappe eines Sonderwegs, der schließlich in den Nationalsozialismus und den Holocaust führte. Für diese Argumentation ist die Kriegsschuld Deutschlands existenziell. Und an ihr wurde bis vor Kurzem selbst unter den führenden Köpfen der Historikerzunft kaum gezweifelt. Weitgehend Einigkeit herrschte, dass die imperialistische Politik des Kaiserreichs den Krieg aus deutscher Sicht notwendig gemacht hatte. Kein Zweifel bestand daran, dass die deutsche Regierung ihn forciert hatte. Wie viel Gültigkeit diese Argumentation und wie aktuell ihre Implikationen noch heute sind, zeigt Klaus Thörner. In seinem Beitrag 1914 - 2014 diskutiert er die hegemonialen Bestrebungen Deutschlands seit dem Ersten Weltkrieg. In seinem Vergleich der Konstellationen und deutschen Erklärungen von damals sowie aus der Gegenwart wird deutlich, wie wenig sich an den deutschen Konzeptionen für eine europäische Ordnung bis heute geändert hat. Jonas Dörges Aufsatz Die Verleugnung der Kriegsschuld und die Staatsgläubigkeit macht darüber hinaus deutlich wie sich der Umgang Deutschlands mit der Schuld gewandelt hat. Er zeichnet nach, wie sich die Argumentation, die lange an der deutschen Hauptschuld festhielt, in das derzeit medial zelebrierte Verständnis des Krieges verkehrte. In diesem gilt der Erste Weltkrieg als Resultat, einer Zuspitzung der politischen und ökonomischen Konstellation zum Begin des 20. Jahrhunderts, das von niemandem gewollt wurde. Der Autor zeigt im Rekurs auf die Publikation von Christopher Clark, Die Schlafwandler – wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog, dass eine solche Darstellung nicht ohne argumentative Abstriche auskommt. So weist Dörge darauf hin, dass Clark bei seiner Auseinandersetzung mit der deutschen Kriegsführung wiederholt bekannte Materialien zum Gegenstand neu interpretiert und das deutsche Kaiserreich dabei zu einem Getriebenen unter vielen verklärt wird.Dass die Frage nach der Kriegsschuld jedoch selbst in linken Kreisen erst in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts thematisiert wurde und vorher die Zurückweisung ein eher allgemeindeutsches Phänomen war, erklärt Volker Weiß im Interview. Darüber hinaus kritisiert er die Verdrehung der Debatte zu einer Diskussion um die Bestimmung der »Alleinschuld«, während die Mehrheit von einer »Hauptschuld« gesprochen hat. Im Gespräch über die Rezeption und aktuelle mediale Inszenierungen des Ersten Weltkriegs in Deutschland verdeutlicht er, dass die Auseinandersetzung niemals frei vom Wunsch nach einer »sauberen Vergangenheit« war und sich immer wieder mit »gekränkter nationaler Eitelkeit mischte«. Dass die Konstruktion der eigenen Identität in Abgrenzung zum anderen, feindlichen Gegenüber nicht nur im Nachgang des Krieges, sondern insbesondere während des Ersten Weltkrieges eine neue Dimension erlangte, zeigt Britta Lange in ihrem Artikel Propaganda mit Ausstellungen. Erstmals hatten 1914 die Staaten Europas Propaganda in einem so massiven Ausmaß eingesetzt, dass sie eine bedeutende Funktion für die Kriegsführung einnahm. Dabei ist auffällig, wie besonders Ausstellungen, die dem Kino und der Presse gegenüber als antiquierte Medien galten, im Ersten Weltkrieg ein Revival erlebten.Wenn sich nun dieses Jahr der Beginn des Ersten Weltkrieges zum hundertsten Mal jährt, dürfte dies für Linke vor allem aus geschichtspolitischer Perspektive von Belang sein. Seine politische Relevanz als Ereignis scheint abseits seiner Nebenwirkungen für die internationale Arbeiterbewegung in der Linken wenig ausgeprägt. Die Bedeutung des Ersten Weltkrieges als Hintergrund für die siegreiche Oktoberrevolution mag noch qua Randnotiz Erwähnung finden, darüber hinaus ist er heute zu einer Chiffre für den Beginn des 20. Jahrhunderts als Ära der Gewalt, der Diktaturen, des Systemkonflikts im Großen bzw. der Bürgerkriege im kleineren verkommen. Das Ereignis selbst wird auf seine Aus- und Nebenwirkungen reduziert. Wie soll also mit dem Gedenkjahr umgegangen werden, wenn der Erste Weltkrieg selbst für Linke kein Thema ist? Wenn für sie, ähnlich wie für die Mehrheit der Gesellschaft, vor allem das Jubiläum den Anlass bietet, sich diese Geschichte anzueignen. Wie notwendig ist eine Kritik an dem Brimborium um den Ersten Weltkrieg? Anders als bei diversen nationalhistorischen Heiligtümern, wie beispielsweise dem Tag der deutschen Einheit, fällt das Gedenken zum Ersten Weltkrieg normalerweise eher zurückhaltend aus. Doch in diesem Jahr, zum 100. Jahrestag, scheint sich dies zu verschieben. Wir erleben eine Europäisierung des Gedenkens.Das gemeinsame Gedenken in Europa ist dabei nicht selbstverständlich und bringt einige Schwierigkeiten mit sich. Zum einen, dass dafür die Gleichstellung von Tätern und Opfern nötig ist. Dass dies weniger schwierig ist, als anzunehmen wäre, führte bereits die erinnerungspolitische Entwicklung im Bezug auf den Zweiten Weltkrieg vor. Doch der Zweite Weltkrieg bietet in seiner Historiographie deutlich weniger Spielraum für seriös daherkommende Umdeutungen. Das Narrativ der deutschen Schuld und eines europäischen Kampfes gegen den Nationalsozialismus bedarf keiner Einigung. Im geeinten Gedächtnis der europäischen Staaten ist der Sieg über den Nationalsozialismus auch für Deutschland zweifelsohne ein bedeutender. Im Bezug auf den Ersten Weltkrieg ist das offenbar anders. Lange hatten differente nationale Narrative ein gemeinsames Gedenken verhindert. Ausdruck dieser Divergenz sind allein schon die verschiedenen Bezeichnungen des Ereignisses. Der Erste Weltkrieg, der in Deutschland bereits über die Nummerierung in die Vorgeschichte des Zweiten eingeschrieben ist, wird in Frankreich und England als der Große Krieg bezeichnet. Le Grande Guerre und The Great War sind dabei bereits unmittelbar im Anschluss an den Krieg, in ihrem Ausmaß, als tragische Siege betrauert worden. Das Gedenken in den Siegerstaaten ist bis heute untrennbar mit den Gefallenen verbunden. Und wenngleich auch in Deutschland den Gefallenen gedacht wurde, die Denkmäler in jedem zweiten Dorf zeugen davon, verkehrte sich das Gedenken hier, vor dem Hintergrund der als Schmach und Erniedrigung wahrgenommenen Niederlage, in die Hoffnung auf Revanche. Die Europäisierung des Gedenkens an eine Katastrophe, in die alle Beteiligten hineingeschlittert seien, ebnete die Differenzen zwischen den Narrativen ein. Dass dies ein noch immer bestehendes Bedürfnis nach Entlastung seitens der Deutschen bedient, lässt sich vor allem daran ablesen, dass die Debatte um die Veröffentlichung von Clark nirgendwo ein derartiges Aufsehen erregt hat, wie hierzulande. Nirgends in Europa hat sich sein Buch so gut verkauft wie in Deutschland. Grundlegend für die Entscheidung dem Ersten Weltkrieg einen Schwerpunkt zu widmen, ist die Annahme, dass dieses Ereignis in seiner Bedeutung kaum im Bewusstsein der Linken verankert ist. Allgemein scheint das konkrete Wissen um den Ersten Weltkrieg nur gering. Seine Relevanz für die Auseinandersetzung mit dem Nationalismus, seine Auswirkungen auf Kunst und Kultur, oder sein Einfluss auf in der heutigen Linken äußerst populäre Theorien ist nur in wenigen Fällen Gegenstand der Beschäftigung. weiter

Jonas Dörge

Die Verleugnung der Kriegsschuld und die Staatsgläubigkeit

Ein Versuch über einen Zusammenhang

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges waren die sogenannte Kriegsschuldfrage sowie die Dolchstoßlegende ein zentrales politisches Konfliktfeld in der deutschen Gesellschaft. Im Versailler Vertrag wurde der deutschen Nation die Schuld für den Krieg zugewiesen, entsprechend fielen die Folgen aus. Dem Kriegsverlierer wurden Reparationsleistungen auferlegt, Gebietsteile mussten an die Nachbarnationen abgetreten werden und die deutsche Reichswehr wurde faktisch entwaffnet. Die innenpolitisch hegemoniale Deutung des Versailler Friedens als »Schandfrieden« hing mit der Zurückweisung der Schuld zusammen, mit der auch von deutscher Seite beanspruchten Legitimität, den Krieg zur Verteidigung geführt zu haben und nicht zuletzt mit der These, das deutsche Heer sei unbesiegt in den Waffenstillstand gegangen. Die faktische militärische Niederlage wurde nicht anerkannt. Sowohl die Soldaten, die den Angriffsbefehlen in den sicheren Tod nicht mehr Folge leisteten, als auch die ArbeiterInnen in den Rüstungsfabriken hatten durch ihr Aufbegehren einen wichtigen Beitrag zur Beendigung des Krieges geleistet. Beides wurde jedoch weder von den verbliebenen Monarchisten, noch von den Parteien der Weimarer Koalition als legitime Reaktion der Bevölkerung angesehen. Nicht nur das Selbstverständnis der führenden Parteien des gemäßigt rechten und liberalen Spektrums, sondern »insbesondere das [...] des rechten Flügels der Sozialdemokratie[,] gründete wesentlich auf dem Bewußtsein, die Kriegsanstrengungen des Deutschen Reichs loyal unterstützt zu haben.« Die Bewegung derjenigen, die sich weigerten, den Krieg um jeden Preis fortzuführen, fand durch die Parteien der Weimarer Republik nie Anerkennung. Das Verhalten der aufbegehrenden Soldaten und ArbeiterInnen »geriet [...] zur unbewältigten Vergangenheit.« Elisabeth Domansky, Der Erste Weltkrieg, in L. Niethammer u.a., Bürgerliche Gesellschaft in Deutschland. Historische Einblicke, Fragen, Perspektiven, 287f. Die Zurückweisung der Dolchstoßlegende musste daher von Anfang an zahnlos bleiben, die Folgen der Niederlage wurden in der deutschen Gesellschaft nicht als Ergebnis einer von Beginn an auf Krieg ausgerichteten deutschen Machtpolitik angesehen, sondern als ungerechte Rache am Verlierer eines von keinem gewollten Krieges. weiter

Britta Lange

Propaganda mit Ausstellungen

Eine Mobilisierungsstrategie des Ersten Weltkriegs

Das Deutsche Reich kämpfte im Ersten Weltkrieg gegen »eine Welt von Feinden«. Das Wort »Welt« meinte dabei nicht nur die europäischen Nationen, sondern auch die abhängigen und kolonialisierten Länder und Regionen außerhalb Europas, die von den sie beherrschenden Staaten in den Konflikt hineingezogen wurden. Bereits Ende 1914 erschienen »Skandalmeldungen« in der deutschen Presse, dass die Deutschen gegen »wilde Horden« von »Barbaren« oder »ein buntes Völkergemisch« kämpfen müssten. Christian Koller, »Von Wilden aller Rassen niedergemetzelt«. Die Diskussion um die Verwendung von Kolonialtruppen in Europa zwischen Rassismus, Kolonial- und Militärpolitik (1914–1930), Stuttgart 2001. Diese Meldungen fanden ihre Bestätigung auch durch die Wissenschaft. So schrieb der Völkerkundler Karl Weule 1915: »Dort der arglistige und hinterhältige Japaner, hier die Engländer, Franzosen und Belgier mit ihren weißen und schwarzen Kontingenten – es ist in Wahrheit die ganze Welt, gegen die wir kämpfen.« Karl Weule, Die farbigen Hilfsvölker unserer Gegner. Eine ethnographische Übersicht, 2 Teile, in: Kosmos 12, H. 6 (1915), 205–209; H. 7 (1915), 249–253, hier Teil 1, 205. weiter

Max Upravitelev

Die Historische Avantgarde und der Erste Weltkrieg

Vom italienischen Futurismus zum vaterlandslosen Dadaismus

Am 20. Februar 1909 erscheint in der Pariser Zeitung Le Figaro das erste Futuristische Manifest als Spätgeburt des langen 19. Jahrhunderts. Es ist der erste öffentliche Auftritt einer künstlerischen Bewegung, die gemeinsam mit dem etwas jüngeren Dadaismus die »Historische Avantgarde« aus der Taufe heben sollte. Unter diesem Label fasst Peter Bürger in seiner 1974 erschienenen Theorie der Avantgarde Futurismus, Dadaismus, Konstruktivismus und Surrealismus zusammen. Bürger unternimmt hier nicht einfach nur den Versuch einer Neuinterpretation von vergangenen künstlerischen Bewegungen, vielmehr will er deren eigene Theorie, ihr eigenes künstlerisches Selbstverständnis in ihrem historischen Werdegang fassen, denn genau in diesen Aspekten unterschied sich die Historische Avantgarde von vorangegangenen Strömungen. Um die Jahrhundertwende existierten zahlreiche Bewegungen nebeneinander, die jeweils ihre eigene Programmatik mitbrachten und sich gegen vergangene und zeitgenössische Strömungen abgrenzten, wie der Impressionismus, Symbolismus oder auch der Ästhetizismus. Letztgenannter ist für Bürger von besonderem Interesse, denn er stellt die theoretischen Voraussetzungen für das Selbstverständnis der Historischen Avantgarden und lässt sich innerhalb der Kunstgeschichte als Brücke zwischen systemimmanenter Kritik und Selbstkritik von Kunst begreifen. Demnach grenzten die zahlreichen untereinander konkurrierenden »Ismen« der Jahrhundertwende sich mit ihrer Kritik innerhalb des Systems Kunst gegeneinander ab. Dabei fragten sie nicht nach der gesellschaftlichen Funktion von Kunst, sondern beschäftigten sich letztlich mit der Selbstbehauptung gegenüber konkurrierenden künstlerischen Vorstellungen. Der Ästhetizismus dagegen verfolgte mit seinem Kunstverständnis bereits ein politisches Programm und formulierte seine Forderung mit dem »l’art pour l‘art«-Prinzip: Die Kunst sollte als Selbstzweck um der Kunst willen produziert werden. So wurde Kunst als autonome Institution innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft begriffen, die einen Schutzraum vor deren gesellschaftlichen Zwängen und ihrer Zweckrationalität bieten sollte. Nicht mehr die systemimmanente Abgrenzung gegen konkurrierende Strömungen war das Ziel, sondern die Abgrenzung gegenüber dem bürgerlichen Alltag. weiter

David Jünger

Vom Ende der Emanzipation

Die deutschen Juden und der Erste Weltkrieg

Am 2. August 1914 notierte Franz Kafka in sein Tagebuch: »Deutschland hat Rußland den Krieg erklärt. – Nachmittag Schwimmschule.« Franz Kafka, Tagebücher 1910–1923, hrsg. v. Max Brod, Frankfurt a.M. 1973, 261. Diese lakonische Kommentierung eines im Rückblick epochalen Ereignisses war in paradigmatischer Weise Ausdruck einer weit verbreiteten Wahrnehmung. Die Ahnung von der bevorstehenden Katastrophe des Weltkrieges war unter den europäischen Bevölkerungen nicht weit verbreitet. Gleichwohl gehörte Kafka zu den wenigen Intellektuellen, die sich von der nationalistischen Euphorie nicht anstecken ließen, sondern den Krieg und dessen AdeptInnen von Herzen verachteten. Wenige Tage später notierte er: »Ich entdecke in mir nichts als Kleinlichkeit, Entschlußunfähigkeit, Neid und Haß gegen die Kämpfenden, denen ich mit Leidenschaft alles Böse wünsche.« Tagebucheintrag vom 6. August 1914, in: ebd., 262. Kafkas Interesse an jüdischen Fragen und seine Nähe zum Zionismus sind vielfach verbürgt. Das Schauspiel, das in Prag kurz nach Beginn des Krieges auch von der jüdischen Bevölkerung aufgeführt wurde, verabscheute er nun jedoch zutiefst: »Patriotischer Umzug. […] Ich stehe dabei mit meinem bösen Blick. Diese Umzüge sind eine der widerlichsten Begleiterscheinungen des Krieges. Ausgehend von jüdischen Handelsleuten, die einmal deutsch, einmal tschechisch sind, es sich zwar eingestehen, niemals aber es so laut herausschreien dürfen wie jetzt.« Ebd. Kafkas Wahrnehmung, dass die nationalistische Mobilisierung von den jüdischen Bevölkerungsteilen der Habsburgermonarchie ausginge, war nicht ungerechtfertigt. Ein Blick über die Grenze, ins Deutsche Reich, offenbart, dass es auch hier jüdische Intellektuelle, Geistliche und Organisationen waren, die in besonderer Weise den kommenden Krieg verherrlichten. weiter

Olaf Kistenmacher

Die Gründung der Antinationalen Sozialisten Partei

Über die Krise der Sozialdemokratie und der Arbeiterbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Mit Beginn des Ersten Weltkrieges ging ein Riss durch die internationale Arbeiterbewegung, der für die folgenden Jahre bedeutend war. In ihrer Broschüre Die Krise der Sozialdemokratie, der sogenannten Junius-Broschüre, schrieb Rosa Luxemburg 1916, es habe sich »eine weltgeschichtliche Katastrophe« ereignet: »die Kapitulation der internationalen Sozialdemokratie«. Rosa Luxemburg, Die Krise der S­ozialdemokratie, in: Dies., Ausgewählte politische Schriften in drei Bänden, Bd. 3, Frankfurt a. M. 1971, 40. Die Mitglieder der europäischen sozialistischen und sozialdemokratischen Organisationen und Parteien, die sich kurz vor Ausbruch des Krieges noch darauf verständigt hatten, vereint gegen Imperialismus und Krieg zu kämpfen, kämpften nun gegeneinander, im Namen ihres jeweiligen Vaterlands. Luxemburgs Forderung lautete deswegen, »eine neue Arbeiter-Internationale zu schaffen«. Dies sei, wie sie betonte, »eine Lebensnotwendigkeit für den Sozialismus«. Ebd., 149. Ein anderes Ereignis konnte dem revolutionären Proletariat allerdings Mut machen. Mit der russischen Revolution, die den Bolschewiki 1917 gelang, rückte eine Weltrevolution in den Bereich des Möglichen. Und unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkrieges 1918/19 gründete sich um Luxemburg nicht nur die KPD, die erste legale kommunistische Partei in Deutschland, sondern wenige Monate später bildete sich mit der Kommunistischen Internationale (Komintern) tatsächlich eine neue, die mittlerweile dritte Internationale. In vielen Erinnerungen und auch in historischen Darstellungen zur Geschichte des Kommunismus herrschte lange Zeit das Bild vor, dass die Komintern bis Mitte der 1920er Jahre von dem Internationalismus geprägt gewesen sei, für den der Name Luxemburg zu dieser Zeit stand. Bis 1923 ging die Komintern fest davon aus, dass bald die Revolution in Deutschland und dann in einer Art Kettenreaktion die Weltrevolution erfolgen würde. Mit dem Aufstieg Josef Stalins und seinem Konzept vom »Sozialismus in einem Lande« allerdings habe sich ab 1925 eine nationale Politik wieder eingeschlichen. weiter

Klaus Thörner

1914-2014

Von der Planung zur Durchsetzung deutscher Hegemonie in Europa

Mit der Parole »Serbien muß sterbien« zogen deutsche und österreichische Soldaten im August 1914 in den Ersten Weltkrieg. Dies geschah keineswegs zufällig oder schlafwandelnd, wie der australische Historiker Christopher Clarke behauptet. Und dies geschah nur vordergründig als Reaktion auf das Attentat auf den österreichischen Thronfolger am 28. Juni 1914 in Sarajevo. Seit Ende 1912 plante die deutsche Regierung einen Krieg mit Serbien und wartete auf eine serbische Provokation, um nicht als Kriegsverursacher zu erscheinen. Vgl. Klaus Thörner, »Der ganze Südosten ist unser Hinterland«. Deutsche Südosteuropapläne von 1840 bis 1945, Freiburg 2008, 239. Seit dem ersten Balkankrieg von 1912 galt Serbien im Deutschen Reich als größtes Hindernis für die Realisierung des seit den 1890er Jahren angestrebten zollfreien mitteleuropäischen Großraums unter deutscher Führung. Nach dem Sieg über das Osmanische Reich wollte die selbstbewusster gewordene Belgrader Regierung die Eisenbahnstrecken auf ihrem Gebiet verstaatlichen. Dies hätte eine Blockade der Bagdad-Bahn, dem zentralen Verkehrsprojekt des deutschen Expansionismus bedeutet. Um diesen »Riegel« zu beseitigen, setzte die deutsche Regierung auf Krieg gegen Serbien und seinen Bündnispartner Russland. Der einflussreiche liberale Politiker Friedrich Naumann, bis heute Namensgeber der Parteistiftung der FDP, erklärte das Kriegsziel der deutschen Öffentlichkeit: »Alles, was an der Balkanbahn liegt, liegt an der für uns notwendigen Linie Hamburg-Suez, die wir uns von niemandem dürfen sperren lassen. […] Schon darin liegt, dass das serbische Gebiet nicht als feindliches Kastell innerhalb des mitteleuropäischen Schützengrabenverbandes geduldet werden kann.« Friedrich Naumann, Werke, herausgegeben von Theodor Schieder, Köln/Opladen 1964, Bd. 4, 828 f., 834. Der Badische Beobachter ergänzte 1915: »Bezwingen wir Serbien, dann ist diese Verbindung hergestellt. […] Der Weg Berlin-Wien-Konstantinopel wird nicht nur eine militärische, sondern nach dem Kriege auch eine mächtige Handelsstraße freilegen, auf der wir die Türkei und das unerschlossene Klein-Asien mit unseren Erzeugnissen versorgen könnten.« Zit. nach Salomon Grumbach (Hrsg.), Das annexionistische Deutschland. Eine Sammlung von Dokumenten, die seit dem 4. August 1914 in Deutschland öffentlich oder geheim verbreitet wurden, Lausanne 1917, 199. weiter

Volker Weiß

»Der Erste Weltkrieg lässt sich nicht zum Kampf ›Gut gegen Böse‹ verkitschen«

Volker Weiß arbeitet als Historiker in Hamburg, 2012 erschien von ihm die Studie Moderne Antimoderne. Arthur Moeller van den Bruck und die Transformation des Konservatismus im Verlag Ferdinand Schöningh. Im selben Verlag veröffentlichte er Deutschlands Neue Rechte. Angriff der Eliten – Von Spengler bis Sarrazin. Er beschäftigt sich wissenschaftlich und publizistisch mit der Geschichte konservativer und faschistischer Ideologien und schreibt regelmäßig für die Zeit und Jungle World. Die Phase 2 interviewte Volker Weiß per Mail zu den Auswirkungen des Ersten Weltkrieges. weiter

Walter Schrotfels

Nach dieser großen Zeit

Kritische Theorie und Psychoanalyse nach dem Ersten Weltkrieg

Als die Mehrzahl der europäischen Staaten mit Gejohle und Geschrei in den Krieg zog, entschied sich Karl Kraus zu schweigen. »[I]n dieser lauten Zeit, die da dröhnt von der schauerlichen Symphonie der Taten, die Berichte hervorbringen, und der Berichte, welche Taten verschulden: in dieser da mögen Sie von mir kein eigenes Wort erwarten.« Karl Kraus, In dieser großen Zeit, Auswahl 1914–25, Berlin 1971, 9. Vorerst stellte Kraus Die Fackel tatsächlich ein. Als die Zeitschrift ab November 1918 doch wieder erschien, begann er mit der Arbeit an einem Werk, das ihm einzig dem »Weltuntergang« angemessen erschien und in der Sprache zu bannen versuchte, was zum Schweigen gezwungen hatte. Die letzten Tage der Menschheit, eine Tragödie in fünf Akten mit Vorspiel und Epilog, besteht aus über 200 losen Szenen und wurde noch nie komplett aufgeführt. »Die Handlung, in hundert Szenen und Höllen führend, ist unmöglich, zerklüftet, heldenlos«, Ders., Die letzten Tage der Menschheit, Frankfurt a.M. 1986, 9. so wie die »Tragödie der Menschheit« als die Kraus den Weltkrieg begriff. weiter

Inka Sauter

Fortschritt und Verfall

Eine Annäherung an die geschichtliche Welt des Ersten Weltkrieges

»Die Erfahrung ist im Kurs gefallen und das in einer Generation, die 1914–1918 eine der ungeheuersten Erfahrungen der Weltgeschichte gemacht hat.« Walter Benjamin, Erfahrung und Armut, in: ders., Gesammelte Schriften 2, Frankfurt am Main 1991, 213–219, hier 214. Dies diagnostizierte Walter Benjamin noch 1933 in dem Artikel »Erfahrung und Armut«. Denn, so schreibt der Verfasser weiter, »nie sind Erfahrungen gründlicher Lügen gestraft worden als die strategischen durch den Stellungskrieg, die wirtschaftlichen durch die Inflation, die körperlichen durch Hunger, die sittlichen durch die Machthaber«. Ebd. Dieselben Sätze übernimmt Benjamin auch in seinem Aufsatz »Der Erzähler« aus dem Jahr 1936. Siehe: ebd., 438–465, hier 439. Erfahrung bedarf des vermittelnden Sprechens. Denjenigen, die aus dem Krieg zurückkehrten, war diese Möglichkeit verstellt – sie schwiegen. Eine Generation, die noch mit »der Pferdebahn zur Schule gefahren war«, hatte auf einem Schlachtfeld gestanden, das die (inner-)europäischen Kampfhandlungen des vorhergehenden Jahrhunderts in den Schatten stellte. Es handelte sich um nicht weniger als eine Zäsur der Moderne. Die sogenannte Belle Époque hatte ein jähes Ende gefunden. weiter

Laurie R. Cohen

»Das Ergebnis menschlichen Irrwahns und menschlicher Fühllosigkeit«

Die deutschen Frauen- und Friedensbewegungen und der Erste Weltkrieg

Am 19. Juli 1914 – drei Wochen nach dem Attentat von Sarajewo – veröffentlichte die Berliner satirische Zeitschrift Kladderadatsch eine sechsteilige Karikatur mit dem Titel »Die Suffragetten Suffragetten waren Mitglieder der Women’s Social and Political Union, einer britischen Frauenwahlrechtsvereinigung, die ab 1910 zunehmend aggressive Methoden des Kampfes wählte. So bespuckten sie z.B. Politiker, schlugen Schaufenster ein (was 1912 in London zur Verhaftung von 124 Frauen führte), ketteten sich an Gitterstäbe, zündeten öffentliches und privates Eigentum an oder legten auch Bomben. in Deutschland (Ein Hundstagtraum)«. Zehn heiße Sommertage danach, am 1. August, erklärte Österreich-Ungarn Serbien und Deutschland Russland den Krieg: »The great seminal catastrophe« (George F. Kennan) des Ersten Weltkriegs, die nach der Meinung vieler nicht vorhersehbar gewesen wäre, nahm ihren Anfang. Einige hatten sie freilich schon seit längerem kommen gesehen. Die Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner zum Beispiel, die 1912 vorhergesagt hatte, dass »die Großmächte, obwohl sie eine schreckliche Angst vor dem Krieg haben, hilflos auf einen Flächenbrand zuzutreiben scheinen, der unsere Kultur und Zivilisation um ein Jahrhundert zurückwerfen wird.« Depesche der United Press Agency vom 20. April 1912, nachgedruckt in Advocate of Peace 74/5, (1912), 111. weiter

René Lenz

Zwischen Frieden, Demokratie und Bürgerkrieg

Die Revolution von 1918 in Deutschland

Das Ende des Ersten Weltkriegs markierte zugleich den Zusammenbruch des russischen Imperiums und der beiden Kaiserreiche Deutschland und Österreich-Ungarn. In allen drei Reichen kam es – ebenfalls am Ende des Krieges – zu revolutionären Erhebungen gegen die bestehende Ordnung. Während diese in Russland tiefgreifende Veränderungen nach sich zogen, war selbst dem in einer parlamentarischen Demokratie endende Revolutionsversuch in Deutschland kein nachhaltiger Erfolg beschieden. Daran hatte auch die zur damaligen Zeit stärkste, sozialistische respektive sozialdemokratische Partei (SPD) nicht unerheblichen Anteil. Uneins in der Frage über die Bewilligung der Kriegskredite zerfiel die Partei bereits im Jahre 1914 in einen gemäßigten und einen radikalen Flügel. Setzten erstere in Gestalt der Mehrheitssozialdemokratie (MSPD) auf Reformen innerhalb der bestehenden bürgerlich-marktwirtschaftlichen Verhältnisse im Kaiserreich und bis 1917 auf die Unterstützung des Krieges, lehnte der linke Flügel und damit die späteren Unabhängigen Sozialdemokraten (USPD) nicht nur die Kriegsführung entschieden ab, sie suchten zudem eine grundlegende gesellschaftliche und ökonomische Umwälzung der deutschen Gesellschaft zu erkämpfen. weiter