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Winter 2011/12

Freud’sches Versprechen

Zum gesellschaftskritischen Potential
der Psychoanalyse

Editorial

Der ganz normale Wahnsinn. Man ist ihn gewöhnt und antwortet mit einem zynischen Blick auf den Alltag, mit schnellem Verwerfen von Optimismus angesichts von Protesten, mit innerlichem Schulterzucken: Schließlich ist es Kapitalismus, schließlich ist es Deutschland oder typisch Staat. Und dann gibt es doch vereinzelt Meldungen, die nicht ganz so leicht abzutun sind. Eine eiskalte, rassistische Mordserie, verübt von Nazis, die zum Teil seit der Bombe in Jena gesucht werden. Das ist so eine Nachricht, die doch stutzig macht. Weiter

 

Inhalt

Top Story

Phase 2 Berlin

Freud’sches Versprechen

Zum gesellschaftskritischen Potential der Psychoanalyse

A dangerous method (Eine dunkle Begierde) lautet der Name eines Spielfilms, der kürzlich in den deutschen Kinos angelaufen ist. Der Film handelt von den Psychoanalytikern Sigmund Freud und Carl-Gustav Jung sowie der jungen Patientin Sabina Spielrein (die später selbst Psychoanalytikerin wurde). In dem Film geht es um unterdrückte sexuelle Wünsche beziehungsweise das Ausleben derselben, um Neurosen und deren Heilung mit Hilfe einer damals neuen kathartischen Behandlungsmethode: der Psychoanalyse. Was immer man von dem Film halten mag, er bringt die Psychoanalyse derzeit einem breiten Publikum nahe und wirft einen Blick auf die historische Entstehung der Methode sowie die Streitigkeiten, die diese von Beginn an aufwarf. Seit ihrer Entstehung handelt es sich um eine höchst umstrittene Theorie und Therapieform, die im Laufe ihrer Geschichte viele Umdeutungen, Revisionen, Fortschreibungen und Weiterentwicklungen erfahren hat und aus der sich mittlerweile unterschiedliche psychoanalytische »Schulen« in vielen Ländern entwickelt haben. weiter

Merve Winter

Psychoanalyse in der feministischen Kritik

Von der »Weiblichkeitsdebatte« zu aktuellen feministischen Rezeptionen

Seit fast einem Jahrhundert sieht sich die psychoanalytische Theoriebildung mit dem Vorwurf konfrontiert, dass sie der weiblichen Subjektentwicklung nur unzureichend beziehungsweise überhaupt nicht gerecht werde. Auch heute noch ist es der Vorwurf der Frauenfeindlichkeit, der viele Linke und Gesellschaftskritiker_innen auf Distanz zur Freud’schen Psychoanalyse gehen lässt. Und das nicht gänzlich zu Unrecht, denn die sogenannte »Freud’sche Weiblichkeitstheorie« kann in weiten Teilen als verfehlt bezeichnet werden.  weiter

Oliver Jelinski

Fremde Dinge und Monaden

Warum Adornos Rezeption der Psychoanalyse einen unzureichenden Subjektbegriff voraussetzt

Da weder die historische Objektivität mit Notwendigkeit auf die Emanzipation zusteuert, noch durch die Dominanz einer politischen Avantgarde im trade-unionistischen Klassenkampf die Klasse an sich zur Klasse für sich wird, ist es für die radikale Linke unumgänglich, sich mit den Bedingungen und Strukturen der Subjektivität zu beschäftigen, durch die hindurch das Kapital sich reproduziert und durch die es überwunden werden müsste. Zwar gibt es nach wie vor Frohgemute, die meinen, es bedürfe einfach noch mehr der Agitation, der Aufklärung oder der Einmischung in die reformistischen Kämpfe, dann würde das Bewusstsein schon folgen. Phänomene wie das Opfer für die Nation, das Verprügeln eines Schwulen oder der wieder aufkommende Hang zu Esoterik und Religion lassen aber doch sehr daran zweifeln, dass hier ein »noch nicht« am Werk ist. Offensichtlich richtet sich etwas in der Struktur gegenwärtiger Subjektivität gerade gegen die Aufklärung, gegen die Rationalität, und mit Sicherheit gegen die Emanzipation.  weiter

Christine Kirchhoff

Hass auf Vermittlung und »Lückenphobie«

Zur Aktualität der Psychoanalyse

Der Psychoanalytiker Peter Schneider attestierte der Wissenschaft im Allgemeinen eine »Lücken-Phobie«Peter Schneider, Freuds konkrete Atopie. Über die Ortlosigkeit des psychoanalytischen Gegenstandes, in: Beat Sitter-Liver (Hrsg.), Utopie Heute II, Fribourg/Stuttgart 2007, 205–221, hier 207, Fußnote., gründend in Kastrationsangst. Jegliche Lücke in der Erkenntnis bedrohe das ständige wie stetige Wachsen der Erkenntnis auf Vereinheitlichung hin,Vgl. Ders., Psychoanalyse und Neurowissenschaft: Inkompatibilität!, in: Heinz Böker (Hrsg.), Psychoanalyse und Psychiatrie. Geschichte, Krankheitsmodelle und Therapiepraxis, Heidelberg/New York 2005, 293-299, hier 298. ein Wunsch, der sich unschwer auf das zurückführen lässt, was Freud als erste infantile Sexualtheorie bezüglich der Entdeckung des anatomischen Geschlechtsunterschieds angab: Wenn etwas fehlt, dann wird es schon noch wachsen.Bei Freud heißt es dazu wie folgt: Angesichts der Genitalien eines kleinen Mädchens konstatiere der Knabe »nicht etwa das Fehlen des Gliedes, sondern sagt regelmäßig, wie tröstend und vermittelnd: der [...] ist aber noch klein, nun wenn sie größer wird, wird er schon wachsen«. Sigmund Freud, Über infantile Sexualtheorien, in: Gesammelte Werke 7, Frankfurt a.M. 1999, 178. weiter

Michael Höttemann

Symptom einer Männlichkeitskrise

Narzissmus und Antisemitismus im Comic »Foreskin Man«

Antisemitismus wird häufig als Problem diskutiert, das mit der Krisenhaftigkeit nationaler, ethnischer, rassistischer oder religiöser Identitäten verbunden ist, egal ob es sich gegenwärtig eher um Varianten des sekundären Antisemitismus oder des Antizionismus in seinen verschiedenen politischen Spielarten handelt. Das Feindbild ›Jude‹ erscheint dabei immer wieder als »Nicht-Identität«Klaus Holz, Die antisemitische Figur des Dritten in der nationalen Ordnung der Welt, in: Christina von Braun/Eva-Maria Ziege (Hrsg.), Das bewegliche Vorurteil. Aspekte des internationalen Antisemitismus, Würzburg 2004, 43-61., die einen vermeintlich homogenen Gemeinschaftskörper bzw. eine Ordnung solcher Gemeinschaften zu zersetzen droht.  weiter

Melanie Babenhauserheide

Einige Pointen ohne Witz

Eine grobe Einführung in die Psychoanalyse

Freuds Psychoanalyse und ein Witz haben eines gemeinsam: Sie lassen sich nicht zusammenfassen. Wer über die Pointe lachen will, muss zuvor den ganzen Witz hören. [...] Die Psychoanalyse hingegen lediglich als Konglomerat von Freuds ›Ergebnissen‹ oder ›Irrtümern‹ (je nachdem) darzustellen, hieße, die Pointe ohne den Witz zu erzählen.«Peter Schneider, Sigmund Freud, München 2003, 7.  Eine Einführung in die Psychoanalyse kann nie den ganzen Witz erzählen, höchstens Bruchstücke davon. Das schafft grundsätzliche Probleme: Die psychoanalytische Theoriebildung lebt vom Fallmaterial aus dem therapeutischen Setting, also dem, was auf der ›Couch‹ durch freie Assoziation, Übertragung und Gegenübertragung zum Vorschein kommt. Da Freud und seine Nachfolger_innen die Theorie immer am Material entwickelt und korrigiert haben, ist eine Bereinigung der Theorie vom Fallmaterial prinzipiell problematisch, weil sie die Dynamik herausnimmt und zum Schematismus neigt. Da die Theorie aus der Deutung des Fallmaterials entwickelt wird, schlägt sich die zentrale therapeutische Haltung der Offenheit auch in der Theorie- und Begriffsbildung nieder. Sobald sich also der Begriff am Gegenstand stößt, werden Begriff und Theorie verändert, verschoben, aber nicht grundsätzlich umgeworfen. weiter

Bernd Nitzschke

Psychoanalyse und Nationalsozialismus

Verbot oder Anpassung? Bruch oder Kontinuität?

Bernd Nitzschke erzählt die Geschichte der Psychoanalyse im Nationalsozialismus als Geschichte des Bruchs mit dem LinksfreudianismusGekürzte und überarbeitete Fassung eines Beitrags, der unter dem Titel »gerettet« oder »zerstört«? – Psychoanalyse unter Hitler« Fassung 2003 in der Zeitschrift für Politische Psychologie (Jg. 11, Heft 1-3, 121-144) erschienen ist weiter

Sebastian Tränkle

Jenseits der Illusion

Ein Plädoyer dafür, mit Freud gegen Freud Befreiung zu denken

Aber seine psychologische Voraussetzung vermag ich als haltlose Illusion zu erkennen«.Sigmund Freud, Das Unbehagen in der Kultur, in: Gesammelte Werke XIV, Frankfurt a.M. 1999, 419–506, hier 472f. Sigmund Freuds im Jahre 1930 gefälltes Urteil über den Kommunismus war eindeutig. Das »Unbehagen in der Kultur« war für Freud zu fundamental in der menschlichen Triebnatur verankert, als dass sich eine soziale Bewegung legitimerweise dessen gänzliche Aufhebung hätte auf die roten Fahnen schreiben dürfen. Diese Vorstellung einer unveränderbar gewalttätigen oder aggressiven Menschennatur, die Freud in seinem berühmten Text versucht, kulturtheoretisch auszuformulieren und mit dem Begriffsinstrumentarium der Psychoanalyse zu begründen, ist freilich nicht neu und gehört, seit Hobbes den Menschen zum Wolfe des Menschen erklärt hat, zum Standardrepertoire affirmativen Denkens.  weiter

Phase 2

»Bündnispartner eines emphatischen Utopiebegriffs«

Ein Gespräch mit Christoph Türcke über die Psychoanalyse im Zeitalter der Neurowissenschaften und das gesellschaftskritische Potential der Freud’schen Triebtheorie

Christoph Türcke ist Professor für Philosophie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. In seinen Arbeiten widmet er sich der Verknüpfung von materialistischer Gesellschaftstheorie und Psychoanalyse. Zu seinen letzten Veröffentlichungen zählen u. a. Erregte Gesellschaft. Philosophie der Sensation, Philosophie des Traums und der Essay »Jesu Traum. Psychoanalyse des Neuen Testaments«. Im März erscheint sein neues Buch Hyperaktiv! Kritik der Aufmerksamkeitsdefizitkultur. weiter