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Frühjahr 2011

Most Wanted

Kritik und Ressentiment
in der Debatte um den Islam

Editorial

Angesichts von zehntausenden Menschen, die durch Erdbeben und Tsunami gestorben sind, der Millionen von Menschen, die vor radioaktiver Strahlung durch die atomaren Anlagen in Fukushima bedroht sind, und angesichts der Traumata, Verwüstungen und Leiden, die in Japan zu sehen sind, versagt das linke Vokabular. Mitgefühl, Verstörung oder Verängstigungen gehören kaum ins Repertoire, in der Regel werden sie belächelt. Was bleibt? In gewohnter Manier den Mediendiskurs zu kritisieren, verärgert über die stereotypen Darstellungen von Japaner_innen als diszipliniert und obrigkeitsergeben zu sein? Oder über die bekannten und dennoch nahezu unerträglichen Meldungen, über die Anzahl der betroffenen Deutschen? Sicherlich, alles verwerflich. Ebenso zutreffend ist die Kritik an den zynischen Updates über die »Auswirkungen auf die Weltwirtschaft«, wenn in Ticker und Börsenreportage individuelles und kollektives Leid in monetäre Verluste und Gewinne Unbeteiligter umgerechnet wird. Weiter

 

Inhalt

Top Story

Phase 2

Most wanted

Kritik und Ressentiment in der Debatte um den Islam

Kurz nachdem der neue Innenminister Hans-Peter Friedrich sein Amt angetreten hatte, korrigierte er Christian Wulff und sprach aus, was vielleicht ein Großteil der Deutschen denkt: der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Um die Frage, wie mit der muslimischen Präsenz in Deutschland umzugehen sei, kreisen sowohl migrationspolitische Diskussionen als auch die sogenannte Integrationsdebatte. weiter

Udo Wolter

Die »Islamdebatte«

Zwischen Kulturalismus, Rassismus und falschen Vergleichen

Es kann kaum bezweifelt werden, dass die öffentliche Auseinandersetzung um Integration und die Muslime in Deutschland nicht erst seit der »Sarrazin-Debatte« ins Ressentimentgeladene gekippt ist. Seit Jahren arbeiten sich die prinzipiell immer gleichen Positionen mit zunehmender Verbissenheit aneinander ab. weiter

Jörn Schulz

Keine Reform ohne Revolution

Warum die Säkularisierung des Islam einen Bruch mit der theologischen Tradition erfordert

Wer in den sechziger Jahren aufwuchs, wurde, sofern die Eltern einen Fernseher erworben hatten, mit musikalischer Islamkritik konfrontiert. Der Hase Cäsar sang: »C-A-F-F-E-E / trink nicht soviel Kaffee / Nicht für Kinder ist der Türkentrank / Schwächt die Nerven, macht dich blass und krank / Sei doch kein Muselmann / der das nicht lassen kann.« Der Schwerpunkt der Islamkritik hat sich seitdem verschoben, erhalten blieb jedoch die Vorstellung vom »Muselmann, der das nicht lassen kann«. weiter

Klaus Blees

Ausgrenzung und Pseudointegration – Zur Doppelstrategie deutscher Islampolitik

Ein Plädoyer gegen die gängige Abschiebepraxis und für ein Umdenken der Integrationspolitik

Mit den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA rückte der Djihadismus als reale nicht mehr zu leugnende Bedrohung ins Bewusstsein der Bevölkerungen der »westlichen« Staaten und ihrer Politiker_innen. Weitere Anschläge folgten, in Westeuropa am verheerendsten 2004 auf Nahverkehrszüge in Madrid mit 191 Toten und 2005 auf die Londoner U-Bahn mit 52 Toten. weiter

Magnus Henning

Es kann doch nicht so schwer sein!

Im andauernden Versuch, sich von falschen Positionen bezüglich des Islams zu distanzieren, hat der Großteil der Linken vergessen, eine eigene zu entwickeln

Diejenigen, die es mit dem Antifaschismus ernst meinen, haben seit einer Weile verstanden, dass das Programm des Islamismus kein progressives ist, nicht auf die Befreiung von irgendetwas abzielt, sondern die Versklavung der Menschheit unter höchst frauenverachtende und lustfeindliche göttliche Gebote vorsieht. weiter

Floris Biskamp

Unwesentliches über den Islam

Von der Religionskritik zur Kritik der Religiositäten

Die »Kritik der Religion«, so hieß es einmal, sei die »Voraussetzung aller Kritik«.Alle Zitate der ersten beiden Absätze: Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung. In: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke Band 1, Berlin 1976, 378–391, hier 378f., Hervorhebungen entfernt. Feuerbach, dem Bürgerlichen, den Marx dafür lobte, »für Deutschland […] die Kritik der Religion im Wesentlichen beendigt« zu haben, ging es noch darum, das religiöse Bewusstsein zu kritisieren, weil es unwahr ist.  weiter

Phase 2 Leipzig

»Eine gewaltige Eruption«

Dan Diner im Interview zu den Ereignissen in der arabischen Welt und der Rolle des Islam in Europa

Dan Diner ist Professor für Geschichte an der Hebrew University Jerusalem und Direktor des Simon-Dubnow-Instituts für jüdische Geschichte und Kultur an der Universität Leipzig. Zu seinen letzten Veröffentlichungen gehören u.a. Versiegelte Zeit. Über den Stillstand in der islamischen Welt (Berlin 2005) sowie die Essaysammlung Zeitenschwelle. Gegenwartsfragen an die Geschichte (München 2010).   weiter

Christoph Kasten

Die Sehnsucht nach dem, was ohnehin schon ist

Oder: was hilft der Koran in einer kalten Welt?

Im Januar 2007 meldete der SPIEGEL unter Berufung auf eine Studie des Zentralinstituts Islam-Archiv-Deutschland e.V. (ZIAD) einen rasanten Anstieg der Zahl deutscher Islamkonvertit_innen zwischen Juli 2004 und Juni 2005. 4.000 Menschen konvertierten in diesem Zeitraum zum Islam, viermal so viele wie noch im Jahr zuvor. weiter

Markus Mersault, Lothar Galow-Bergemann

Das antimuslimische Ressentiment

Zum Begriff und Begreifen einer modernen Befindlichkeit

Wenn Thilo Sarrazin von Menschen spricht, die »ökonomisch nicht gebraucht werden«, sagt er die Wahrheit über die kapitalistische Krise: Sie macht in der Tat immer mehr Menschen »überflüssig«. Selbst Marktwirtschaftsinsass_innen, denen es noch relativ gut geht, ängstigen sich zusehends vor dem Fall ins Bodenlose und grenzen sich panisch gegen die Looser ab, von denen sie wähnen, sie hätten sie zu alimentieren. weiter