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Herbst 2010

Nach der Zärtlichkeit

Editorial

Beweise, dass es im Zweifel immer gegen Israel geht, gibt es zuhauf. In der weit gefassten Linken wird alles ausbeuterische Übel auf den jüdischen Staat projiziert, da ist man sich nicht zu schade gemeinsame Sache mit IslamistInnen zu machen, ganz praktisch auf dem Frauendeck hockend oder ideologisch argumentativ. In der schwul-lesbischen bzw. LGBT Szene sieht es kaum anders aus. Bei der Gay Pride Parade in Toronto durfte nach anfänglichem Ausschluss eine Organisation mit Namen Queers against Israeli Apartheid doch mitlaufen, nachdem es Proteste gab und den VeranstalterInnen Zensur vorgeworfen wurde. Schlimmer und offensichtlich antisemitisch verhielten sich die Pride OrganisatorInnen aus Madrid: eine israelische Delegation wurde kurzfristig ausgeladen. Begründung: die Angriffe auf die sogenannte Freedom Flotilla. Darüber hinaus wäre es schwierig die Sicherheit der israelischen Queers zu gewährleisten. Wie kann es sein, dass derartiges kaum mehr einen Skandal provoziert? Weiter

 

Inhalt

Top Story

Phase 2 Berlin

Nach der Zärtlichkeit

Einleitung zum Schwerpunkt

Wir leben in einer vormals kolonial geprägten Welt des globalisierten Kapitalismus, die von globalen Produktionszusammenhängen, Warenketten und Arbeitsmigration bestimmt ist. Dass diese Verhältnisse kritikwürdig sind, versteht sich innerhalb der Linken von selbst. Die Aufstände gegen das fortbestehende Elend in der inzwischen früher so genannten »Dritten Welt« werden heute jedoch deutlich weniger unterstützt als in den Hochzeiten des Internationalismus, als fast jeder Aufstand als Ausdruck einer antikapitalistisch-revolutionären Subjektivität und Glied in einer Kette gemeinsamer Kämpfe von der radikalen Linken begrüßt wurde. Die noch in früheren Dekaden starke internationale Solidarität mit verschiedenen Befreiungsbewegungen ist in den zurückliegenden Jahren erheblich in den Hintergrund getreten. Auf der einen Seite hat der »internationale Kampf« immer wieder gezeigt, dass man mit den »Anderen« doch viel weniger gemein hatte, als ursprünglich angenommen. Bereits in den siebziger und achtziger Jahren geriet wurde die Solidaritätsbewegung für die unkritische Unterstützung reaktionärer Bewegungen und revolutionsromantische Projektionen kritisiert. Im Zuge der Formulierung einer antinationalen und antideutschen Position hat sich dieser Konflikt noch verschärft. Gerade diese Strömung der Linken will sich nicht mit Bewegungen gemeinmachen, die sich durch ethnisches, nationalistisches und antisemitisches Denken auszeichnen. weiter

Manuela Buche

Postkolonialer Aktivismus und die Erinnerung an den deutschen Kolonialismus

Die Forderungen nach Repräsentation und sozialer Gleichstellung als zwei Pole einer neuen postkolonialen Bewegung

Im Februar dieses Jahres wurde in Berlin ein Teil des Spreeufers umbenannt. Das Kreuzberger Gröbenufer heißt jetzt May-Ayim-Ufer. Als die Straße 1895 den Namen des brandenburgischen Offiziers Otto Friedrich von der Groeben erhielt, war das Deutsche Kaiserreich seit gut einem Jahrzehnt Kolonialreich und unweit der Straße sollte bald die Erste Deutsche Kolonialausstellung eröffnet werden. Für das Reich war das Anlass, an koloniale Traditionen zu erinnern. Mit dem Straßennamen wurde von der Groeben als Begründer der Handelskolonie Großfriedrichsburg geehrt, die Brandenburg-Preußen an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert an der Küste des heutigen Ghana unterhielt. Damit, so machte der Kaiser in der Rede zum Festakt deutlich, konnte von der Groeben als früher deutscher Kolonialpionier gelten. Dagegen erinnerte der Bezirk Kreuzberg mit der Umbenennung an die 1996 verstorbene schwarze deutsche Anti-Rassismus-Aktivistin und Dichterin May Ayim. Die Umbenennung ist gewissermaßen ein postkolonialer Akt, denn mit May Ayim wird eine Person geehrt, deren politische, dichterische und wissenschaftliche Arbeit darauf zielte, die Kontinuitäten zwischen deutschem Kolonialismus und aktuellem Rassismus aufzuzeigen und die damit ein zentrales Anliegen von postkolonialer Kritik umsetzte: das Koloniale nach dem Kolonialen sichtbar zu machen. weiter

Phase 2 Leipzig

Internationalistische Praxis nach dem Internationalismus?

Interviews mit VertreterInnen von NoLager/transact!, Stop the Bomb und FelS

Die Phase~2 hat VertreterInnen dreier Gruppen aus Deutschland und Österreich zu ihrer Praxis befragt. Olaf Bernau lebt in Bremen in der Stadtkommune Alla Hopp, arbeitet in einer gewerkschaftlichen Antidiskriminierungsstelle und ist politisch aktiv bei NoLager Bremen und transact! aktiv. Simone Dinah Hartmann ist die Gründerin von Stop the Bomb und Sprecherin des Bündnisses in Wien. Gemeinsam mit Stephan Grigat hat sie im Studienverlag die Bände »Der Iran. Analyse einer islamischen Diktatur und ihrer europäischen Förderer« (2008) und »Iran im Weltsystem. Bündnisse des Regimes und Perspektiven der Freiheitsbewegung« (2010) herausgegeben. Chris und Jojo sind in der AG International Solidarität der Gruppe FelS aktiv. Während NoLager/transact! und die Gruppe FelS eher in einem globalisierungskritischen Spektrum zu verorten sind und sich vor allem Fragen der Migration widmen, konzentriert sich die Kampagne Stop the Bomb ausschließlich auf den Iran. Ziel der Interviews ist, die drei Ansätze, so unterschiedlich sie auch sein mögen, auf ihre je eigene Weise als Beispiele einer international agierenden Praxis nach dem Internationalismus zu diskutieren.  weiter

Jörn Schulz

Die Suche nach dem guten Taliban

Der gescheiterte Versuch der Demokratisierung Afghanistans und die Schwierigkeiten einer linken Einmischung

Die westliche Intervention hat Afghanistan keine gesellschaftliche Demokratisierung gebracht, eine linke Befreiungsstrategie gibt es nicht. Bevor Lösungen gefunden werden können, muss nach den Ursachen des Desasters gefragt werden. Die deutschen Soldaten hatten sich sehr auf den Besuch des Ministers gefreut, zumindest behaupteten das ihre Offiziere. Doch sie mussten auf das Schulterklopfen und die motivierende Rede Karl-Theodor zu Guttenbergs verzichten, denn die Quick Reaction Force in Baghlan war am 16. Juli mit einem Gefecht beschäftigt. Der Hubschrauber des Verteidigungsministers musste abdrehen. weiter

Inka Sauter

Ein Universalismus ohne westliche Werte?

Zu Frantz Fanons und Edward Saids Auseinandersetzung mit Kolonialismus und Dekolonisierung

In der Hochzeit des Imperialismus vom ausgehenden neunzehnten Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg war nahezu die gesamte restliche Welt von Europa ausgehend in Kolonialreiche aufgeteilt. In der heutigen postkolonialen Welt stellt sich die Frage, was der Kolonialismus hinterlassen hat, welche Fallstricke sich für postkoloniale Gesellschaften finden und was vom dichotomen Verhältnis von Kolonisierten und KolonialistInnen fortbesteht. Und grundsätzlicher: Wie ist es um einen universalistischen Anspruch bestellt, der nicht als ein Residuum des kolonialen Wertekanons betrachtet wird? Wie kann ein Humanismus formuliert werden, ohne ein festes Menschenbild anzunehmen, das im kolonialen Verhältnis immer auch das Bild der Europäerin oder des Europäers war? weiter

Carl Melchers

Nieder mit dem Diktator!

Israelsolidarität und iranische Opposition eint die Gegnerschaft zum iranischen Regime, eine praktische Kooperation gestaltet sich aber schwierig

Letztes Jahr, von Mai bis etwa August, waren die Medien der ganzen Welt wie gebannt von den Ereignisse im Iran und konnten offenbar vom Anblick der Massen, die gegen das Regime »der Islamischen Republik in ihrer aktuellen militarisierten, neo-faschistischen Gestalt« Afsahne Moqadam, Death to the Dictator. A Young Man Casts a Vote in Iran's 2009 Election and Pays a Devastating Price, New York 2010, 29. auf die Strassen strömten, nicht genug bekommen. Da war sie, die Revolte der Strasse im Nahen Osten, ein Protest, der weltweit seinesgleichen suchte. Ein Aufzug von Millionen, die der festen Überzeugung waren, zum wiederholten Mal – wenn auch noch nie mit solcher Dreistigkeit – bei einer Wahl vom Regime übers Ohr gehauen worden zu sein. Mit religiösen Gefühlen, die jener »nahöstlichen Straße« immer gerne von ExpertInnen aus Europa als wichtigstes Handlungsmotiv unterstellt werden, hatten diese Manifestationen höchstens am Rande etwas zu tun. weiter

Oliver M. Piecha

In Unschuld gewaschene Hände

Über partikulare Interessen und universelle Werte in der Diskussion um internationale Interventionen

Der Geruch, die Geräusche? Ob die Frauen geschrien haben beim Verbrennen? Oder saßen sie nur stumm in den Flammen, selbstzufrieden, mit sich und der Welt im Reinen, sogar glücklich, weil sie ihrer ureigenen kulturellen Auffassung vom Weg, den eine treue Witwe mit dem verstorbenen Ehemann teilen sollte, so beredt bzw. schweigend beredt Ausdruck geben konnten. Vielleicht haben sich aber auch bloß die männlichen Verwandten beim Anblick so einer brennenden Witwe über ein größeres Erbe gefreut, zumindest in Bengalen, wo die Frauen auch volles Erbrecht besaßen und wo das Zeremoniell der rituellen Witwenverbrennung Anfang des 19. Jahrhunderts besonders virulent war. weiter

Jule Pickenbrock

Feuer ins Öl

Wider die Hilfe gegen die Solidarität

Bis 2015, also in nur fünf Jahren, soll zufolge der »Millenium Development Goals« Die Mitgliedsstaaten der UN und 23 Internationale Organisationen haben 2001 vereinbart, die acht »Millenium Developement Goals« bis 2015 zu erreichen. Oberstes Ziel ist die Halbierung extremer Armut. http://www.un.org/millenniumgoals/. die Zahl der Menschen halbiert sein, die mit weniger als einem US Dollar am Tag leben und somit Hunger leiden. Und was, wenn nicht? Es glaubt kaum noch jemand daran, insbesondere nicht die Menschen, die sich die Erfüllung der Ziele zur Aufgabe gemacht haben. Der Glaube an die Entwicklungshilfe hingegen, inzwischen »Entwicklungszusammenarbeit« genannte, scheint ungebrochen. Allgemein ist es eine der Stärken dieses Feldes, Konzepte, die an der Umsetzung scheitern, mit anderen Vokabeln zu belegen und wie bisher, weiter zu betreiben. Dies geschieht, obwohl Kritik an den Erfolgsaussichten hinsichtlich der faktischen Verbesserung der Lebensumstände in den sogenannten »Less and least developed countries« von Entwicklungszusammenarbeit bereits umfassend formuliert wurde und spätestens seit dem Bestseller »Dead Aid« Dambisa Moyo, Dead Aid. Why Aid Is Not Working and How There Is Better Way for Africa, New York 2009. auch grundsätzliche Zweifel größere Popularität erreicht haben. weiter