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Sommer 2009

Unbehagen von Gewicht

Editorial

Queer History 101: Im Juni 1969, als jedeR noch mindestens drei geschlechtsspezifische Kleidungsstücke tragen musste, Polizisten »Lesben« als Erziehungsmaßnahme vergewaltigten und Trannies und Drag Queens wörtlich um ihr Leben fürchten mussten, wurde eine Razzia gegen eine Gay-Bar der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringen sollte. Bei der Razzia des Stonewall Inn waren es zunächst vor allem die Butches sowie die schwarzen und hispanischen Drag Queens, die auf der Straße arbeiteten und wenig zu verlieren hatten, die anfingen, Widerstand gegen die Cops zu leisten. Aus der bis dato normalen Vorgehensweise der Polizei entwickelten sich die Stonewall-Riots, die mehrere Tage andauerten und die international als Anfang schwul-lesbischer Bewegung gelten. Dieser Event wird nunmehr gefeiert als Gay Pride, zumindest in der westlichen Welt. Im europäischen, Nahen und Fernen Osten stehen Parties für alle Gays und Queers immer noch bestenfalls unter Polizeibewachung, werden verboten oder sind kühne Zukunftsfantasien. In Deutschland heißen die Paraden Christopher Street Day, nach der Straße des Stonewall Inn, was bei nicht wenigen dazu führt, zu fragen, wer denn dieser Christopher Street gewesen sei. Vor vierzig Jahren also begann der Kampf um Rechte gewaltsam und anfangs deutlich politisch links. Auch das ein Anlass, die queere Theorie und Praxis auf den Prüfstand zu stellen und nach den Verbindungen und Überschneidungen zwischen queeren und klassischen linksradikalen Ansätzen zu fragen. Weiter

 

Inhalt

Top Story

Phase 2 Berlin

Unbehagen von Gewicht

Einleitung zum Schwerpunkt

Queere Bewegungen verzeichnen seit den neunziger Jahren starken Zulauf. Sie haben eine für viele Menschen attraktive Praxis entwickelt, die an traditionell linke Konzepte anknüpft und sich zum Teil mit linken Räumen und Bewegungen überschneidet. Zugleich hat sich mit den akademischen Gender-Studies und den verschiedenen Ausprägungen dekonstruktivistischer Theoriebildung auch eine Form der Gesellschaftskritik etabliert, die ebenfalls Schnittmengen mit linker, also im weitesten Sinne marxistischer, kritischer Theorie aufweist. Beiden geht es um die Analyse der Konstitution menschlicher Gesellschaft und ihrer Herrschaftsmechanismen - und in der Folge um die Wiederherstellung der Souveränität der Menschen über die Strukturen, die ihr Leben ordnen und ihnen, im Kapitalismus wie im System der Zweigeschlechtlichkeit, als natürlich entgegen treten wollen. Nicht zuletzt gibt es zwischen linken und queeren Bewegungen auch personelle und praktische Überschneidungen. Feministische Positionen und die Kämpfe von Schwulen und Lesben fanden lange Zeit in der Linken eine Heimat, in der nicht nur die Idee der radikalen Veränderbarkeit des Zusammenlebens bereits vorgedacht war, sondern auch Praxismodelle von Freiraumpolitik, solidarischer Aktion und Alltagskämpfen in der bürgerlichen Gesellschaft entwickelt wurden. Zugleich galt aber der Linken die Diskriminierung aufgrund von Geschlecht und sexuellem Begehren bestenfalls als »Nebenwiderspruch«, als sekundäres Problem also, das auf die Ausbeutungsverhältnisse im Kapitalismus zurückzuführen sei und zusammen mit diesen zwangsläufig auch verschwinden müsse. Solange aber die Überwindung des Kapitalismus noch auf sich warten ließ, blieb die Teilung von Produktion und Reproduktion (oder jargonbefreit formuliert: zwischen Hausarbeit und Demo-Abenteuern) ein Problem. Der Verdacht gegenüber FeminstInnen und schwul/lesbischen AktivistInnen, durch die Konzentration auf solche »Nebensächlichkeiten« den revolutionären Kampf zu schwächen, und die oft fehlende Selbstkritik in der Linken angesichts von Homophobie und Sexismus in der eigenen Praxis markierten die Spannungen zwischen beiden Bewegungen vor der Ausformulierung queerer Konzepte am Ende des letzten Jahrhunderts. weiter

Lucia Garcia & Zack Martyn

Möglichkeiten queerer Praxis

Von Grundforderungen queerer Politik zum revolutionären Anspruch linksradikaler Queerer

Befragt man Menschen aus schwulen, lesbischen und transgender-Zusammenhängen, Im Folgenden auch abgekürzt als lgtb – lesbian, gay, transgender & bisexuell. ob sie sich als queer bezeichnen würden, so erhält man viele, sich teils widersprechende Antworten. Von einigen wird queer so verwendet, wie in der Einleitung zu diesem Heft vorgestellt, nämlich – jenseits vom konkreten eigenen (Sexual)leben – verknüpft mit dem Anspruch, sowohl die hierarchisierende Geschlechterbinarität also auch herkömmliche Kategorien des sexuellen Begehrens in Frage zu stellen. Andere verwenden queer eher als Begriff für ihre Freizeitgestaltung – queer ausgehen, sich in lgtb-Kontexten bewegen – und nennen ihr dezidiert politisches Handeln antisexistisch, (pro)feministisch, bzw. transgender. weiter

Katrin Köppert

Lieber ein Fähnchen im Wind

Radikale queere Theorie stellt geschlechtlich Identitäten grundlegend in Frage

Hoch auf seinem Wagen sitzt Harvey Milk in dem soeben gesehenen Biopic Milk von Gus Van Sant und jubelt auf der Gay Freedom Day Parade 1978 seinem phänomenalen Erfolg entgegen. Knapp 10 Jahre nach Stonewall 1969, Am 27. Juni 1969 wehrten sich Homosexueller gegen eine Razzia der Polizei im Stonewall Inn, einer Bar mit homosexuellem Publikum in der Christopher Street in New York, was in wochenlange Unruhen gipfelte. Dieser Tag wird heute international begangen (in Deutschland als Christoper Street Day). dem Wendepunkt in der Schwulen- und Lesbenbewegung, wurde der New Yorker Harvey Milk der erste bekennend homosexuell lebende Stadtrat San Franciscos und zugleich zum Symbol und Märtyrer der Emanzipationsbewegung, wobei bereits hier betont sei, dass es sich nie um eine einheitliche Bewegung gehandelt hat. weiter

Merve Winter

Welcher Körper überhaupt?

Ein Häufchen unvermeidlich (de-)konstruierte Leiblichkeitserfahrung

Der Körper und seine Verfasstheit sind seit Langem Streitobjekte innerhalb der feministischen und queeren Theoriebildung. Häufig wird dabei nach zwei Richtungen hin polarisiert: Entweder wird der Körper als vollständig diskursiv, durch Text und Sprache erzeugter bestimmt, oder es wird – um den Aspekten seiner Materialität gerecht zu werden – auf seine »Naturhaftigkeit« und seine »biologischen Imperative« rekurriert. Diese Polarisierung und Grundkontroverse im Sinne eines Essentialismus versus Konstruktivismus findet sich nicht nur innerhalb der feministischen Theoriebildung und der aktuellen Debatten der Genderstudies, sondern hat auch Einzug in linke Diskussionszusammenhänge gehalten. weiter

Stefan Krauth

Das sanftmütige weibliche Gehirn

Zur produktiven Kraft normativer Erwartungen in der sozialen Praxis Wissenschaft

In seinem Roman Solaris schildert Stanis?aw Lem die Forschungsreise dreier Wissenschaftler zum gleichnamigen Planeten. Auf der Suche nach nichtmenschlichem Leben stoßen sie dort auf einen rätselhaften Ozean, der die Gabe hat, die Erinnerungen der Forscher zu materialisieren. So tritt die verstorbene Frau Hari des Psychologen Kelvin als Gestaltung der vergangenen Schuld des Forschungsreisenden wieder auf. Anstatt sich der Erforschung des fernen Planeten widmen zu können, bleiben die Forscher gefangen im Zirkel ihrer Vergangenheit. Sie wollten einen unbekannten Planenten erforschen, erhalten aber allein den Spiegel der eigenen Vorstellungen. Als Hari bewusst wird, dass sie nur die materialisierte Erinnerung Kelvins ist, überwindet sie den Status der passiven Gestaltung. Sie gewinnt Eigenständigkeit durch das Bewusstsein, vom Ozean aufgrund der Erinnerungen Kelvins geschaffen worden zu sein. weiter

Jana Scheuring

Begriffe und Bedeutungen

Diskurse sind Ausdruck und Verankerung von Macht und Wissen, auch die Unterscheidung zwischen sex und gender verfestigt die Geschlechterbinarität

Anatomische Körper befinden sich als kulturelle Konstrukte immer schon in einem vorstrukturierten, binären Rahmen von Geschlechtlichkeit. Darauf weist Stefan Hirschauer hin: »Die kulturelle Wirklichkeit zweier Geschlechter aber kann nicht aus einem Unterschied der Genitalien ›folgen‹, da sie Geschlechtszeichen nur im bereits bestehenden Kontext dieser Wirklichkeit sind.« Stefan Hirschauer, Die soziale Konstruktion der Transsexualität. Über die Medizin und den Geschlechtswechsel, 2. Aufl., Frankfurt a.M. 1999. Auch Judith Butlers betont bereits in Das Unbehagen der Geschlechter, dass es keinen natürlichen, unbezeichneten, nicht sexuierten/sexed Leib gibt, der vor oder außerhalb des Diskurses zu finden sei. weiter

AFBL (Antifaschistischer Frauenblock Leipzig)

Im Verhältnis

Eine Begriffsdiskussion zu heteronormativer Matrix und Patriarchat

Wenn das Geschlechterverhältnis heute auf einen Begriff gebracht werden soll, stehen zwei Konzepte scheinbar in Konkurrenz: Patriarchat und heteronormative Matrix. Die Frage, die beide zu beantworten versuchen, ist die nach dem gesellschaftlich wirkmächtigen Strukturprinzip im Geschlechterverhältnis. Das Patriarchat geht von einem binären Geschlechterverhältnis aus und betont die Hierarchie der Geschlechter. Die heteronormative Matrix denaturiert diese Binarität und kritisiert die heterosexuelle Norm. weiter

JustIn Monday

Das postmoderne Versprechen

Ideologiekritisches zur Geschichte des Geschlechterverhältnisses in den Kategorien Judith Butlers

Der Feminismus, so die Quintessenz der postfeministischen Debatten, hat aufgehört zu existieren. Was bleibt, sind Feminismen. Dabei scheint selbst das noch übertrieben, vielmehr sieht es so aus, als sei der Feminismus grundsätzlich nicht tradierbar. Von relativ eigenständigen theoretischen Schulen, dem üblichen Ergebnis geistesgeschichtlicher Tradierung, kann kaum die Rede sein. Für die Geschichte der zweiten Frauenbewegung bedeutet dies, dass – beginnend mit den Schriften Simone de Beauvoirs – die theoretischen Referenzpunkte nicht zu verbessernde, zu erweiternde oder sonstwie zu bearbeitende Theorien von Vorgängerinnen waren, die eigentlich schon immer alles richtig gemacht, sich aber in dem einen oder anderen Punkt geirrt hatten. Der souverän verfügende und damit patriarchale Blick auf die Geschichte scheint entweder nicht gewollt, oder nicht möglich zu sein. Für Letzteres spricht, dass immer wieder neu Bezug genommen wurde auf die jeweils aktuellen gesellschaftstheoretischen Paradigmen. Dementsprechend radikal wurden die vorangegangenen feministischen Paradigmen stets wieder verworfen. Denn aus der Perspektive der feministischen Rezipientinnen der Psychoanalyse in den siebziger Jahren sind die existenzialistischen Grundannahmen de Beauvoirs genauso grundsätzlich verfehlt wie etwa diejenigen der marxistischen Feministinnen aus der Sicht der heutigen Queer-AktivistInnen. Die Genealogie der theoretischen Kritik scheint, wie diejenige der bürgerlichen Familie, männlich zu sein. weiter

Oliver Jelisnki

Prothetisierung und Sowjetmacht

Über das Reale in Queer, warum die Abschaffung des Kapitalverhältnisses noch keine Geschlechterverhältnisse revolutioniert und wie Sexualtechnologie dabei

Für TheoretikerInnen, deren Blick auf gegenwärtige Gesellschaften wesentlich durch die Marxsche Analyse des Kapitals strukturiert ist, ist der Umgang mit Geschlechterverhältnissen stets ein Problem. Während dem Kapitalverhältnis und den mit seinem Prozessieren notwendig einhergehenden Brutalitäten mit einem einfachen, fast realpolitischen ersten Schritt zu begegnen ist, nämlich mit der Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln und der Übergabe der Kontrolle über Produktion und Distribution an Räte, Sowjets, scheint erstens solch eine Umstrukturierung des Reproduktionszusammenhangs Geschlechterverhältnissen keinen Abbruch tun zu können. Zweitens ist auch kein anderer Ansatzpunkt in Sicht, von dem aus man den Geschlechterverhältnissen die Grundlage entziehen könnte. So etwas wie eine klare Grundlage der Geschlechterverhältnisse scheint es noch nicht einmal zu geben. In marxistischen Gruppen wird die queere oder nicht queere theoretische und praktische Arbeit gegen die gegenwärtigen Geschlechterverhältnisse deshalb häufig milde belächelt oder, auch wenn das heute nicht mehr so heißt, als Nebenwiderspruch abgetan, eben, weil sie immer mit den Erscheinungen kämpft und nicht gegen das Wesen. Noch häufiger allerdings wird solche Arbeit freundlich abgenickt und höflich begrüßt, weil man ja nicht sexistisch wirken will. Selber würde so ein Marxist das aber nicht machen, jedenfalls nicht, solange es sich nicht direkt auf das Kapital beziehen lässt. weiter